Die polnische Lyrikerin und Literaturnobelpreisträgerin von 1996 starb 88-jährig in Krakau
Krakau - Über das Interesse, das man ihrer liebenswürdigen Person
entgegenbrachte, zeigte sich die zurückgezogen in Krakau lebende
Dichterin Wislawa Szymborska in der Regel bass erstaunt. Die Dankesrede,
die sie aus Anlass der Zuerkennung des Literatur-Nobelpreises 1996
hielt, ging als eine der kürzesten in die Stockholmer Annalen ein. Ihrer
mit feiner Ironie verbrämten Lyrik muss man den tieferen Sinn geduldig
ablauschen: Ihre eminente Sprachbegabung entzündete sich an
Alltäglichkeiten. Die philosophische Kasuistik ihrer Gedichte erschloss
sich am leichtesten demjenigen, der in Szymborskas trügerischem Parlando
nach Zeichen der doppelten Verneinung suchte.
Der Wohllaut von Szymborskas vollendet beiläufigen Versen liegt in der
überraschenden Kadenz: in der finalen Wendung, mit der ein zuvor
umständlich entwickelter Sachverhalt in Schwebe versetzt wurde: "Sieht
er an mir vorbei, / such' ich mein Spiegelbild / an der Wand. Und sehe
nur / einen Nagel. Kein Bild."
Die Skepsis gegen jede Bilderseligkeit lässt sich nur dann angemessen
begreifen, wenn man im Blick behält, dass auch Wislawa Szymborska einst
zu den Parteigängern des Kommunismus gezählt wurde. Ihre frühe Lyrik
enthielt die geläufigen Apologien an die sozialistische Einheitspartei.
Ein Umstand, den sie sich so wenig verzieh, dass sie ihr Werk etwa seit
Ende der 1950er-Jahre vor allen Parteinahmen, vor allen eindeutigen
Festlegungen feite.
So kann man auch kaum zwei Gedichte dieser ungewöhnlichen Autorin über
ein- und denselben Kamm scheren. Zutiefst misstrauisch gegenüber allen
Gängelungen durch hochtrabende Programme, verordnete sich Szymborska
eine Leichtigkeit des Stils, die auch betrüblichen oder tiefsinnigen
Feststellungen eine staunenswerte Anmut verlieh.
In dem Rollengedicht Eindrücke aus dem Theater heißt es dazu unter
anderem: "Ich kenne die Rolle, die ich spiele, nicht. / Ich weiß nur,
sie ist unauswechselbar, mein. / Was das Stück soll, / werde ich erst
auf der Bühne erraten." Und weiter: "Kein Zweifel, es ist Premiere. /
Und was ich auch tue, / verwandelt sich ein für alle Male in das, was
ich tat."
Szymborska arbeitete seit 1947 freiberuflich für diverse Zeitungen, von
1953 bis 1981, also bis zur Verhängung des Kriegsrechts, war sie fix
angestellte Beiträgerin für Buchrezensionen in einer Wochenzeitschrift.
Sie engagierte sich auch im Untergrund. Die bis 1990 (seinem Todesjahr)
mit dem Dichterkollegen Kornel Filipowicz liierte Lyrikerin schreckte
fast panisch vor jeder Berührung mit der Öffentlichkeit zurück: Gedichte
könnten nur in der Stille reifen, ließ sie ausrichten. Zu ihren
literarischen Hausgöttern zählte sie Swift, Montaigne, Twain und Thomas
Mann. Dem Rauchlaster frönte sie aus Überzeugung: Sie bezweifelte, dass
der "Antinikotinkaugummi der Literatur guttun" würde.
Jetzt ist Szymborska 88-jährig in Krakau nach langer Krankheit friedlich
eingeschlafen. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2012)