"Abwesenheit von Recht und Ordnung"

Interview2. Februar 2012, 18:38
posten

Expertin Loveluck: Zahl derer, die finden, dass die Revolution weitergehen muss, ist im Schwinden begriffen

Die ägyptischen Staatsmedien tragen die Botschaft der Militärs, dass es keine Weiterführung der Revolution braucht, in alle ägyptischen Wohnungen, sagt die britische Ägypten-Expertin Louisa Loveluck zu Gudrun Harrer.

*****

STANDARD: Was halten Sie von der Behauptung, die Vorfälle im Stadion von Port Said seien Teil einer politischen Inszenierung?

Loveluck: Natürlich wissen wir noch zu wenig darüber. Die Verschwörungstheorien sind prädeterminiert von dem, was die Menschen schon vorher gedacht haben. Die Sicherheitskräfte sind unten durch. Aber auch gerade damit könnte es zu tun haben, dass sie so lange nicht eingriffen.

STANDARD: Der Vorfall kommt nur zwei Tage, nachdem in Kairo die Revolutionsbewegung - zu der auch die Fußball-Ultras gehören - mit den Muslimbrüdern aneinandergeraten sind.

Loveluck: Ja, wir beobachten, dass sich diese Spaltung zwischen Demonstranten und Islamisten - wenn auch natürlich nicht allen - formalisiert. Viele der Letzteren sind der Meinung, dass Ägypten nun mehr politische Stabilität braucht, dass man das neugewählte Parlament arbeiten lassen sollte. Die Demonstranten sehen das ganz anders, sie meinen, das Parlament wird sowieso nichts erreichen. Dazu ist auch zu sagen, dass das Parlament in der Tat kein institutionelles Gedächtnis hat, etwa wie man Gesetze macht, es hat ja immer nur durchgewunken, was vom Präsidenten kam. Sogar die Muslimbrüder, die schon lange im Parlament sitzen, müssen das erst lernen.

STANDARD: Die Meinung, dass die Revolutionsbewegung es gut lassen sein soll: Wie verbreitet ist sie unter der Bevölkerung?

Loveluck: Die Zahl derer, die finden, dass die Revolution weitergehen muss, ist wohl im Schwinden begriffen. Die meisten Menschen, die im Vorjahr auf die Straße gingen, wollten ein besseres Leben, eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage, soziale Gerechtigkeit. Die Revolution hat den Diktator abgesetzt, sonst nichts. Und die Staatsmedien verkünden, dass die Lage immer schlechter wird, je länger die Proteste dauern - und dann haben Sie auch noch tragische Vorfälle wie gestern Abend, die sich für viele als Abwesenheit von Recht und Ordnung darstellt. Das Staats-TV hat noch einen großen Einfluss und verbreitet das, was der Militärrat sagt: dass die Revolution stattgefunden hat und zu Ende ist und es keine weiteren Proteste braucht.

STANDARD: Und die Muslimbrüder arrangieren sich mit dem Militär?

Loveluck: Das ist eine gute Frage: Das Statement der Muslimbrüder-Partei FJP bettet den Vorfall in Port Said in den Kontext eines breiteren Sicherheitsvakuums, genauso wie der Militärrat das tut. Die Muslimbrüder haben ihn aufgerufen, alles in seiner Macht zu tun, um Recht und Ordnung wieder herzustellen. Das heißt, die Narrative von Militär und Muslimbrüdern sind gleich. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2012)

Louisa Loveluck ist Ägypten-Expertin beim britischen Thinktank ChathamHouse in London. Sie betreut ein Projekt über die ägyptische Transition, inklusive des Egypt Dialogue Project, das Workshops in Ägypten abhält.

  • Louisa Loveluck.
    foto: privat

    Louisa Loveluck.

Share if you care.