Nachlese

"Im Militär ist man über diese Vorfälle auch nicht glücklich"

Interview | Florian Gossy, 2. Februar 2012, 16:21
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    foto: amr nabil/ap/dapd

    Tausende Ägypterinnen und Ägypter gingen am Tag nach den Krawallen auf die Straßen (hier am Sphinx-Platz in Kairo).

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    foto: privat

    Nahost-Experte Lüders: "Es ist nicht unwahrscheinlich, dass hier Kräfte des alten Regimes zum Schlag ausgeholt haben gegen Kräfte des neuen."

Nahost-Experte Michael Lüders über mögliche politische Hintergründe der gewalttätigen Ausschreitungen im Stadion von Port Said

Nach den gewaltsamen Ausschreitungen im Fußballstadion der nordägyptischen Stadt Port Said mit mindestens 74 Toten und mehr als 1.000 Verletzten sind weiterhin viele Fragen ungeklärt. Vor allem das Verhalten der Sicherheitskräft steht in der Kritik. Hat man die Ausschreitungen bewusst zugelassen? derStandard.at bat den Nahost-Experten Michael Lüders zum Telefoninterview.

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derStandard.at: Wie lassen sich die Geschehnisse in Port Said erklären?

Lüders: Die Einzelheiten sind noch nicht bekannt. Es gibt zwei Szenarien, die diskutiert werden und die sich wahrscheinlich überschneiden. Zum einen Schlamperei der Sicherheitskräfte und der Behörden, die nicht gewappnet waren für einen möglichen Großeinsatz gegen Hooligans. Zum anderen gibt es Vorwürfe, dass die Staatsmacht diese Krawalle vorsätzlich provoziert habe, um
abzurechnen mit der Revolution.

derStandard.at: Welche Rolle spielten die Ultras von Al-Ahli in der Revolution?

Lüders: Der Klub aus Kairo, Al-Ahli, der in Port Said spielte, gilt als einer der Anhänger des politischen Wandels in Ägypten. Es gibt ägyptische Kommentatoren, die sagen, dass hier ehemalige Handlanger des Regimes von Mubarak gewissermaßen die Pforten des Stadions geöffnet haben mit dem Ziel, Hooligans einzuschleusen, auf dass diese Jagd machen auf die Fans des Kairoer Klubs. Ob das am Ende stimmt, können wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht sagen.

derStandard.at: Welche Erkenntnisse sind gesichert?

Lüders: Was auf jeden Fall stimmt: Es war ein Totalversagen der Sicherheitskräfte zu beobachten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass hier Kräfte des alten Regimes zum Schlag ausgeholt haben gegen Kräfte des neuen. Aber wie gesagt: Das alles sind Spekulationen, es gibt noch keine gesicherten Erkenntnisse. Es gibt aber Indizien, so hat der Gouverneur von Port Said seine Teilnahme am Spiel im Zuschauerraum kurzfristig abgesagt, was normalerweise im höchsten Maß unüblich wäre. Möglicherweise hat man ihm einen Tipp gegeben, dass das blutig enden könnte.

derStandard.at: Die Muslimbrüder machen den alten Apparat von Ex-Präsident Mubarak für die Vorfälle verantwortlich.

Lüders: Die Muslimbrüder sind auf jeden Fall aus dem Schneider. Niemand wirft ihnen vor, dass sie damit zu tun hätten. Die Verantwortlichen in Port Said gehören nicht zum Umfeld der Muslimbrüder. So gesehen ist es aus Sicht der Muslimbruderschaft natürlich sinnvoll, sich von diesen Ereignissen zu distanzieren und auf Mubaraks alten Geheimdienstapparat zu zeigen. Die letzten Einzelheiten werden wir, wenn überhaupt, erst später erfahren. Es ist aber wirklich eine sehr ungute Mischung aus Schlamperei, Schlendrian einerseits und politischem Kalkül andererseits.

derStandard.at: Wie wird sich das neu gewählte Parlament verhalten?

Lüders: Das muss man abwarten. Ich gehe davon aus, dass das Parlament die Ausschreitungen verurteilen wird und sicherlich auch einen Untersuchungsausschuss einrichten wird, um die Hintergründe aufzuklären.

derStandard.at: Glauben Sie, dass es diese Chance zur Profilierung nützen könnte?

Lüders: Ich denke schon, dass man sich dazu äußern wird. Nach solch einem Ereignis mit über 70 Toten und über 1.000 Verletzten kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

derStandard.at: Hat der Militärrat wirklich ein Interesse daran, dafür zu sorgen, dass die Lage in Ägypten instabil bleibt?

Lüders: Es gibt sicherlich Kräfte im Militärrat, die Interesse daran haben, sich als Hüter von Recht und Ordnung zu profilieren. Aber genau diese Ordnung ist in Port Said jetzt zusammengebrochen. Insofern ist man in Kreisen des Militärs über diese Vorfälle sicher auch nicht glücklich. (flog, derStandard.at, 2.2.2012)


Zur Person: Nahost-Experte Michael Lüders studierte unter anderem Politologie und Islamwissenschaften. Er arbeitete als Nahostkorrespondent für die "Zeit". Heute lebt er als Autor in Berlin. Von ihm erschien 2011 das Buch "Tage des Zorns: Die arabische Revolution verändert die Welt".

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12 Postings
Avicenna
 
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Ein abgekartetes Spiel

Wer sich gestern die Aufnahmen genau angesehen hat, dem war sofort klar, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist
http://derstandard.at/plink/132... d24683531.
Irritierend für die meisten Beobachter ist vielleicht, dass es hier gar nicht um Fußball geht, sondern um die Rolle der Ultras im Kampf für mehr Demokratie und gegen das Mubarak-Regime und seine Überreste. Im Gegensatz zu vielen Hohlbirnen an Fans in Europa, die sich ebenfalls Ultras nennen, haben die ägyptischen Fans in der 1.Reihe gegen die Diktatur ihren Kopf hingehalten. Das Gemetzel im Stadion geschah unter den Augen der Polizei, die ganz sicher einen Befehl hatte nicht einzugreifen. Das war die Rache des Regimes und die Straßen brennen

odrr
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Viele in Ägypten erinnern sich an das Mantra des vor einem Jahr gestürzten Diktators Husni Mubarak: "Wenn ich nicht mehr bin, kommt das Chaos." Absichtlich hatten dessen Schergen rund um seinen Sturz dieses Chaos geschürt. Um diesem Marketingkonzept des Diktators Nachdruck zu verleihen, hatten sie die Gefängnisse geöffnet und bezahlte Schläger losgeschickt.

http://www.taz.de/Ausschrei... on/!86926/

odrr
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plus ironie/sarkasmus von einem anderen artikel

http://derstandard.at/plink/132... id24593815

television
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http://www.youtube.com/watch?v=bBMjXuSjP6M

über Armee und Geheimdienst in Ägypten

Prinzessin Li
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"Früher sei es unmöglich gewesen, auch nur eine Flasche Wasser ins Stadion mitzubringen."

"Früher sei es unmöglich gewesen, auch nur eine Flasche Wasser ins Stadion mitzubringen. Nun habe er von Kollegen gehört, dass viele Angreifer Waffen gehabt hätten."
http://www.zeit.de/politik/a... o-fussball

Avicenna
 
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...und das alleine spricht schon dafür, dass die Sicherheitsbedingungen vor dem Spiel gelockert wurden, was denen zu Gute kam, die bewaffnet ins Stadion kamen. Gleichzeitig blieb die Polizei untätig, damit die aufgehetzte Meute ihr blutiges Werk verrichten konnte. Ein Trauerspiel, aber durchsichtiger als es die Hintermänner dieses Gemetzels wohl haben wollten...

nein, eh nicht!
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von wegen normale fanausschreitungen...

www.zeit.de : "CNN.com zitiert einen verletzten Fan mit den Worten: "Die Masri-Fans und ihre Hooligans hatten alles: Steine, Glasflaschen, Messer, Schwerter. Einige sogar Waffen." Die Polizei habe nach Angaben des Fans Trennzäune zwischen den Fangruppen geöffnet und damit die Übergriffe erst ermöglicht. Der Vorsitzende des Fan-Komitees von Al-Ahli, Mamdouh Eid, sagte CNN, die Polizei hätte die Flucht aus dem Stadion verhindert, indem sie Ausgangstore nicht geöffnet hätte."

dakakadu
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Die Rolle der Ultras auf dem Tahrirplatz:

http://www.monde-diplomatique.de/pm/2012/0... 048.idx,10

Prinzessin Li
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Einschätzung von Fußballspieler Hany Ramzy

"Ramzy: Das alles hat nichts mit Fußball zu tun. Die Fans von Al-Masry hatten doch eigentlich keinen Grund zu randalieren. Ihre Mannschaft hatte ja gewonnen. Außerdem sind sie nicht viel gewalttätiger als andere. Die Fans sind hier nicht verantwortlich. Das war alles geplant und wäre in jedem Fall passiert, ganz unabhängig vom Spielverlauf. Innerhalb von zwei Minuten waren Tausende Fans mit Messern bewaffnet auf dem Platz. Sie wurden vor dem Spiel nicht kontrolliert und die Polizei hat nicht eingegriffen."
http://www.sueddeutsche.de/sport/int... -1.1273914

Prinzessin Li
11

Interessante Wahl der Überschrift.
Originalzitat war: "Insofern ist man in Kreisen des Militärs über diese Vorfälle sicher auch nicht glücklich."
Das "sicher" wurde weggelassen in der Überschrift. Es beschreibt aber, dass es sich um eine persönliche Einschätzung von Michael Lüders handelt.

Chien de Pique
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Dafür hat man Anführungszeichen gesetzt.
Ansosnten werden ja auch die ganzen Veschwörungstheorien von manchen Medien als Fakt gebracht, hier ist einmal eine ausgewogene Einschätzung.

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