Spießrutenlauf ohne rettende Fassaden

2. Februar 2012, 17:55
  • Artikelbild
    vergrößern 600x400
    foto: ap / juergen olczyk

    Einer, der schnell nach oben will: Michael Bully Herbig mit Dagmar Manzel in Helmut Dietls Gesellschaftskomödie "Zettl".

Warum Helmut Dietls in Berlin angesiedelte Medien-, Polit- und Gesellschaftssatire "Zettl" scheitert

Wien - "Als München noch die heimliche Hauptstadt der Bundesrepublik war, galt der Klatschreporter Baby Schimmerlos als Ikone seines Metiers, und Herbie Fried war sein Leibfotograf." Mit diesem Prolog beginnt Helmut Dietls neuer Film Zettl, und wer sich noch erinnern kann, erkennt darin die Geschichte von Dietls TV-Serie Kir Royal (1986).

Als München noch heimliche Hauptstadt der Bundesrepublik war, galt der Regisseur, Autor und Erfinder des Monaco Franze als intimer Kenner der bayerischen Polit- und Promiszene, ein Umstand, der Reiz und Gelingen von Kir Royal maßgeblich bestimmte. Wer heute noch einmal bei der bayerischen Schickeria von damals vorbeischaut, kann amüsiert feststellen, wie genau Dietl und sein Autor Patrick Süßkind beobachteten, dass einem großspurigen Milieu der kleine Ruhm genügt.

Um den alten Erfolg nun für seine Fortsetzung nach Berlin zu importieren, hat Dietl mit Senta Berger und Dieter Hildebrandt auch zwei Darsteller von damals in die diesmal echte Hauptstadt geholt; nur Franz Xaver Kroetz wollte nicht mehr Baby sein - und er wusste warum. Zur Strafe muss er nun als Strichmännchen gleich zu Beginn das Zeitliche segnen.

Offensichtlich wollte Dietl, wie bereits mit Schtonk! über die gefälschten Hitler-Tagebücher, eine Medien-, Polit- und Gesellschaftssatire inszenieren. Deshalb spielt Michael Bully Herbig den clownesken Chauffeur Zettl, der nach dem Tod Schimmerlos' seine Chance wittert, in Berlin ganz nach oben zu kommen. Ganz nach oben heißt, dass er Chefredakteur eines brandneuen Online-Magazins werden will.

Auf seinem Weg dorthin muss er also, gemäß dem Plan Dietls und seines Koautoren Benjamin von Stuckrad-Barre, die verschiedenen Eliten und Mächtigen betrügen, bestechen oder erpressen. Was er also nicht kann, ist, sich an Ulrich Tukur als schwulem Schweizer Milliardär, Harald Schmidt als Ministerpräsidenten mit schwäbischem Akzent, Karoline Herfurth als Mädchen für alle, Gert Voss als Arzt für alle, Sunnyi Melles als alkoholisierter Talkmasterin und Götz George als sterbendem Kanzler vorbeimogeln. Zumindest der All-Star-Cast hat seine Schuldigkeit getan.

Eingebildete Elite

Das Problem dieses Spießrutenlaufs ist, dass die Figuren für eine Macht einstehen, die sie in keiner Weise repräsentieren können, andererseits ständig redselig irgendwo auftauchen. Einen satirischen Blick auf die Machenschaften einer (eingebildeten) Elite zu werfen, wie Zettl vorgibt, ist aber nur dann möglich, wenn zumindest ihre falsche Fassade zu erkennen ist. In Zettl hingegen ist alles und jeder ohne Fassade falsch.

Dietl, vom deutschen Feuilleton mit Häme überschüttet, hätte seinem Werk keinen schlechteren Dienst erweisen können. Nicht weil Zettl ein am Reißbrett entworfener, völlig humorloser Film geworden ist, sondern weil Dietl sich nicht nur gegenüber der Realität der Berliner Höhenluft, sondern vor allem der Scheinwelt als blind erweist. (Michael Pekler  / DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2012)

Kommentar posten
11 Postings
P. aus B. bei S.
31
Ich hab' schon bei ...

- "Monaco Franze"
- "Kir Royal"
- "Schtonk"
- "Rossini"
nicht verstanden, was alle Welt an dem albernen Schmarrn so waaaaahnsinig witzig findet.

Ich werd' sicher auch "Zettl" nicht verstehen. Bzw. ich werd' nicht reingehen.

was weisich
00

Ich nehme einmal an man muss entweder dieser Gesellschaft angehören, angehören wollen, oder sie verabscheuen um diese Produktionen unterhaltsam zu finden.

baby schimmerlos
00

Schmarrn.

mfg,
baby (münchen/schwabing)

cookieberlin
21

Scheinbar wollte Dietl unbedingt am Hype Berlins partizipieren und ist damit auf die Schnauze gefallen.
Der Film muß ihm wichtig gewesen sein, denn für die Recherche hat er sich drei Jahre hier eingemietet...um jetzt, 1000 Kneipentouren und 4000 Flaschen Rotwein später, zu bekennen, nichts verstanden zu haben.
Vielleicht ist er auch nur aufgrund seines altbackenen, 30cm starken Pennerkissens und seinem ungeplegten Bart, in dem gerne noch die eine oder andere Zigarettenkippe vom feuchten Vorabend herauslugt, gelegentlich ein bißchen zur Seite geschoben worden.
Dietl hat sich jedenfalls an Berlin verhoben, auch weil sich der Charme des Münchner Seifensieder-Biotops nach 25 Jahren Selbstzitat verbraucht hat.

Schicke Schickse
26
Völlig richtig - der letzte Film, der

den Hype Berlins völlig kapiert hat, war "Der Untergang".

cookieberlin
22

Gut,gut, in dem Film spielte bekanntlich ein Schweizer einen Österreicher.
Berlin spielt zwar nur am Rande mit, genauer gesagt: in den Tiefen eines Bunkers...aber für Sie hat sicherlich das Elend Ihres Landsmannes im Vordergrund gestanden.
So hat jeder seinen eigenen Hype.

Schicke Schickse
12
Landsmann? Der Gute hatte da schon 20 Jahre lang die deutsche Staatsbürgerschaft.

Aber seit Sarrazin weiß ich: In Deutschland haben es Zugewanderte und sogar Eingebürgerte schwer, akzeptiert zu werden. Offenbar eine lange Tradition!

cookieberlin
20

Bedauerlich, daß ein Landsmann in dieser einzigartigen Kategorie für Sie der "Gute" sein kann.
Aber Sie scheinen im wahrsten Sinn des Wortes im falschen Film zu sein oder sehen Sie Ihre Ausdünstungen in irgendeiner Verbindung zum besprochenen Artikel?

fucking anglizismen
02

helmut dietl der deutsche george lucas

gagarin
34
Frage:

Wann ist etwas mit B. Herwig schon lustig gewesen?

muppetbasher
00
Dietl hat mit dem Entwurf schon Schiffbruch erlitten!

In einem Interview hat er gesagt, dass alles von diesem Film abhängt!

Hat ihm keiner gesagt, dass die Geschicht sehr klapprig ist!? Schade ums Geld!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.