Harrers Analysen

Die Schmuddelkinder der Revolution

Analyse | Gudrun Harrer, 2. Februar 2012, 18:42
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    foto: reuters

    Die Spieler von Al-Ahly fliehen am Mittwochabend unter Polizeischutz aus dem Stadion in Port Said.

Die Ultras Ahlawy kämpften bei der Revolution vor einem Jahr an vorderster Front gegen das Mubarak-Regime

Dafür werden sie respektiert, aber auch gerne totgeschwiegen, denn Gewaltfreiheit ist nicht ihre Sache.

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Islam und Fußball hatten in Ägypten bis vor kurzem etwas gemeinsam: Sie waren die Freiräume, die eskapistischen Nischen, die das System ließ. Dort durfte man sich nicht nur versammeln - wobei Ägypten ja in dieser Beziehung bei weitem nicht so restriktiv war wie etwa Libyen und Syrien -, sondern auch "betätigen". Auf dem Fußballfeld kam etwas hinzu, was die Moschee naturgemäß nicht bieten konnte und was im politischen Leben gänzlich abging: Konkurrenz.

Bei den Ultras Ahlawy - den Fans des Fußballklubs Al-Ahly, die 2007 nach italienischem Tifosi-Vorbild ihre Organisation gründeten - gehört die Auseinandersetzung mit der Polizei dazu. Das brachte sie bereits in den ersten Tagen des Aufstands vor einem Jahr auf die Seite der Revolutionsjugend auf die Straße. Sie mussten nicht wie die anderen Jugendlichen erst ihre Angst ablegen, und sie waren bereits Meister im Katz-und-Maus-Spiel mit den Sicherheitskräften.

Ultras Tahrir Square

Das im Westen rezipierte Bild der Revolution, aber auch das ägyptische Narrativ, das die Gewaltfreiheit der Demonstranten betont, konzentriert sich ja eher auf die gebildete friedliche, aus dem Ausland in revolutionären Techniken ausgebildete Facebook-Jugend, die direkt von den Universitäten oder ihren bürgerlichen Elternhäusern auf den Tahrir-Platz strömte. Aber es waren auch gewaltbereite Jugendliche aus sozial schwachen Schichten dabei, darunter Hooligans, die Ahlawys, aber auch Anhänger anderer Klubs, von denen sich einige virtuell als Ultras Tahrir Square (UTS) zusammenschlossen.

Einerseits sind sie als Revolutionäre hochrespektiert, andererseits wird ihre Rolle gerne ausgeblendet. Irgendwie sind sie ja doch die Schmuddelkinder der Revolution, denn sie widersprechen dem Image der Gewaltlosigkeit. Aufnahmen von Gewaltszenen, bei denen Demonstranten die Angreifer waren, werden jetzt von den Verteidigern des früheren Innenministers Habib al-Adly, Mitangeklagter im Mubarak-Prozess, im Gerichtssaal gezeigt und sollen seinen Kopf retten.

Der nationale Sportklub

Natürlich kommen die Ahlawys nicht nur aus ärmeren Schichten. Der Al-Ahly-Sportklub trägt das "national" ja im Namen, er ist historisch der "ägyptischste" Klub, der etwa in der Vergangenheit strikt antibritisch und antikolonialistisch war. Im Vergleich dazu ist etwa Zamalek ein Klub mit einer elitären monarchistischen Vergangenheit. Al-Ahly war typischerweise jener Verein, den Gamal Abdul Nasser persönlich unter seine Fittiche nahm - das heißt, ihn einem engen Vertrauten aus dem Militär übergab -, obwohl er sich aus Fußball nichts machte.

Dass die Fans der Klubs aneinandergeraten, ist nichts Neues, die Spiele von Ahly vs. Zamalek sind immer gewaltanfällig, schlimmer noch Ahly gegen Ismaily und nun eben Ahly gegen den schwächeren Klub Masry. Ob, wie die Muslimbrüder das behaupten, wirklich die Anstachelung vonseiten alter Regimeanhänger nötig war, sei dahingestellt. Was aber, wenn man den Augenzeugen glaubt, mehr als fragwürdig bleibt, ist das Verhalten der Sicherheitskräfte. Und dass sie mehr als eine Rechnung mit den Ahlawys offen haben, ist unbestreitbar. Auch die Armee: In den vergangenen Monaten trugen die Fans den Protest gegen den herrschenden Militärrat mit Sprechchören und Spruchbändern in die Wohnzimmer des Fernsehpublikums.

Alle Ahly-Fans und wohl auch jene anderer Klubs sind der Ansicht, dass Port Said eine "Inszenierung" , eine "Falle" war: Die Militärregierung treffe die alleinige Verantwortung für die Toten. Die UTS gaben auf Facebook eine Erklärung heraus, in der sie den "Kopf" des "Verräters Tantawi" verlangten: "Der Feldmarschall (Tantawi, Anm.) hat uns eine klare Botschaft gesandt."

Mohamed Hussein Tantawi, der Vorsitzende des Höchsten Militärrats, der am 11. Februar 2011 Präsident Hosni Mubarak zum Rücktritt zwang und danach zum Volkshelden hochstilisiert wurde, hatte am Vortag des Jahrestags des Beginns des Aufstands bekanntgegeben, den seit 1981 währenden Ausnahmezustand beenden zu wollen - mit der Ausnahme von Rowdytum, Hooliganismus: Gemeint sind Akte gegen die staatliche Ordnung und Sicherheit, worunter die Staatsmacht eigentlich schon wieder reihen kann, was ihr ins Konzept passt. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2012)

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14 Postings
mali jan
00
keine Polizeimacht der Welt kann so einen Mob stoppen

gewaltbereite Hooligans, die ein Fussballfeld stürmen,
das ist noch nie gut ausgegangen.
Die politische Analyse von Frau Harrer wirkt da schon sehr eskapistisch.

tob1
00
asdf

"Ultras Ahlawy Destroys Portsaid", dürfte in der letzten Saison gewesen sein.
http://www.youtube.com/watch?v=Y... e=youtu.be

Träume sind Schäume.....
20
Sicherheitskräfte sind Schuld?

wenn Fans randalierend auf dem Spielfeld aufeinander einschlagen?

Gegenvorschlag:
Da die Fans oder ein bedeutender Teil davon sich offensichtlich nicht zivilisiert wie Menschen verhalten kann.
Sollen Fußballstadionbesucher halt während des Spiels wie Tiere an die Sitzreihen angekettet werden.
Dies gebührt.

Und der Rest sich das Spiel halt im Fernsehen gemütlich anschauen.
Alle Hooliganprobleme sofort gelösst ;)

Feigenbauer
14

auch wenn es manche nciht gern hören, aber solche "schmuddelkinder" sind einfach nötig, wenn es zu gewalt kommt.

natürlich braucht man gewaltsuchende leute auf keiner demonstration, in der man demonstrieren darf.
man vergleiche das ganze mit der wkr-demo:
da waren ein gewaltsuchende idioten dabei, die keiner braucht.
aber wenn es dazu gekommen wäre (was sehr sehr, sehr unwahrscheinlich ist!), dass zwei hundert besoffene besucher des balls gewaltsuchend auf die demonstraten losgerannt wären, dann hätte man ein paar gewaltbereite (die grenze zwischen gewaltsuchend und gewaltbereit ist zum teil fließend) leute gebraucht, weil die ganzen leute, welche demonstrieren gehen, weil es cool ist, mit so etwas nicht fertig geworden wären.

johannes schenk1
01
... die demonstrieren gehen "weil es cool ist"? Es mag unter den Demonstranten immer einige geben, die hingehen, weil es spannend ist, oder weil sie Freunde beeindrucken wollen,

vielleicht sogar welche, weil es cool ist.
Je nach Demonstrationsinhalt ist da der %Satz verschieden.
Aber Sie sagen ich weiss nicht, ob das Ihre Absicht war - dass jene, die dort seien weil es cool ist (in ihrer Beschreibung die überwiegende Mehrheit, sonst bräuchten sie ja keine Hilfe, wenn die Betrunkenen rechten Recken kommen) generell mit Gewalt nicht umgehen können. Das heisst im Umkehrschluss, dass die die hingehen, weil sie es wichtig finden, das schon können?
Auch der These, dass es die Gewaltbereiten/suchenden braucht, kann ich mich nicht anschließen - denn diese schaukeln das Ganze nur weiter auf.
Wenn aber eine friedliche Demo von WKRlern gewaltsam zersprengt wird, ist das gut für die Demo, denn es zeigt, dass sie recht hatten.

Feigenbauer
00
teil2

sicher, wenn es beim wkr-ball zu gewalt von der rechten seite gekommen wäre, wäre es ein skandal gewessen.
wahrscheinlich nur bei entsprechenden medienecho würden dann mehr leute demonstrieren gehen, vorallem weil dann klar ist, dass jemand die bevölkerung beschützen würde (vermutlich die polizei).
wenn aber kein skandal über die pressen kommen würde, dann würden sich einige nicht trauen nochmals demonstrieren zu gehen.

aber am tahrir platz? dann hätte sich keiner mehr getraut zu demonstrieren, wenn der großteil anfängt wegzulaufen!

johannes schenk1
00
Sie haben Recht - 2. Versuch:

am Tahrirplatz ging es aber auch um eine Demonstration mit Rebellionspotential.
Da ist Gewalt zu erwarten und man muss wissen, worauf man sich einlässt, bevor man hingeht - da sind militärisch ausgebildete Menschen, oder Schläger mit Gewaltpotential doch willkommen.
Aber noch brauchen wir keine Rebellion gegen den WKR - möge es nie soweit kommen - und bei einer Veranstaltung wie diesem Ball und seiner Demo ist es eher so wie in einer heftigen Diskussion: Wer als erster schreit, hat verloren.
Das heisst, die Gruppe, die zuerst Gewalt ausübt, hat sich bereits in eine schlechtere Position gesetzt.
Und stellen Sie sich die Schlagzeilen vor: "Burschenschafter prügeln auf friedliche Demonstranten ein"
Alle Klischees die man brauchen kann...

johannes schenk1
01
Sie haben Recht.

Feigenbauer
00

mehr brauch ich nicht lesen, um zu wissen, dass sie recht haben :D :D

Feigenbauer
00
teil1

sie haben schon recht, dass ich mich nciht ganz genau ausgedrückt habe.
ich denke, dass "coole", nicht bereit währen auch nur irgendwas für ein thema zu opfern (merkt man daran, dass keiner bereit ist eine großdemo um 6 in der früh zu machen, und vor den wohnungen von politikern und nciht um uhrzeiten, wo viele leute von der arbeit kommen und nciht heim können).

und hand aufs herz, wer kann bei einem chaos wirklich mit gewalt umgehen? ich könnte mir nicht vorstellen, dass ich besonders vernünftig bei sowas agieren würde, obwohl ich schon die eine oder andere außeinandersetzung hatte. alleine weil mir der überblick und die erfahrung für so etwas fehlt.

juuni
04
zustimmung

Die Polizei am Tahrir Platz war auch nicht gerade friedliebend. Man lässt sich vom Platz prügeln oder prügelt sie selbst weg.

zeitfuchs
02
mit Schmuddelkinder der Revolution

meinen Sie doch die von allen revolutionären Gruppierungen, einschließlich der gemäßigt islamistischen Muslimbruderschaft gehassten Militärs, oder?

engagierter steuerzahler
01
analyse

zeitliche koinzidenz der eruption der gewalt in libyen, ägypten, syrien nach dem 27.1. (veröffentlichung des beobachterberichts der al)

F.O.S.i. ("unnötig"=>Begründung!)
30

eskapistisch glei bistu narrisch

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