Mike Kelley 57-jährig gestorben

2. Februar 2012, 12:52

Sex, Gewalt, Macht: Kompromisslos und unermüdlich umkreiste der US-Künstler Mike Kelley diese Themen. In der Nacht auf Mittwoch hat er sich das Leben genommen

Los Angeles - Er selbst bezeichnete sich einmal als "Blue Collar Anarchist". In der Tat war er ein Anarchist der Arbeiterklasse, der mit so harmlosen Titeln wie Heidi oder Unsere kleine Farm Kindesmissbrauch anprangerte; unter grellem Kunstlicht Tabus - nicht nur - der amerikanischen Gesellschaft sezierte; kollektive Ängste laut in die Welt hinausschrie. "Ich wurde Künstler, um ein Versager sein zu können. Ich war Hippie und wollte etwas machen, das Erfolg ausschließt und sicherstellt, dass ich kein produktives Mitglied der Gesellschaft bin", sagte Mike Kelley einmal. Doch er wurde kein Versager, im Gegenteil. Nächstes Jahr hätte er zum achten Mal an der Venedig-Biennale teilnehmen sollen.

"Mike zu erleben war immer eine intellektuelle Hochschaubahn mit größten Ansprüchen und tiefsten Einblicken", erinnert sich Joanneums-Chef Peter Pakesch an den Künstlerfreund, der 30 Jahre lang am California Institute of the Arts unterrichtete.

Für seine verstörenden, pathetischen und, ja auch gnadenlos kitschigen, frechen und absurden Proletenpassionen wühlte er in Schmutz, Sex und Gewalt, in bürgerlichen Verlogenheiten und Perversionen. Er schlitzte Teddybären den Bauch auf und sagte: "Beim Stofftier handelt es sich nicht wirklich um ein Tier. Es ist ein Baby. Es ist ein Humanoid, es ist geschlechtslos, es ist sauber, es ist aus Plüsch, es ist niedlich. Es ist etwas, das man einem Baby gibt, um ihm zu sagen, wie es sein soll. Solche Ziele sind absolut klassisch und inhuman. Sie stellen für mich eine Art christlicher Perfektion dar, die unerreichbar ist, besonders für Babys."

Ja, Mike Kelley räumte gründlich auf mit dem Klischee vom sauberen Amerika. Geboren 1954 in Wayne, einem Vorort von Detroit/Michigan, knüpfte der katholisch erzogene Sohn eines Schulwartes und einer Köchin mit seinen subversiven Performances, den Trash-Videos, Hardcore-Zeichnungen und Bad-Painting-Attacken auch an die Wiener Aktionisten an. Schon früh, ab Ende der 1980er-Jahre, stellte Kelley immer wieder in Österreich aus, zuerst im Grazer Kunstverein, später in der Kunsthalle Wien und in der Secession, in der Galerie Peter Pakesch und, auch gemeinsam mit Paul McCarthy und Raymond Pettibon, in der Galerie Krinzinger.

Unter dem Titel Das Unheimliche kuratierte er 2004 eine Großausstellung für das Mumok und gestaltete parallel dazu eine Filmreihe für das Filmcasino. Sein letzter Österreich-Besuch galt 2009 dem Kunsthaus Graz, wo er der Ausstellung Schere-Stein-Papier die Installation Sex, Drugs and Rock and Roll Party Palace beisteuerte. Sie sei, sagte er, "wie ein hemmungsloser Karneval - laut, anstößig, ein bisschen widerwärtig und ungeheuer ironisch". Laut und hemmungslos war auch die Musik, die Kelley machte: Destroy all Monsters war der programmatische Name seiner ersten, 1974 gegründeten Band. Von 1977 bis 1983 war er gemeinsam mit Künstlerkollege Tony Oursler auch in der Punkband The Poetics aktiv.

In der Nacht auf Mittwoch wurde der 57-jährige in seinem Haus in Pasadena nahe Los Angeles tot aufgefunden. Er hat sich nach Aussagen von Freunden das Leben genommen.  (Andrea Schurian  / DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2012)

Bei Todesfällen ist das Forum geschlossen.

  • "Sex, Drugs and Rock and Roll Party Palace": Mike Kelleys Installation für das Kunsthaus Graz im Jahr 2009
    foto: umj / l. wimler

    "Sex, Drugs and Rock and Roll Party Palace": Mike Kelleys Installation für das Kunsthaus Graz im Jahr 2009

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    US-Künstler Mike Kelley, "Blue Collar Anarchist"

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