Sex, Gewalt, Macht: Kompromisslos und unermüdlich umkreiste der US-Künstler Mike Kelley diese Themen. In der Nacht auf Mittwoch hat er sich das Leben genommen
Los Angeles - Er selbst bezeichnete sich einmal als "Blue Collar
Anarchist". In der Tat war er ein Anarchist der Arbeiterklasse, der mit
so harmlosen Titeln wie Heidi oder Unsere kleine Farm Kindesmissbrauch
anprangerte; unter grellem Kunstlicht Tabus - nicht nur - der
amerikanischen Gesellschaft sezierte; kollektive Ängste laut in die Welt
hinausschrie. "Ich wurde Künstler, um ein Versager sein zu können. Ich
war Hippie und wollte etwas machen, das Erfolg ausschließt und
sicherstellt, dass ich kein produktives Mitglied der Gesellschaft bin",
sagte Mike Kelley einmal. Doch er wurde kein Versager, im Gegenteil.
Nächstes Jahr hätte er zum achten Mal an der Venedig-Biennale teilnehmen
sollen.
"Mike zu erleben war immer eine intellektuelle Hochschaubahn mit größten
Ansprüchen und tiefsten Einblicken", erinnert sich Joanneums-Chef Peter
Pakesch an den Künstlerfreund, der 30 Jahre lang am California Institute
of the Arts unterrichtete.
Für seine verstörenden, pathetischen und, ja auch gnadenlos kitschigen,
frechen und absurden Proletenpassionen wühlte er in Schmutz, Sex und
Gewalt, in bürgerlichen Verlogenheiten und Perversionen. Er schlitzte
Teddybären den Bauch auf und sagte: "Beim Stofftier handelt es sich
nicht wirklich um ein Tier. Es ist ein Baby. Es ist ein Humanoid, es ist
geschlechtslos, es ist sauber, es ist aus Plüsch, es ist niedlich. Es
ist etwas, das man einem Baby gibt, um ihm zu sagen, wie es sein soll.
Solche Ziele sind absolut klassisch und inhuman. Sie stellen für mich
eine Art christlicher Perfektion dar, die unerreichbar ist, besonders
für Babys."
Ja, Mike Kelley räumte gründlich auf mit dem Klischee vom sauberen
Amerika. Geboren 1954 in Wayne, einem Vorort von Detroit/Michigan,
knüpfte der katholisch erzogene Sohn eines Schulwartes und einer Köchin
mit seinen subversiven Performances, den Trash-Videos,
Hardcore-Zeichnungen und Bad-Painting-Attacken auch an die Wiener
Aktionisten an. Schon früh, ab Ende der 1980er-Jahre, stellte Kelley
immer wieder in Österreich aus, zuerst im Grazer Kunstverein, später in
der Kunsthalle Wien und in der Secession, in der Galerie Peter Pakesch
und, auch gemeinsam mit Paul McCarthy und Raymond Pettibon, in der
Galerie Krinzinger.
Unter dem Titel Das Unheimliche kuratierte er 2004 eine Großausstellung
für das Mumok und gestaltete parallel dazu eine Filmreihe für das
Filmcasino. Sein letzter Österreich-Besuch galt 2009 dem Kunsthaus Graz,
wo er der Ausstellung Schere-Stein-Papier die Installation Sex, Drugs
and Rock and Roll Party Palace beisteuerte. Sie sei, sagte er, "wie ein
hemmungsloser Karneval - laut, anstößig, ein bisschen widerwärtig und
ungeheuer ironisch". Laut und hemmungslos war auch die Musik, die Kelley
machte: Destroy all Monsters war der programmatische Name seiner ersten,
1974 gegründeten Band. Von 1977 bis 1983 war er gemeinsam mit
Künstlerkollege Tony Oursler auch in der Punkband The Poetics aktiv.
In der Nacht auf Mittwoch wurde der 57-jährige in seinem Haus in
Pasadena nahe Los Angeles tot aufgefunden. Er hat sich nach Aussagen von
Freunden das Leben genommen. (Andrea Schurian / DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2012)