"We fact check your ass"

Digitales Fact-Checking verändert Journalismus

6. Februar 2012, 09:48

Fact-Checking-Plattformen strafen Falschaussagen öffentlich Lügen und avancieren so zum vielversprechenden Journalismus-Werkzeug

Der Präsidentschaftswahlkampf wird in den USA 2012 das große Medienthema sein. Bereits jetzt machen sich die ersten Auswirkungen der demokratiepolitisch intensiven Zeit auf den Journalismus bemerkbar. Wie Pilze schießen neue Fact-Checking-Portale aus dem Boden, die zumeist auf der Grundlage von Crowdsourcing die Richtigkeit öffentlicher Aussagen überprüfen und darüber publizieren.

FactCheck.org, 1993 vom Annenberg Policy Center gegründet, und die 2009 mit einem Pulitzerpreis ausgezeichnete Plattform politifact.com der "Tampa Bay Times" haben es bereits geschafft, sich in der amerikanischen Medienwelt als Institutionen für mehr Transparenz zu etablieren. Regelmäßig werden ihre Berichte von meinungsbildenden Nachrichtensendern wie CNN als Quelle zitiert und lösen mit ihren Ergebnissen landesweite Diskussionen und Folgeberichte aus.

"Vatikan der Wahrheitsfindung"

Der Siegeszug des Fact-Checking setzte Anfang des 20. Jahrhunderts ein, als objektive Berichterstattung Bestandteil des Ehrenkodex wurde. In den 1920er Jahren installierte Edward Kennedy, Herausgeber des Magazins "Time", die erste Fact-Checking-Abteilung neben der eigentlichen Redaktion. 1927 folgten der "New Yorker", der inzwischen den Ruf als "Vatikan der Wahrheitsfindung" genießt, sowie die "New York Times", "Esquire", "The Atlantic", "Forbes" und "Newsweek". Die größte Fact-Checking-Abteilung weltweit unterhält derzeit der "Spiegel" mit achtzig vollzeitbeschäftigten Mitarbeitern, für "Spiegel Online" ist laut dem Netzwerk Recherche jedoch nur eine Mitarbeiterin abgestellt.

Online hilft sich selbst

Im Gegensatz zu den mit Spezialisten gespickten Fact-Checking-Teams der Printgiganten bedient sich Online vielfach der Intelligenz der Masse. Die Netzgemeinschaft kann sowohl Vorschläge für überprüfenswerte Sager einbringen als auch an der Beweisführung mitarbeiten. Die Vorteile von digitaler Interaktion in Echtzeit führen auch in der Ergebnisdarstellung zu neuen Möglichkeiten. Berühmt-berüchtigt ist der Truth-o-Meter auf politifact.com, der neben jeder untersuchten Aussage im Grün-Rot-Spektrum anzeigt, welchen Wahrheitsgehalt die Nachforschungen ergeben haben. Einen Klick weiter kann die gesamte Argumentationslinie nachgelesen und diskutiert werden.

Bereit fürs nächste Level

Fact-Checking tritt nach jahrezehntelangem Schattendasein als Zuarbeiter der Redakteure ins Licht der Öffentlichkeit, was zunehmend Auswirkungen auf Selbstwahrnehmung und Grundkonzepte zeigt. Dem traditionellen Rollenbild folgend, klärt ein guter Fact-Checker fragwürdige Angaben und weist auf Fehler hin, niemals jedoch stellt er jemanden an den Pranger. Bei den Crowdsourcing-Projekten im Internet verhält sich die Sache schon ganz anders. So wird beispielsweise jährlich von politifact.com der "Lie of the Year"-Award vergeben, 2011 ging er an den demokratischen Sager "Republicans voted to end Medicare". Der "Economist" legte daraufhin in einem Blog mit dem Titel "Fact-checking the fact-checkers" dar, dass diese Aussage nicht eindeutig als Wahrheit oder Lüge zu klassifizieren sei, was in Folge das weite philosophische Feld zur Suche nach Wahrheit und sinnstiftenden Konsequenzen aufmacht. Die Diskussion hat inhaltlich auch bereits die Zeitungsredaktionen erreicht, stellt sich doch immer öfter die Frage, ob bewiesene Falschaussagen bereits in der objektiven Berichterstattung erwähnt oder weiterhin in Extrakolumnen abgehandelt werden sollten. Die Meinungen gehen derzeit noch weit auseinander.

Transparenz ist die neue Objektivität

Craig Silverman, Autor des Buches "Regret the Error", berichtete kürzlich bei einer von Star-Blogger Jeff Jarvis initierten Fact-Checking-Konferenz von einem verstärkten Aufrüstungstrend beim Online-Fact-Checking, nachdem immer mehr traditionelle Publikationen entsprechende Abteilungen auslagern oder schließen. Silverman nimmt an, dass sich in Zukunft noch mehr kollaborative Systeme herausbilden werden, die durch die Kombination von menschlichem Einschätzungsvermögen und maschineller Intelligenz komplett neue Möglichkeiten für den Journalismus eröffnen. Der Blogger und Autor Ken Layne bringt die provokante Attitüde der Crowdsourcing-Bewegung auf den Punkt: "We can fact check your ass!"

Werkzeuge in Entwicklung

Neben den etablierten Plattformen sind auch interaktive Tools im Entstehen, die das Eingreifen in den Text bzw. Korrekturen schon vor Ort ermöglichen sollen. So plant etwa das in Deutschland vorgestellte Projekt Corrigo, falsche Angaben auf Newsseiten zu identifizieren und für Korrektur zu sorgen. Das Tool schlägt in die Argumentationskerbe derjenigen, die schon lange neben jedem Online-Artikel Korrekturfelder für User fordern.

Auch das in Berkeley entwickelte Tool Dispute Finder, das auf Think Link basiert, plant spannende Möglichkeiten, um kontroversielle Aussagen zu überprüfen oder zu relativieren. User füttern die Dispute-Finder-Datenbank mit fragwürdigen Behauptungen, die daraufhin in den digital gelesenen Texten aller eingeloggten Users markiert werden. Um der Wahrheit selbst auf den Grund gehen zu können, wird neben der markierten Stelle eine Linkliste eingeblendet, die von Usern erstellt und gerankt wird. Interessiert ein Thema nicht, kann der User das per Klick kundtun und das System merkt sich die Präferenzen für die nächsten Anwendungen.

Automatisierung der Wahrheit

Bevor Fact-Checking in den Alltag jedes digitalen Zeitungslesers Eingang findet, sind jedoch noch grundlegende Fragen zu klären: Wer definiert die Wahrheit und lässt bei Bedarf Raum für Diskussionen? Wie kann man mit statistischen Verzerrungen in Datensätzen und im Crowdsourcing selbst umgehen? Was passiert, wenn die Werkzeuge falsch eingesetzt werden? Wie werden die neuen Werkzeuge die Art verändern, wie Menschen Inhalte produzieren?

Die philosophischen Grundfesten müssen vielfach noch genauer definiert werden; dass diese Tools zukünftig wie selbstverständlich unseren Medienkosum beeinflussen werden, ist für Vordenker Steve Outing aber beinahe sicher: "Ich glaube, dass wir in 20 Jahren herausgefunden haben werden, wie man Qualität und Glaubwürdigkeit aus den abertausenden Nachrichtenquellen gezielt herausfiltern kann. Meine Nachrichtenwerkzeuge werden jeden gelesenen Artikel auf Fakten überprüfen und Unwahrheiten, Fehler und verzerrte Darstellungen markieren." (Tatjana Rauth, derStandard.at, 6.2.2012)

Kommentar posten
24 Postings
A Voice
06
Des traut's euch nie!

Im Gesundheitsteil.

indi mozart
 
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fact checking beim standard?

dass mus die kleine masochistenabteilung sein welcher ein jeder von uns in sich hat. die stehen sichs drauf von den postern a bisserl gerollt zu werden.

nana lieber standard, bin treuer leser seit vielen jahren uns seids eh gschmeidig.

donaquijote
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gibt es eine "objektive wahrheit" - es gibt sie nicht.

ich finde das ja nett: fact-checken. ich kann mich nur erinnern, dass ich auf der uni schon ein ziemlich breites wissen und erfahrungswissen hatte, um valide kommentare zum beispiel zu politischen einschätzungen zu schreiben. bzw. damals z.b. ziemlich klar wurde, dass die schönen spitzen kommentare einer fr. löffler überhaupt nicht rezipiert werden konnten - hab ich was von rau gesagt?

und wenn ich mir dann so die facts zur obama-rede anschau. ich mein: das ist lieb, aber ... es lässt alle fragen trotzdem offen. oder dieses interview sen. paul zum gesundheitswesen und den menschen. seitenlange analyse, wer was gesagt hat.
ein blick in die lebenserwartung hätte wahrscheinlich genügt.
fact oder opinion - das ist die frage.

Die grausame Realität 2012
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Die Rache des Posters sind die Weiten des Internet.

SterzinOz
04
Die Idee mit dem Factchecken

sollte irgendein wohlmeinender Mensch vielleicht einmal der APA (abgeschrieben plus abgeschrieben) stecken.

Spirogyra
14
ich fürchte...

...die steht schon mit dem spell check auf Kriegsfuß.

Medicus58
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Schwarmintelligenz oder Intelligenz der Masse?

vielleicht eine i-Tüpfelreiterei, aber ich denke ersteres trifft eher, was der Artikel meint

Keyser
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Würde es hier eingeführt, so könnte Fr. Brickner bald keine Artikel mehr schreiben, in denen sie Geschichten erzählt - die der Realität nicht im mindesten standhalten. Aber das würde in gleichem Maß auch auf ORF und manch andere Medien zutreffen. :-)

donaquijote
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mhm ;-))) - friendly profi-writing muckla.

Eisherz
02
Womit man starten könnte:

Bei jedem Artikel oder Bericht sämtliche Dokumente zu verlinken, auf die der Text bezug nimmt und die verlinkt werden dürfen.

Das sollte für einen Redakteur doch ein absolut Leichtes sein und gäbe auch dem unbedarfteren Leser die einfache Möglichkeit, sich im Zweifel selbst ein Bild zu machen.

mistvieh666
 
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wikipedia, deutsch, englisch.
ziemlich gut. und die leute die das gegenteil sagen sind idioten. das man es in einer wissenschaftlichen arbeit nicht zitieren kann hat andere gruende.
ausserdem haben die ihre quellen angegeben.
es passiert gar nicht so oft, dass ich darueberhinaus noch was brauche.
und dann einfach googlen. exakte "fragen" stellen, dann sind die antworten auch exakt.
wenn man sich fuer was interessiert, dran bleiben, solang das thema in den medien bleibt. man wird zu einen wissenden und das macht spass.
das man auch eine meinung hat ist eine andere geschichte, ich hab beobachtet, dass die qualitaet der recherche, der antwort, sogar der spass, unter einer meinung leidet, die dazu tendiert zu versteinern.
keep moving.

gucky
00
Wikipedia ist gut, aber:

Unter "Recherche" stell ich mir was anderes vor, als Wikipedia aufzurufen. Journalisten sollten wirklich mehr Quellen haben und diese auch - wenn moeglich - verlinken.

Diese "APA copy + paste" Geschichten sind aergerlich und sehr offensichtlich, wenn man mehr als eine Tageszeitung liest. Manchmal auch schon beim Lesen einer Tageszeitung....

Alder
 
10

Das steht schon drunter: Reuters und APA.

Franz_Josef
12
solange die nicht bei 9/11 anfangen

haben sie andere Absichten, oder?

bratak
02

wäre für österreich sehr wünschenswert ...

Vanilla Bear
02
kobuk.at

Kennst du schon?

kleinerpinguin
01
Kinderkram

Kobuk konzentriert sich eher auf Übertreibungen und Enten im Chronik-Teil.
Wirklich interessant wird es ja eher in Politik und Wirtschaft, nur da braucht man Fachkenntnisse und viel Zeit. Das ist für ein Hobby/Uni-Projekt von ein paar Publizistik-Leuten nicht so einfach zu stemmen.

Makronaut
04

"...für "Spiegel Online" ist laut dem Netzwerk Recherche jedoch nur eine Mitarbeiterin abgestellt."

...das erklärt, vor allem zum thema nahost, so manches.

MartinP
 
06
@ Redaktion

Wieviele Leute habt ihr im Einsatz beim "Fact Checking?"

Wäre doch mal interessant.

der schwitzbär der schwitzt sehr
00

Der Portier checkt Besucher und Veloceboten auf spitze Gegenstände

major grubert
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das ware

beim gefallenen sonnengott was gewesen. da gab es doch die diskussionssendung in einem deutschen sender wo er log das sich die balken bogen. aber auf die schnelle konnte es keiner widerlegen und er grinste dreckig bis zum anschlag.

Joe 3x3
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das war bei "Meischberger" auf N-TV

habs gesehen, leider ist er mit dem poker (nichts anders wars) durchgekommen ...

gelernter Österreicher 3
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Ich fürchte, daran wird auch Fact-Checking nichts ändern: erstens, weil die Checker auch Zeit benötigen, bis sie zu einer Aussage die Belege für deren Unwahrheit beigebracht haben, zweitens, weil sich dann die Frage erhebt, wie sauber die Quellen sind, die die Checker vorgelegt haben.

Ich bin sicher, dass vor allem die US Geheimdienste sich schon genau überlegt haben, wie sie es anstellen müssen, dass irgend eine Polit-Lüge auch von den Fact-Checkern als "Wahrheit" bewertet wird. Quellenkritik ist nichts Triviales.

mistvieh666
 
00

5 minuten.
und normalerweise weiss man ja, was das thema ist, da hat man die sachen dann sowieso schon lokal und innerhalb von 5 sekunden offen vor sich liegen.
quellenkritik? das soll keine wissenschaftliche bla bla arbeit werden, auch kein gerichtliches gutachten, sondern mit einer wahrscheinlichkeit von sagen wir mal 95% soll eine luege aufgedeckt werden.

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