Die schwedischen Schwestern Klara und Johanna Söderberg flüchten als First Aid Kit mit "The Lion's Roar" in die ländliche Idylle
Klara
und Johanna Söderberg sind zwei schwedische Schwestern. Sie sorgen
derzeit mit glockenhellen Stimmen nicht nur für Furore in jenem schier
unerschöpflichen Markt, der sich der sensiblen Songwritingkunst auf
akustischer Basis annimmt. Mit ihren auf jeden Fall forschen, jedoch
gleichzeitig der Melancholie zuneigenden Liedern stehen sie auch für ein
gesellschaftliches Segment junger Leute, die sich enttäuscht vom
allgemeinen Drang nach Glück, Wohlstand und Umwelt- wie
Kapitalmarktzerstörung von den großen Städten abwenden. Sie flüchten
sich in die vermeintliche ländliche Idylle. Dort lebt man nicht nur
halbwegs unbelästigt vom üblichen kapitalistischen Laufrad und
Gewinnstreben zufrieden mit sich und seiner Akustikgitarre. Man lässt
sich die Haare wachsen und baut seine Holzhäuser in Passivbauweise. Auch
sonst ist bis auf Verkaufsfahrten zu lokalen Bauernmärkten am
Wochenende, auf denen man Gemüse aus eigenem Anbau oder Wollsocken
verkauft, alles eitel Wonne. So viel Klischee muss am Ende der Utopie
vom besseren Leben, das man trotz dem falschen führen könnte, sein.
Die
Winter weit draußen vor den Toren der Stadt sind zwar hart, düster und
langweilig, aber jedes Jahr im Frühjahr geht die Sonne auf. Und nach der
Zeit der Aussaat kann man auch kurz auf Tournee gehen und der Welt
vorgaukeln, dass sie in ihren Nischen durchaus dazu in der Lage ist,
eine heile zu sein. Das erzählt man gern mit zweistimmigem
Harmoniegesang.
First
Aid Kit, der Name sagt es, sind Lebensretterinnen und geben den
Verzagten Hoffnung. Das kann mitunter auch ganz schön bitter werden,
etwa wenn die Söderbergs in The Lion's Roar, dem Titelsong ihres
neuen Albums, von der Feigheit und der Gleichgültigkeit gegenüber der
Ungerechtkeit und so weiter singen und damit auch ihre Boyfriends
meinen. Eigentlich leben die Schwestern, wie sich in Emmylou,
einer Hommage auf die US-amerikanische Countrysängerin Emmylou Harris
herausstellt, auch gar nicht auf dem Land, sondern sitzen im
winterlichen Stockholm fest. Stockholm ist eine Stadt, die auf einer
Bewertungsskala von eins bis zehn dank ihres gefühlt dreiwöchigen
Sommers, Abba, Army of Lovers und sehr viel Grüninseln zwischen dem
Wasser gerade einmal auf vier Punkte kommt, weil es immerhin gute
Fastfoodgerichte auf Fischbasis gibt.
Flucht
als Ausweg und letzte Chance, die Idylle auf dem Land bleibt im
Schlummerland gefangen. First Aid Kit ziehen sich trotzdem ihre
Hippiemädchenkleider über und beschwören unter Berücksichtigung stark
und selbstbewusst sowie gesanglich sehr forciert vorgetragener Ängste
und Fürchte zumindest die Möglichkeit einer Verbesserung.
Das
irrlichtert zwischen Altvorderen wie Mazzy Star, der frühen Joni
Mitchell, ein wenig Mamas & Papas und jeder Menge Folkrock aus den
1960er-Jahren herum, damals als die jungen rebellischen Leute eben auch
die scheinbar stockkonservative Countrymusik entdeckten. Landbau braucht
das Konservative und sehr viel Geduld wie das Regenwasser. Sehr oft
kippen die Stimmen in den Höhen wie bei Cowgirl Emmylou Harris. Die Welt
ist gut. Sie ist noch nicht an ihrem Ende. Wem aktuell die
Folkrockgötter Fleet Foxes gefallen, Leute, hier habt ihr die weibliche
Entsprechung. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2012)
First Aid Kit - The Lion's Roar (Wichita/Pias)