Europäische Union

Österreich behindert den Kampf gegen Steuerflucht

Interview | András Szigetvari, 2. Februar 2012, 18:39

EU-Steuerkommissar Algirdas Semeta: Blockade Wiens hindert andere EU-Staaten an "besserer" Steuereintreibung und ist inakzeptabel

Österreich steht dem effektiven Kampf gegen Steuerbetrug im Weg, sagt EU-Kommissar Algirdas Semeta und erklärt warum Finanztransaktionen besteuert werden müssen.

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Standard: Herr Kommissar, sind Sie verrückt?

Semeta: Warum fragen Sie?

Standard: Sie kämpfen seit einem halben Jahr für die Einführung einer EU-weiten Finanztransaktionssteuer. Der britische Premier David Cameron bezeichnete die Idee jüngst als "verrückt". Er meinte, die Einführung der Steuer würde eine halbe Million Jobs kosten.

Semeta: Ich reiche die Frage weiter: Länder wie Österreich, Italien, Deutschland und Frankreich unterstützen die Transaktionssteuer. Sind die alle wahnsinnig? Jeder Vorschlag zur Einführung einer neuen Steuer ruft heftige Reaktionen hervor. Daran bin ich gewöhnt. Unsere britischen Freunde neigen dabei zu irreführenden Übertreibungen. Es wäre an der Zeit, die Debatte zu entemotionalisieren.

Standard: Das Hauptargument gegen die Finanztransaktionssteuer ist, dass Banken ihre Geschäfte ins Ausland verlagern würden.

Semeta: In dem Modell, das meine Behörde erarbeitet hat, haben wir genau diese Gefahr entschärft. In unserem Vorschlag kommt es nicht darauf an, wo eine bestimmte Transaktion stattfindet. Um die Steuerpflicht zu begründen, reicht es aus, wenn einer der beiden Geschäftspartner einen Bezug zur EU hat. Kauft zum Beispiel ein deutsches Unternehmen in New York Aktien, würde die Steuer anfallen. Durch dieses Ansässigkeitsprinzip wäre es völlig sinnlos, Geschäfte zu verlagern. Wenn, müsste schon das gesamte Unternehmen mitsamt dem Kundenstock die EU verlassen. Wir haben die Steuersätze so niedrig gewählt (0,1 Prozent für Aktienumsatz, 0,01 Prozent für Derivate, Anm.), dass sich das nicht rentieren würde.

Standard: Eine andere Kritik lautet, dass bestimmte Transaktionen überhaupt zurückgehen würden.

Semeta: Das ist sogar erwünscht. Es ist unser Ziel, die Banken dazu anzuhalten, ihr Geschäftsmodell zu überdenken. Dabei geht es vor allem um das problematische High Frequency Trading, bei dem oft tausende von Transaktionen in einer Sekunde stattfinden. Diese Geschäfte sind oft sehr riskant und haben mehr mit Glücksspiel gemein als mit der Realwirtschaft. Wenn wir die Zahl dieser Deals von sagen wir 100 auf 30 die Sekunde reduzieren können, würde das niemandem Schaden, dafür aber mehr Sicherheit schaffen.

Standard: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ist vorgeprescht und will die Steuer auf eigene Faust einführen. Begrüßen Sie das?

Semeta: Wir werden weiter dafür kämpfen, dass alle 27 EU-Staaten die Steuer umsetzen. Die EU-Kommission schlägt ja vor, die Einnahmen aus der Steuer für das EU-Budget zu verwenden. Das wäre nur möglich, wenn alle Länder der Union sie mittragen. Das Ansässigkeitsprinzip erlaubt es aber tatsächlich, dass eine kleinere Anzahl von EU-Staaten vorangeht. Sarkozys Initiative könnte eine eigene Dynamik entwickeln.

Standard: Ihr Büro verantwortet den Kampf gegen Steuerhinterziehung mit. Das wichtigste EU-Instrument dafür ist der länderübergreifende Austausch von Infos über die Zinseinkünfte der Bürger. Österreich und Luxemburg verweigern sich diesem Prinzip.

Semeta: Ich verstehe, dass das Bankgeheimnis in Österreich und Luxemburg eine lange Tradition hat. Aber besonders angesichts der Tatsache, dass die meisten EU-Staaten ihren Haushalt konsolidieren müssen, wäre die volle Umsetzung des Informationsaustausches durch alle EU-Länder, also auch durch Österreich und Luxemburg, wichtig. Das würde den EU-Ländern erlauben, ihre Steuern besser einzutreiben. Es könnte sogar dazu führen, dass einige soeben beschlossenen Steuererhöhungen obsolet würden. Die Bürger sagen ihren Regierungen zu Recht: Treibt zuerst Steuern ein, ehe ihr neue einhebt.

Standard: Österreich und Luxemburg blockieren die Gespräche über einen Vertrag der Kommission mit fünf Nicht-EU-Ländern, darunter die Schweiz, zur verbesserten Steuerkooperation. Kommen diese Verträge, wäre auch Österreich zum Infoaustausch verpflichtet.

Semeta: Ich würde Österreich und Luxemburg dringend einladen, ihre Position zu überdenken und den Willen der anderen 25 EU-Staaten zu beachten, die in diesen Verhandlungen fortfahren möchten. Die Kommission würde diese Verträge aushandeln - aber ihre Annahme obliegt den einzelnen Mitgliedstaaten, sie hätten also Kontrolle über den Prozess. Ich kann also nicht verstehen, warum einige Staaten abgeneigt sind, uns das Mandat zu geben. Wir haben darum im Mai 2011 angesucht und es bis jetzt nicht erhalten. In der gegenwärtigen ökonomischen Lage ist das inakzeptabel.

Standard: Deutschland hat mit der Schweiz soeben einen Vertrag geschlossen, der auf den Austausch von Kontoinformationen verzichtet. Macht das die österreichische Position nicht verständlicher?

Semeta: Österreich ist im Gegensatz zur Schweiz EU-Mitglied. Mit dieser Mitgliedschaft sind zahlreiche Privilegien, aber auch Verpflichtungen verbunden. Österreich hat gemeinsam mit anderen EU-Ländern bereits 2003 zugesagt, zum automatischen Informationsaustausch überzugehen. Verträge mit Drittländern können keine Entschuldigung dafür bieten, unsere eigenen, höheren Standards in der EU im Kampf gegen Steuerflucht zu senken.

Standard: Wie viel entgeht den EU-Ländern durch Steuerbetrug?

Semeta: Es ist sehr schwer, das genau zu sagen. Wir haben Studien, die von 250 bis 300 Milliarden Euro pro Jahr ausgehen. Das Problem ist jedenfalls groß, weswegen die Kommission noch heuer weitere Initiativen vorlegen wird. So planen wir einen Vorschlag zum gemeinsamen Umgang der EU mit Steueroasen, bei dem auch die Frage nach Sanktionen gegen diese Länder diskutiert wird. (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 3.2.2012)

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Ökonomix
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Das deppensichere Geschäft der Banken

Ausgewählte Kunden bekommen von den Börsen Vorabinformationen. Sie werden über jede Order informiert kurz bevor sie durchgeführt wird. Dadurch können die Banken, bzw. deren Computer, bei einer Kauforder dem Käufer zuvorkommen und die Wertpapiere billigst erwerben. Bruchteile von Sekunden später werden diese dann an den Käufer mit einer kleinen Marge weiterverkauft. Beim Verkauf funktioniert das ähnlich. Die Finanztransaktionssteuer würde diese Marge auffressen. Deshalb laufen die Banken Sturm.

Oddo Wolf
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So ein Quatsch

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Jeder private Kleininvestor kann sich heute als Onlinebroker direkt mit allen Börsen weltweit verbinden. Gegen ein Entgelt von ein paar Euro/Monat bekommt er Einsicht ins Orderbuch und kann Aufträge in Sekunden abwickeln. Die 0,1% Steuer darauf schmerzt niemanden.

Anders bei HFT (Hochfrequenztrading): Wenn bei EINEM Trade im Wert von z.B. € 1000,- dann € 0,10 (=0,01%) verdient werden ist das nichts. Wenn das aber mit 100Hz (so schnell wie dein TV beim Bildaufbau) wiederholt wird, sind es € 10,- in 1 Sekunde. Bei 0,01% Steuer/Trade sind das dann auch (1000x 0,01) € 10,-

Ökonomix
00
Quatsch?

Die SEC traf 2009 Überlegungen diese Praktiken zu verbieten. Wie so viele Pläne zur Finanzmarktregulierung wurde auch dieser nicht umgesetzt. Auch wenn die NASDAQ angeblich den sog. "flash-trade" gestoppt hat, so können Sie trotzdem nicht sicher sein, dass Ihr Broker die Order-Informationen nicht weiterleitet oder selbst verwendet.

http://www.sec.gov/news/pres... tsheet.htm

Never missed a meal
06
Warum in aller Welt schießt Herr Szigetvari der vorletzten Antwort nicht die selbstverständliche Ergänzung nach,

dass *Deutschland* genauso EU-Mitglied ist, wie Österreich?

Ich verstehe nicht, dass der österreichische Durchschnittsbürger dermassen am Bankgeheimnis hängt, welches ihm keinen einzigen Vorteil bringt. Ebenso wie z.B. landwirtschaftliche Subventionen, nützt das Bankgeheimnis nicht dem kleinen Mann, sondern ausschließlich den "großen Playern". Der kleine Mann, der eigentlich nicht zu verstecken hat, wird bloß vorgeschoben, um manchmal den frechsten Steuerbetrug der Vermögenden oder der Großverdiener zu erleichtern.

Ich gehe fest davon aus, dass die hiesigen Banken im Schutz des Bankgeheimnisses ihren größeren Kunden Instrumente zur Verfügung stellen, um der Vermögenszuwachssteuer bei Wertpapierverkäufen zu entkommen.

Michael Colinas
00

Das ist so. Aber das war auch ein grundlegendes Versprechen der damaligen Regierung vor der Abstimmung über den EU-Beitritt Österreichs:
"Das Bankgeheimnis bleibt unangetastet".
Es wurde gebrochen wie alle anderen Versprechungen vor der Volksabstimmung über den EU-Beitritt.
Nur ein Relikt für die wirklich Reichen bleibt unangetastet.

eros
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Wir brauchen mehr Verrükte von dieser sorte

Entteuscht bin ich von unseren Politiker.
Schweinerei.

Oddo Wolf
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Wenn, müsste schon das gesamte Unternehmen mitsamt dem Kundenstock die EU verlassen.

Betrifft nur die kleineren Zokker. Alle großen Banken haben ohnehin Niederlassungen in Steueroasen. Die Umsätze der Schattenbanken ist höher als der öffentlich bilanzierenden. JEDE große Bank betreibt nebenbei Schattenbanken über Steueroasen

eros
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die kleinen BANKEN sollten auch zu Kasse gebeten werden

Und wenn man will kann auch bei den Großen zu Zahlung verpflichten.

Oddo Wolf
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"Wenn wir die Zahl dieser Deals von sagen wir 100 auf 30 die Sekunde reduzieren können... " zeugt eher davon, daß der Herr von HFT-Deals nicht viel versteht. Dennoch ist eine Steuer darauf zu befürworten. Allein schon deshalb, damit den Demonstranten (Foto links oben) bei diesen Temperaturen nicht das Popscherl abfriert.

FeLiXe_
 
00

worum es geht, ist dass high frequency trading in der realwirtschaft keinen nutzen schafft. man würde hoffen, dass ein freier markt soetwas von selbst abschafft. aber nachdem das nicht passiert, muss wohl die EU nachhelfen ...

Oddo Wolf
02
Das Zinsgeldsystem der Zentralbanken MUSS gekippt und das Spielgeld vom der Realwirtschaftsgeld getrennt werden.

Aber geh.
Die EU ist unter der Kontrolle der Finanzindustrie. Wie soll man die nachhaltig besteuern, denen man die Lizenz zum Gelddrucken gegeben hat? Das ist alles nur Augenauswischerei.

Sinnvoller ist, die Bankenderegulierung rückgängig zu machen, die jeder kleinen Sparkasse erlaubt mit einem Mindestreservesatz von 2% erlaubt, Geld (=Schulden) aus dem NICHTS zu erschaffen. Dort liegen die Ursachen der explodierten Schuldgeldmenge.

RolandGiersig
04

Sehr gut, der Mann hats verstanden. Das High-Frequency-Trading braucht dringend einen Dämpfer, damit es zu keinen Resonanzkatastrophen mehr kommt.

Und ja: Kampf den vergrabenen Hendln auf den Cayman Islands!

[citation needed]
00
stimmt schon

aber was ist mit den kanalinseln? der londoner city?

Deß Dr. Gonzo Merck=Wuerdige Meynungen & Merckungen
 
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die übernehmen geschäftsvolumen aus A und LUX.

Genowo
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FM Fekter und ihre Vorgänger Pröll und Grasser sind ein Schandfleck für Österreich.

Sie sind die Anwälte der Betrüger, Abzocker und Steuerhinterzieher großen Formats.

Dieser Abschaum von Politikern vertritt nicht uns Österreicher sondern die Interessen der mafiösen Konzerne und superreicher Betrüger.

Die ÖVP- und FPÖ-Spitzen schweigen wie immer beredt zu diesem himmelschreienden Skandal.
Von den bürgerlichen, VP-nahen Zeitungen wird dieser Skandal europäischen Ausmaßes ebenso totgeschwiegen, wie natürlich auch von den Banken und Industriellen.

Es wird Zeit, dass wir diesen Dienern und Profiteuren der Verbrecher endlich die richtigen Manschetten anlegen.

Gobi Todic
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wird wirklich zeit für einen roten finanzminister... unpackbar das ganze.

Oddo Wolf
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Und er glaubt SPÖ und Grüne machen das anders? Bei Offenlegung der geheimen Parteispenderlisten wären viele erstaunt, daß die auf die selben Quellen zurückverfolgbar sind.

Utrillitn
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Auch die SPÖ ganz still

Wenns um Rolle Österreichs bei der Steuerhinterziehung in der EU geht, wird auch die SPÖ schweigsam.

Genowo
02

Stimmt schon, auch die SP bekleckert sich da nicht mit Ruhm. Aber die Blockadehaltung im Rat der Finanzminister trägt schon die schwarzblaue Handschrift von Fekter, Pröll und Grasser.

?und
11
jetzt allerdings die rotblaue - sie scheinen auf einem auge nicht ganz klar zu sehen

das stiftungs"un"wesen zB trägt eindeutig die handschrift der genosssen und die haben bis dato kein ohrwaschl gerührt, hier was zu ändern.
sie sollten die steuerhinterziehung über parteigrenzen hinweg als eines der größten überl unserer gesellschaft erkennen, korruption hat auch kein parteimascherl.
was fehlt ist eine effiziente und unabhängige justiz, und das will auch die spö so nicht, leider.

Oddo Wolf
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Hannes Androsch, bist es du?

dunklematerie37
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Liebe Mit-Poster

Hier nochmal die Einladung:
Heute ab 18.00 im Cafe Möbel treffen sich ein paar Interessierte um über die Finanzkrise und was man tun kann offen zu debattieren. Mir persönlich schwebt soetwas wie ein Thinktank vor der Daten sammelt und unmanipuliert an die Bevölkerung weitergibt. Jeder ist willkommen (egal welcher Coleur).

higgs - wozu?
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gute idee - kommts auch mal in den süden?

dunklematerie37
00
wohin genau?

higgs - wozu?
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na ins griechenland österreichs;-)
würd aber auch mal nach graz dungeln, für einen plausch;-)

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