Demokratie riskieren

"Hey, Burschen, ihr müsst tiefer graben!"

Kommentar der anderen | Timothy Garton Ash, 2. Februar 2012, 17:29
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    foto: christian fischer

    Demokratie riskieren: Timothy Garton Ash.

Zum schottischen Referendum hat David Cameron eine klare Haltung. In Sachen EU aber windet er sich - zum Schaden Großbritanniens. Ein Plädoyer gegen das Zuschauen, ohne anzupacken.

Er hat eine brillante Art à la Blair. Er ist äußerst selbstbewusst. Er geht mit seinem Amt als Premier um, als wäre er in der Downing Street Nummer 10 geboren worden: Ich war anfangs für David Cameron; nicht für seine Politik, doch ich dachte, Großbritannien könnte schlimmer dran sein als mit einem Premier wie ihm, in Koalition mit den Liberalen.

Doch mit der Zeit folgte ein Fehler auf den anderen - die EU betreffend, Schottland, Sozial- und Gesundheitsreformen -, und etwas sagte mir: Vielleicht weiß er doch nicht, was er tut?

Zu Schottland und der EU sind seine Positionen widersprüchlich. Wenn der Chef der schottischen Nationalisten, Alex Salmond, ein Referendum mit drei Antwortmöglichkeiten will, darunter "Devo max" (maximum devolution, größtmögliche Regionalisierung/Dezentralisierung), sagt Cameron dazu: Unsinn. Ein Referendum braucht eine klare, binäre Wahl. Und er hat recht.

Aber für die britischen Beziehungen zur EU verlangt er genau eine "Devo max". Da windet er sich zum Missfallen aller europäischen Partner, um ein klares Ja oder Nein zu vermeiden.

Und was hat er davon? Als er letzten Dezember den deutschen Vorschlag für einen Gesamt-EU-Vertrag, einen Fiskalpakt für die Eurozone zu unterstützen, mit einem Veto belegte, wurde er von den euroskeptischen konservativen Hinterbänklern im britischen Parlament bejubelt. Die meisten EU-Partner aber waren enttäuscht.

Der Fiskalpakt, der nun am vergangenen Montag in Brüssel ausgehandelt wurde, ist komplizierter als nötig, aber im Grunde bedeutet er, dass die meisten EU-Mitglieder bei dem von den Deutschen angeführten Plan zur Rettung der Eurozone mitmachen.

Ob das gut ist, ist eine andere Frage. Als makroökonomische Politik genügt das deutsche Rezept nicht, um die europäische Wirtschaft aus der Krise herauszuholen. Wenn die Budgetkürzungen auf dem ganzen Kontinent die Rezession verschärfen, dann könnte ein Pakt zur Schuldenreduktion zu einem Pakt werden, der die Schulden vergrößert.

Die Frage aber ist: Was gewinnt das Nicht-Euro-Land Großbritannien durch sein Nicht-Unterschreiben, was das Nicht-Euro-Land Schweden durch sein Unterschreiben verliert? Die Antwort ist: weniger als nichts. Die zukünftige regulatorische Herausforderung an die Londoner City wird nicht geringer. Großbritannien wird weniger Verbündete haben, wenn die Reglements kommen. Und wenn die Eurozone dank dem Cocktail aus griechischem Ouzo und deutschem Bier kränkelt, wird das die britische Wirtschaft genau so schwer treffen.

Cameron hat in einer Rede in Davos die Probleme der Eurozone gut analysiert. Doch er wurde bestenfalls lauwarm empfangen. Er wirkte wie ein Mann in Smoking und Zylinder, der am Rand eines Abwasserkanals steht, den ein paar engagierte Bürger zu reinigen versuchen, und der ihnen zuruft: "Hey, Burschen, ihr müsst tiefer graben! Dort liegt noch viel Dreck. Ich rate euch, eine größere Schaufel zu nehmen."

Taktisch wie strategisch wird Camerons "Devo max" den britischen Einfluss auf dem Kontinent auf ein Mindestmaß herabsetzen, ohne das Land vor den Konsequenzen dessen zu schützen, was dort passiert.

"Devo max" in Schottland wäre etwas anderes. Kurzfristig könnte das gut für Schottland sein; es würde an den Vorteilen des Vereinigten Königsreichs teilhaben und dabei noch weniger Mitgliedsbeitrag zahlen. Aber den Engländern würde das bald auffallen. Zumindest eine Umfrage hat bereits ergeben, dass mehr Engländer als Schotten für die klare schottische Unabhängigkeit sind.

Ein klares Rein oder Raus

Es gibt aber eine einfache Lösung für beide Probleme, eine, die dem entspricht, was man je nachdem schottischen, englischen oder britischen Nationalcharakter nennt: Stell eine klare Frage, und du bekommst eine klare Antwort. Frag die Leute, nicht die Politiker. In einer repräsentativen Demokratie sollte man das nicht zu oft tun - doch wir haben es hier mit zwei außergewöhnlichen und im weiteren Sinn konstitutionellen Themen zu tun.

Wir brauchen vor den nächsten Wahlen (2015) zwei Referenden. Im schottischen, das für 2014 geplant ist, will die Regierung das Volk fragen: "Seid ihr der Ansicht, dass Schottland ein unabhängiges Land sein soll?" Gut genug, und das sollte die einzige Frage auf dem Zettel sein.

Das gesamtbritische Referendum könnte fragen: "Soll Großbritannien ein Mitglied der Europäischen Union bleiben?" Bis 2014 werden wir genauer sehen, was das bedeutet, weil bis dahin die Auswirkungen der Fiskalunion klarer sein werden (wenn sie nicht zusammengebrochen ist). Wenn ich europhilen und europhoben Briten die obige Frage stelle, bekomme ich auffallend symmetrische Antworten. Beide Gruppen scheuen sich vor einem klaren Rein oder Raus. Warum? "Weil wir verlieren würden." Die Europhilen denken, die Briten würden die EU verlassen, die Europhoben denken, sie würden dafür votieren, drinnen zu bleiben.

Ich denke, wir sollten Demokratie riskieren und unsere eigene Geschichte schreiben. (DER STANDARD-Printausgabe, 03.02.2012)


Der Autor:

TIMOTHY GARTON ASH ist Schriftsteller, Historiker und Professor für europäische Studien an der Universität Oxford.

Übersetzung: Michael Freund

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11 Postings
Käpt`n Blaubär
00
Demokratie riskieren! Ja, aber wer tut's?

http://www.nachdenkseiten.de/?p=12107

nomad13
12
Teil1 von2:Die Einweihung in den "Freimaurerturm" erfordert immer mehr Geld (es sind also erstbeste Systemabhängige/nutzer).

Darum besitzen nur höhere Konzernbosse – u eben vorwiegend Banker die höheren Grade. U halt so mancher alter Adelsschlag. Die Grade sind von Abschottung geprägt. Je höher der Grad desto größer die Warnungen:-) Ganz oben spielt dann natürlich die selektive Charakterauswahl- erstere Rolle. Von den ca. 6 Millionen Mitgliedern kennt also nur ein kleiner Teil die kompl. Agenda.
Die Hierarchies selbst werden durch andere Teile: Orient Lodges- the Knights of the Templar/Malta, P2, Black Nobility…usw mitgeprägt u werden insgesamt als das network bezeichnet. Da gibt es dann so Dinge wie Round Table (vorne rum Benefiz – hinten rum Iran-contra,watergate, opium trade…oder:
http://derstandard.at/plink/132... 3/24626432

13 zweiter Versuch
01
Teil2 von2 u natürlich RoyalInstitute of int. Affairs (think tank der Petrochemie-Banker- newspaper etc.).

Es repräsentieren also Bilderbergoder CFRSitzungen nie ein big picture – es ist mehr das umgarnen der „Hohepriester“(banker-Adel) um kleinere Fische.
UND PUNKT IST
Eine Zentralbank(heute reines Luftgeld) macht nix anderes – als dass sie ihre Mitgliedsbanken bedient.Zur Zeit arbeitet man verbisssen an der Arab Union (darum das ganze mittlere Osten Petrodollarnachfolgerspiel)Bedient werden dabie natürlich auch *deren* Megaproduzenten. Darum hat sich diese globalisierte „Monopolisierung“ so schnell entwickelt.

Es ist keine VT sondern ganz einfach ein korruptes System – u weiter oben ist die Korrruption halt einfacher. U somit auch Manipulation (Z.B: unter offshore take downUS u gewünschten Weltsozisozialismus)

nomad13
11
Ergänzung....hät ich mir jetzt nichtgedacht

wiki hat ein paar intressante Details drinnen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Propaganda_Due

Auf die Frage wer in europa viel zu sagen hat - gilt der Teil: "Order of the free gardeners" was passend zum Artikel passt (ebenfalls ein kleiner Ausschnitt (mit kleinen Fehleren) bei wiki zu finden)

nomad13
11
Teil2 von2 u natürlich Royal Institute of int. Affairs (think tank der Petrochemie,Banker, newspaper etc.).

Es repräsentieren also Bilderberg od CFR Sitzungen nie ein big picture – es ist mehr das umgarnen der „Hohepriester“(banker,Adel) um kleinere Fische.

PUNKT IST:
Eine Zentralbank macht nix anderes – als dass sie ihre Mitgliedsbanken bedient.
Zur Zeit arbeitet man verbisssen an der Arab Union (darum das ganze mittlere Osten Petrodollarnachfolgerspiel)Bedient werden dabei IMMER ZUERST *deren* Megaproduzenten. Darum hat sich diese globalisierte „Monopolisierung“ so schnell entwickelt.

Es ist keine VT sondern ganz einfach ein korruptes System. U je weiter nach oben - desto einfacher die Korruption u auch Manipulation.

Cocooning
00
Sehr gut:

"Ich denke, wir sollten Demokratie riskieren und unsere eigene Geschichte schreiben."

Klare Ansagen: Drin bleiben oder raus gehen. Entweder / Oder. Ja oder Nein.

Ganz einfach.

Rostbrätel
01
Ich habe da meine Zweifel

Der Grund, warum Cameron eine "binäre" Fragestellung will, ist der, daß das Risiko für Salmond groß ist, bei dem Referrendum mit minimalem Abstand zu verlieren.

Obwohl dann vielleicht 49 % die Unabhängigkeit befürworten, wäre das Thema für viele Jahre vom Tisch!

Genauso, wie es bei der Abstimmung der Region Quebec in Kanada passiert ist vor 13 Jahren glaub ich. Das will Cameron.

Er will das typische englische ungerechte Mehrheitswahlrecht auch hier durchsetzen, und das ist einfach unfair für eine Region, ja eine Nation wie Schottland.

Die Schotten verlangen nichts unbilliges, ebensowenig die EU. Cameron wird sich damit abfinden müssen, daß sein Nationalstaat im Grunde doch nur eine halbe Insel am Rand des Kontinents sein wird.

smartAss
 
00
ungerechtes mehrheitswahlrecht?

will soll eine entscheidung über die unabhängigkeit eines landes denn anders fallen, als über eine entscheidung der mehrheit? wie soll ein land "ein bissl" unabhängig sein? hier kann es keinen interessensausgleich geben.
etwas anders ist natürlich die frage bez. mehrheitswahlrecht vs. verhaeltniswahlrecht bei wahlen zur regierungsverantwortung.

wurm83
 
00
ich bin mir nicht ganz sicher

aber man kann den artikel auch so interpretieren, dass die briten ja genauso mitwählen nciht nur die schotten "Zumindest eine Umfrage hat bereits ergeben, dass mehr Engländer als Schotten für die klare schottische Unabhängigkeit sind"

und dann wäre das schon ein wenig billig...man stelle sich vor deutschland besetzt österreich und dann stimmen wir zusammen ab ob österreich unabhängig werden soll...

mit unseren 8 millionen werden wir wohl nicht weit kommen gegen 70 mille deutsche...

aber das ist nur ein versuch den post zu interpretieren! :)

smartAss
 
00
abstimmen werden nur die schotten.

gemeint, denke ich, so gemeint, dass die briten keine lust auf eine "dev max" variante haben, da das für die schotten nur vorteile und für die briten nur nachteile bringt.

wurm83
 
00
aber muss es nicht so sein, dass beide seiten zustimmen?

also die briten könnten schon auch eine abstimmung darüber machen und wenn die negativ ausgeht ihre zusage verweigern...odeund die zusage ist völkerrechtlich notwendig...oder?

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