"Wären wir Palästina, würde sich die EU aufregen"

3. Februar 2012, 06:15
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    foto: reuters

    Der Zerstörer HMS Dauntless wird im März bei den Malvinas stationiert.

30 Jahre nach dem Falkland-Krieg gibt es neuen Streit zwischen London und Buenos Aires

Beide Seiten werfen einander Kolonialismus vor - letztlich geht es aber wohl um Ölvorkommen vor der Inselgruppe.

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Eigentlich wollten sich britische Diplomaten im neuen Jahr darauf konzentrieren, die jüngsten Irritationen im Verhältnis zu den europäischen Verbündeten auszuräumen. Stattdessen steht ein längst vergessen geglaubtes Thema auf der Agenda: 340 Inseln im Südatlantik, bevölkert von 800.000 Pinguinen, 600.000 Schafen und 3000 Insulanern. Die Einwohner nennen ihre Inseln Falklands, nach einem Admiral der Royal Navy, und beschwören seit 1833 ihre Treue zum 12.800 Kilometer entfernten London.

Die "Islas Malvinas gehören zu Argentinien!" (Entfernung: 480 Kilometer), bekräftigte hingegen dessen Präsidentin Christina Fernández de Kirchner vor Weihnachten wieder einmal und veranlasste das südamerikanische Handelsbündnis Mercosur zu einer Hafenblockade für die 25 Schiffe unter Falklands Flagge. Flugs versicherte ein irritierter britischer Premier David Cameron den Untertanen Ihrer Majestät: "Ihr Recht auf Selbstbestimmung ist Kernstück unserer Politik." Argentinien betreibe "Kolonialismus".

Der Streit trifft die ohnehin heiklen Beziehungen zu einem schwierigen Zeitpunkt. Die bevorstehende Premiere des Films The Iron Lady über die frühere Premierministerin Margaret Thatcher (Hauptrolle: Meryl Streep) sorgt in beiden Hemisphären für Nervosität: Schließlich war der Falkland-Krieg 1982 eine der entscheidenden Episoden ihrer Amtszeit (1979-1990).

Hoher Besuch

Am Donnerstag traf zudem Prinz William auf den Falklands ein. "Leutnant Wales" ist dort als Pilot eines Rettungshubschraubers für sechs Wochen stationiert. Seine Anwesenheit wird von den Argentiniern als "Provokation" aufgefasst, denn William trage "die Uniform des Eroberers". Doch damit nicht genug: Die Royal Navy hat für März die Entsendung ihres hochmodernen Zerstörers HMS Dauntless angekündigt. Er löst dort, "seit langem geplant", eine ältere Fregatte ab.

Und schließlich steht der 30. Jahrestag jenes Krieges an, den das Autorenduo Max Hastings und Simon Jenkins in The Battle for the Falklands als "Laune der Geschichte" bezeichnen: Am 2. April 1982 waren die Argentinier auf den Inseln gelandet, doch bis zum 14. Juni eroberten die Briten sie zurück. Großbritanniens "mit hoher Wahrscheinlichkeit letzter Kolonialkrieg", so Hastings und Jenkins, kostete 649 Argentiniern und 255 Briten das Leben, außerdem drei Inselbewohnern. In Argentinien beschleunigte das Desaster den Sturz der Junta unter General Leopoldo Galtieri. In London konnte hingegen Thatcher ihre Macht zementieren.

Keine Statusänderung

Von Verhandlungen oder Ausgleich sprechen in London seither nur Außenseiter: Der Lateinamerika-Experte Richard Gott propagiert etwa ein Pacht-Modell. Die Falklanders pochen hingegen auf Selbstbestimmung und fühlen sich von Argentinien bedrängt. "Wenn wir Palästina wären, würde sich die EU über solche Drohungen aufregen", schäumt Roger Spink von der örtlichen Handelskammer.

In London wird abgewiegelt: Für Brasilien, Uruguay und Paraguay sei die Seeblockade bloß ein billiger Weg der Solidarität, schließlich dürfen Schiffe unter britischer Flagge weiterhin problemlos ihre Ladung löschen.

Die neue Aufregung, lästert die Financial Times, reflektiere die bescheidenen außenpolitischen Ambitionen in Buenos Aires: Während Brasilien einen permanenten Sitz im UN-Sicherheitsrat anstrebt, mache Kirchner die Falklands zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Außenpolitik. Sie drohte zuletzt gar damit, die Überflugrechte für den einzigen Direktflug zwischen den Inseln und dem Kontinent, Punta Arenas in Chile, zu entziehen.

Vielleicht bietet das Jahr 2012 wenigstens einen Durchbruch der wirtschaftlichen Art: Ein Firmen-Konsortium plant neue Ölbohrungen. Bisher haben sich die auf bis zu 60 Milliarden Barrel geschätzten Rohstoffvorkommen rund um die Inseln der kommerziellen Förderung verweigert. Firmen wie Falkland Oil & Gas (FOGL) oder Borders & Southern - in der Branche scherzhaft "Südatlantik-Scheichs" genannt - wollen nicht lockerlassen, allen politischen Spannungen zum Trotz. "Das ist doch nur Säbelrasseln", glaubt jedenfalls FOGL-Chef Tim Bushell. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD. Printausgabe, 3.2.2012)

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Der Waehlerwille
 
04
Was in diesem Zusammenhang etwas untergeht

weils immer heisst die "nähe" wäre ausschlaggebend, und das Argentinien (was eine falsche Annahme ist) in der Vergangenheit eine n Rechtsanspruch auf die Falklands gehabt hätte ..

Argentinien hatte ebenso auf (das wohl doch etwas weiter abgelegene) South Georgia Anspruch angemeldet und es gleich militärisch mitbesetzt ...

Was genau war das wenn nicht ein simpler Akt des argentinischen Kolonialismus?

so so ....
00
13.2.2012, 20:33

Die gesamte Besetzung vor 30 Jahren war ein sinnloser und kontraproduktiver Akt. Dies enthebt die Briten allerdings nicht der Rechtfertigung für manche Aspekte ihrer Kriegsführung (Belgrano, atomare Mittelstreckenraketen).

Gleichzeitig ändert dies alles aber auch nichts an den Ansprüchen Argentiniens aufgrund unterschiedlicher Regeln und Sachverhalte.

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jesus mohammed
41
"Werfen sich Kolonialismus vor" - Genau, die Inseln gehören - wie der Rest Amerikas - entweder den Indianern oder Mutter Erde, aber nicht irgendwelchen Europäern.

insertnamehere
 
13
Und die Argentinier halten Sie nun also für Indianer?

jesus mohammed
10
Nee, Italiener und Spanier - Kriseneuropa braucht ihre koloniale Tatkraft zu Hause.

Der Waehlerwille
 
01
es gibt erstens keinen kolonialen Kontext .. ausser dem argentinischen.

Und zweitens gehts der argentinischen Wirtschaft nach wie vor ziemlich schlecht. Sind die nun plötzlich krisenfrei?

Tony M. Manero
133
GB ist das Letzte!

Dort gibt es nur sinnlose Finanzwirtschaft und ein paar üble Konzerne, die ehemalige Kolonien ausbeuten.

Da hat sich nix geändert, seit Charles Dickens.

Der Waehlerwille
 
12
jaja ... der Antibritische Beissreflex. Kennen wir schon.

Preet Bharara
10
ist eher ein Speibreflex

Mirabeau
12

Eine Inselgruppe, die vor den Briten unbewohnt war, die von Briten entdeckt und besiedelt wurde, die aussschließlich von Briten bewohnt wird, ist für sie eine "ausgebeutete, ehemalige Kolonie?"

1770 eroberten die Spanier das 1765 von britischen Siedlern gegründete Port Egmont und nahm die Briten gefangen.
Ab 1820, nach der Unabhängigkeit von Spanien, übernahmen Argentinier die besetzten Inseln.
13 Jahre später, am 5. Jänner 1833 wurden die Inseln dann von den Briten kampflos zurückerobert.

Der argentinische Anspruch begründet sich auf 13 Jahre argentinische Besetzung!

Carl C.
95
Der britische Guardian schreibt,

dass es vor der britischen Besiedlung argentinische Siedler gab, die eine Behauptung für die man hier eine Flut von Roten Strichen kassiert.

"The Falklands were seized for Britain in January 1833 during an era of dramatic colonial expansion. Captain John Onslow of HMS Clio had instructions "to exercise the rights of sovereignty" over the islands, and he ordered the Argentinian commander to haul down his flag and withdraw his forces. Settlers from Argentina were replaced by those from Britain and elsewhere, notably Gibraltar. "

http://www.guardian.co.uk/commentis... .falklands

Der Waehlerwille
 
10
Die paar "Argentinier" waren aber unrechtmässig vor Ort.

dk2k3i
27

Nur das vor diesen Siedlern bereits Engländer und Franzosen dort waren und Argentinien zu Unrecht die Inseln in besitz nahm (damit seine Leute zu Unrecht ansiedelte) da Spanien nicht den Kolonialbesitz vergeben konnte den es nicht besaß war es nur rechtens.

Der Neue Mensch
210

KGB-Spion Richard Gott verschweigt, dass die Argentinier ebenfalls nichts anderes als (spanische) Kolonialisten, bzw. deren Nachfahren waren, die gerade ihre Unabhängigkeit von der Krone erreicht hatten. Zuvor haben sie riesige Landflächen den damaligen indigenen Einwohnern weggenommen. Desweiteren waren es nicht die Briten, die die paar Argentinier verjagt haben, sondern 2 Jahre (1831) vorher die Amis.

"dramatic colonial expansion" ist also pure Heuchelei, um damit irgendeinen Anspruch Argentiniens zu begründen.

recycle _or die
01

stimmt, die argentinier haben den anspruch von den spaniern übernommen von denen sie sich losgesagt haben. der anspruch wurde nie aufgegeben, die station die die argentinier auf den inseln hatte wurde von den us-amerikanern zerstört und die briten haben die situation ausgenutzt und die inseln besetzt.

ich weiß das der anspruch argentinies darauf auch eher ein wackeliger ist, aber erschreckend ist wie hier krampfhaft versucht wird die gewaltsame besitznahme durch kolonialisten der übelsten sorte zu legitimieren. anstatt zu versuchen die unrechtmäßigkeit argentinies anspruch zu argumentieren versuchen sie doch mal im gegenzug die rechtmäßigkeit der besetzung durch die briten zu argumentieren. das sieht nämlich ähnlich wackelig aus.

Kowosch
 
03

Die Frage ist doch einfach auch, ab wann man die Heimatrechte und Souveränität einer auf einem Gebiet lebenden Population als einfach nicht mehr zu diskutieren betrachtet. Daß diese im Fall der Falklands nun schon seit weit über 100 Jahren großteils durchgängig dort lebt, kann doch nicht ignoriert werden. Ebensowenig, daß sich die Falkländer definitiv britisch fühlen.

Wenn man diese Heimatrechte nun in Frage stellt - dann sähe es aber wirklich, in der Konsequenz, auch für die Heimatrechte der 90% der Argentinieren, die europäische Wurzeln haben, in Südamerika schlecht aus. Und in Europa könnte man so auch eine Reihe Konflikte kreiieren. In Nahost ist das eh Quelle steter Kriege...

tan48
02

Man sollte eventuell auch erwähnen, dass der argentinische Offizier erst kurz vor eintreffen der Briten die Lage beruhigt hatte und damit beauftragt war eine Strafkolonie zu schaffen.
Davor waren die Falklandinseln de facto Niemandsland.
Die Briten hatten aber schon 1765 eine Siedlung dort, die Franzosen sogar schon vorher.

so so ....
00
13.2.2012, 20:36

und von den franzosen habe es die spanier gekauft, bis ein Teil von denen sich danach zu Argentiniern machte und in die Rechte der Spanier eintrat.

_ricko_
01
und davor von einem engländer unbewohnt entdeckt,

danach in französischem besitz, anschließend spanien, etc.

das war 1592.

falls wir von der geschichte des 2ten weltkriegs sprechen, fangen wir auch nicht 1940 an und mockieren uns, dass die franzosen mit hilfe der alliirten den von deutschland okkupierten nordteil zurückerobert haben

Frodo Der Hobbit
51

und auf diese großtaten bilden sich hier ein paar fanboys mehr ein als die briten selber.

so so ....
51

guter beitrag, das.

weiter unten sind tatsäclich einige irre unterwegs ...

Utrillitn
154
Was haben die Briten dort verloren ?

aus Google Maps > Satelliten-Ansicht ersieht man, daß die Inseln noch auf dem Kontinentalsockel vor Argentinien liegen. In dieser Hinsicht hat GB dort nix verloren.

Es geht aber um mögliche Ölvorkommen.

Die unkommentierte Schlagzeile hier ist ziemlich jenseitig. Von Palestina und dessen Selbständigkeit hat im Zusammenhang mit den Falkland-I. zuerst Cristina Kirchner im Dezember gesprochen. Hier wird die Replik aus Falkland zitiert.

Der Waehlerwille
 
11
Argentinien hat einen eigenen Kontinentalsockel?

interessant ...

Timagoras
 
08
"Was haben die Briten dort verloren ?"

.
und was haben Dänen auf Bornholm verloren?
aus "Google Maps > Satelliten-Ansicht" ersieht man, dass die Insel vor Schweden liegt. In dieser Hinsicht hat Dänemark dort nix verloren.

das selbe gilt für Rhodos und Kos (Türkei) etc. etc.

Sie würden die bewohner all dieser inseln gewaltsam vertreiben, damit sie dem (gemäß Google Maps > Satelliten-Ansicht) "richtigen" land zugeschlagen werden???

badat
08

Es gibt im Völkerrecht nirgends einen Punkt der besagt, dass eine Insel(gruppe) automatisch zu dem Staat gehört, der auf dem selben Kontinentalsockel am nächsten liegt. Erst recht nicht, wenn fast 500 km (ca. Wien-Bregenz) zwischen den Inseln und dem Kontinent liegen. Ihrer Argumentation nach müsste Grönland zu Kanada gehören. Ist es auch ein unrecht, dass es das nicht tut?

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