Schröders später Triumph

Blog | KrisenFrey, 2. Februar 2012, 10:19

Die Agenda 2010 hat dem deutschen Ex-Kanzler den Job gekostet, aber dem heutigen Wirtschaftserfolg den Weg bereitet

In Deutschland gilt „Hartz IV“ immer noch als Unwort, das Assoziationen mit Kinderarmut, soziale Grausamkeit, Geldverschwendung und überbordende Bürokratie hervorruft.

Aber unter Deutschlands Handelspartnern wird Gerhard Schröders Agenda 2010, dessen Herzstück die Hartz-IV-Reformen waren, immer mehr zum Modell einer erfolgreichen und zukunftsweisenden Wirtschaftspolitik hochstilisiert.

Der ehemalige deutsche Kanzler wird vom französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy offen als Vorbild genannt und dürfte auch den italienischen Premier Mario Monti bei seinen Arbeitsmarktreformen inspirieren.

Und der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama bezeichnet im Spiegel-Interview Schröders Programm auch für die USA als vorbildhaften Weg, wie man gleichzeitig eine dynamische und gerechtere Wirtschaftsordnung schaffen kann.  

Die Ironie daran ist, dass Schröders rot-grüne Regierung letztlich an der Agenda 2010 gescheitert ist. Die von 2003 bis 2005 durchgeführten Reformen, und hier vor allem Hartz IV, wurden innerhalb der Sozialdemokratie so heftig kritisiert, dass Schröder nach der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen keine andere Möglichkeit mehr sah, als in vorgezogene Neuwahlen zu flüchten, die er dann im Oktober 2005 knapp gegen Angela Merkels CDU verlor.

Aber gerade diese Niederlage macht Schröder in den Augen vieler zu einem Helden: Ein Politiker, der für die notwendigen, schmerzhaften Reformen seine Macht opferte aber damit dem Land einen nachhaltigen Aufschwung ermöglichte.

Vieles an dieser Geschichte ist wahr: Schröder und seine Mitstreiter – Franz Müntefering, Wolfgang Clement und auch Grünen-Chef Joschka Fischer – haben damals tatsächlich über den nächsten Wahltermin hinausgedacht.

Die Reformen des Arbeitsmarktes und Sozialsystems waren bitter notwendig – Deutschland galt als „kranker Mann Europas“ –, aber politisch äußerst schwierig. Schröder ging es dennoch an und schuf damit den Grundstein für das neue deutsche Wirtschaftswunder, das dann ab dem Jahr 2007 wirklich einsetzte.

Das war wohl auch Sarkozys ursprünglicher Plan, wobei er aber allzu oft vor unpopulären Schritten zurückgeschreckt ist, ohne dass ihm das in der Bevölkerung viel genützt hat. Aber Frankreich ist ein schwierigeres Pflaster für Reformen als Deutschland, wo eine Mehrheit der Bürger immer schon zu kurzfristigem Verzicht  bereit war.

Aber der unglaubliche wirtschaftliche Erfolg Deutschlands lässt sich  nur zum Teil durch die Agenda 2010 erklären. Genauso wichtig, oder noch wichtiger, war die jahrelange Zurückhaltung der Gewerkschaften in den Lohnverhandlungenm dank der die Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft auf Rekordwerte stieg - leider auf Kosten vieler Handelspartner. Diese hatte eher nur atmosphärisch mit der Agenda 2010 zu tun.

 Und auch das hätte nichts genützt, wenn Deutschland nicht ein so erfolgreiches Netz von Mittelstandsunternehmen hätte, die gerade in jenen hochspezialisierten Industriebereichen tätig wären, die vom Aufschwung in China und anderen Schwellenländern so stark profitieren.

Vor der Agenda 2010 hatte Deutschland eines der teuersten und schwerfälligsten Sozialsysteme Europas. Heute ist es für das Land keine Achillesferse mehr, aber auch kein besonderes Plus.

Obwohl die Sozialsysteme schwer zu vergleichen sind und sich in Details ständig wandeln, ist die  deutsche in gewissen Aspekten immer noch großzügiger als das österreichische. Vor allem aber ist der Arbeitsmarkt in Österreich weiterhin deutlich flexibler – vor allem der Kündigungsschutz ist lockerer als in Deutschland, wo Dienstverträge in allen Fällen nur mit Begründung beendet werden können.

Es liegt wohl an der Agenda 2010, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland mit 5,5 Prozent (EU-Berechnung) heute schon knapp an den Spitzenwerten von Österreich und den Niederlanden liegt und nicht mehr doppelt so hoch wie vor einem Jahrzehnt.

Viele dieser neuen Jobs sind Teilzeit- und Billigjobs, aber dies ist – das haben die Deutschen inzwischen gelernt – ist besser als hohe strukturelle Arbeitslosigkeit.

Schröders Politik hat jedenfalls gezeigt, dass Strukturreformen einen tatsächlichen Nutzen bringen und deren Umsetzung auch in den Schuldenstaaten Südeuropas heute wichtiger wären als ein noch so striktes Sparprogramm.

Aber die Wahrheit ist, dass gerade die sinnvollsten Reformen die politisch schwierigsten sind, weil sie Interessensgruppen ganz direkt treffen. Auch Monti wird es leichter haben, Staatsausgaben stur zu kürzen als den verkrusteten Arbeitsmarkt aufzubrechen und den vielen modernen Zünften – von Taxifahrern über Apotheker und Notare – ihre Monopolstellung zu nehmen.

So gesehen war Schröders Agenda 2010 tatsächlich ein modernes Heldenepos, von dem andere Regierungschefs einiges lernen könnten - einschließlich dem Wissen, dass gute Wirtschaftspolitik oft unbelohnt bleibt.

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regenfeldbau
10
Vieles an dieser Geschichte ist wahr: Schröder und seine Mitstreiter – Franz Müntefering, Wolfgang Clement und auch Grünen-Chef Joschka Fischer – haben damals tatsächlich über den nächsten Wahltermin hinausgedacht.

Ach hätten wir doch auch solche Politiker...

pepitant
01
Ja, die haben drüber hinausgedacht.

Was machen die jetzt ?

Zum Glück sind uns solche Politiker bisher erpart geblieben.
Nur, ich befürchte, die bekommen wir noch.

Ich sehe nur eine Lösung:
Das gleiche tun, wie die Superreichen: Netzwerke bilden und sich von Staat und Arbeit für Geld möglichst weit abzukoppeln.

Wie ?

Als Konsument Dinge kaufen, die auch repariert werden können. Den Bedarf aus Ressourcen aus der Nachbarschaft stillen.
Ganz wirds nicht funktionieren, aber das muss es auch nicht. Auch meine Nachbarn produzieren keine Handys. Aber sie produzieren Lebensmittel, verstehen was von Installation, Elektrik, Autos, Heilkräutern, Holz u. a. m.
So weit wie möglich, auch wenns ein wenig mühsam ist, sollten wir uns bemühen, nach solch einem Konzept zu leben.

mrfreeze
 
10
Der Dativ kostet dem Akkusativ den Job.

weiter les ich den Frey eh schon lange nicht mehr...

AvaxHome
00
dannhalt die fresse und lies die presse

facetoface
23
Nachdem hier sehr viel Unsinn über Niedriglohn gepostet wird!

In Deutschland macht der Niedriglohnsektor gerade mal 2,74% der gesamten Beschäftigungszahlen aus! Nochmal 2,74%%%%%%%
Im Vergleich: USA: 17,82, Durchschnitt EU: 12,03%
Wo ist da dann die Ungerechtigkeit!
Vermögen für Alle wäre wünschenswert leider aber nicht umsetzbar. Nicht zu vergessen vor 20 Jahren wurde ein Pleitestaat mit 15 Mio Menschen zu 100% in das soziale Netz integriert incl. Renten. Zusätzlich ein hoher Migrantenanteil!!!!
Macht es erst einmal besser.
Ich würde mir wünschen wenn unsere Politiker in Ösiland auch so vorausschauend agieren würden. Und,- ich bin selbst eher links orientiert, aber nicht dumm!

pepitant
00
Woher haben Sie

die 2,74% ?
Alleine die Hartz4-Aufstocker sind mehr. Die Aufstocker, nicht die Empfänger. Als Aufstocker werden nur die mit 40h-Job bezeichnet.

Ganz schlecht ist man übrigens dran, wenn man arm und rechts ist. :-)

Moralapostel
 
00

von wegen Pleitestaat integriert...
http://www.youtube.com/watch?v=8OWkkJSJd0o

facetoface
00
11.2.2012, 18:29
Professioneller Unwissender!

ostap_bender
 
10
dr.oetker operiert wieder

2,74% allws klar, nehme an, dass sind die 1€/1std arbeiter... denn alle anderen verdienen eh schon überproportional viel im vergleich zu den armen managern, krawattingern und dem restlichen oberschichtabfall..

ddr pleite ? na sicher doch, genau so pleite wie russland unter jelzin. da waren unternehmen auf einmal nix wert, wurden für ein butterbrot verkauft, und anschliessend, waren dann all diese netten übernahmemanager milliardäre...

sie sind eher links orientiert ? das glaube ich ihnen überhaupt nicht, sie biegen gerade die wahrheit
denn linke sind für sie ja dumm oder so, oder wie auch immer sie ihr posting deuten wollen...

ostap_bender
 
00
dr.oetker operiert wieder

mhm, d. mit nur 2, 74%. das sind wahscheinlich jene welche um 1 euro die stunde arbeiten, oder so...
und der gesamte rest der untertanen verdient eh schon zuviel im vergleich zu den reichen oder ???

der pleitestaat ddr... hahaha, das war eine der besten lügen der finanzmafia, ebenso wie russland unter jelzin "pleite" war und alle anderen oststaaten ebenfalls. waren alle nichts wert von einen tag auf den anderen, sobald diverse firmen dann aufgekauft waren für ne glasperle, waren schwuppsdiwupps alle wieder soviel wert....

eher links orientiert... mhm
aber nicht dumm... mhm

d.h. alle anderen welche wirklich links sind, sind ihrer ddr-wertlosen meinung nach dumm oder so...

jetzt geh ich aufs häusl "würg"

Erisian Liberation Front
20
Linke Legendenbildung

at work

matthias_87
10
Herr Neoliberal "The Economist" Frey

Ich weiß schon dass The Economist nie vom Wirtschaftsliberalen Kurs abweichen wird.. und wenn sie mir erklären wo der "Thrickle down" bleibt, kann ich sie Ernst nehmen ;)
Und da dass nie der Fall sein wird, ist das alles wertloser Müll.

matthias_87
00
hartz 3 ist unmenschlich und hat mit dem Wort Erfolg nichts zu tun

wo ist der Deutsche Erfolg denn? Die Reallöhne sinken und mit den Dumpinglöhnen sinds Exportweltmeister geworden super für die Aktionäre und Eigentümer.
Und Hartz 4 ist ein ruhigstellen der Bevölkerung beim Existenzminimum bei gleichzeitigen Lohndruck von unten um die Löhne noch mehr zu drücken weil sonst Hartz 4 mit dem Gespenst des Wettbewerbs.

higgs - wozu?
12

ist das jener schröder, der sich am 16.2.2003 heimlich still und leise mit den bossen der größten banken traf um deutsche kreditbelastungen in milliardenhöher loszuwerden - war das jener schröder, der nach dem treffen 2003 bereits genau wußte, was demnächst (2008 - lehman) passieren würde? der bereits genau wusste, daß unser system wiedermal kippt und den ganzen betrug mittels subprime, cds, etc. voll mitgetragen und mitentschieden hat? der uns also sehenden auges belogen und ans messer geliefert hat wie es jetzt eine merkel oder sarkozy bzw. obama noch immer tun?
nur damit wir hier vom gleichen reden.

pussycat.1337
10

selbst in deutschland hört man nicht er seit gestern, dass hartz4 sozial sehr ungerecht ist. und besonders in der heutigen zeit moralisch sehr fragwürdig. bankchef fahren das finanzsystem an die wand und erhalten millionenbonis und vernicht damit millionen von jobs. dann streitet man sich um die opfer die 1 euro jobs durch hartz4 annehmen müssen, ob man ihnen 5 euro noch abziehen kann, weil man verhindern will dass sich diese leute noch alkohol oder zigrattenen kaufen könnten.
schröder war einer der ärgsten populistischen politiker seit langem, nur guttenberg wäre noch schlimmer geworden!

Dr. Lari and Mr. Fari
 
20
"gerecht" ist keine objektivierbare Eigenschaft.

Der, dem man nimmt, wird immer schreien und von Ungerechtigkeit jammern. Aus seiner Sicht völlig berechtigt. Aber wenn das Resultat unterm Strich so aussieht wie Frey hier schreibt (und ich kenne dazu auch Äußerungen von hochrangigen Wirtschaftswissenschaftern ähnlichen Sinnes), dann war es eben für die überwiegende Mehrheit gut, und im Sinne der Demokratie ist das jedenfalls rechtfertigbar.
Und was Du sonst hier meinst, ist - objektivier- und belegbar! - auch ein ziemlicher Schmarren.

pepitant
00
Für die überwiegende Mehrheit gut

ist im Sinne von Demokratie keine Rechtfertigung.
Abgesehen davon, dass die Aussage falsch ist, dass das System für die überwiegende Mehrheit gut sei, ist der Wert einer Gesellschaft daran zu messen, wie sie mit den Schwachen umgeht. Auch der einer demokratischen.
Eine Vermögensverteilung, bei der 10% einer Gesellschaft, die Sklavenhaltung verbietet, über zwei Drittel aller verfügbaren Geld- und Sachwerte besitzen, kann nicht für eine überwiegende Mehrheit gut sein. Und der Trend geht zur Vergrößerung dieser Kluft.

pussycat.1337
00

jo klar, wissenschaftler, die man dafür bezahlt, werden das system schon für gut finden. sie kommen auch nicht in die lage einen 1 euro job machen zu müssen. das in mitteleuropa wieder politisch die sklaverei legalisiert wird, und dann auch noch von jobwunder spricht, das ist purer wahnsinn!

Franz_Josef
11
nun ist Schröder bei der GAZPROM

und dreht uns den Gashahn zu.

Weitsicht paart sich mit dem absoluten Willen zu Macht und Unterdrückung der Völker.

Ein echtes Zukunftsmodell als Politiker, korrupt, rücksichtslos und selbstbereichernd.
Faymann schau auf zu ihm!

hermanthegerman
02
Komisch

Damals als er an der Regierung war mochte ich ihn überhaupt nicht, habe ihn auch nicht gewählt. Rückblickend muss ich sagen, er war einer der besseren Kanzler. Immerhin hat er Deutschland aus dem Irakkrieg rausgehalten und die Agenda 2010 eingeführt, ohne die wir heute nicht so gut dastehen würden.

pepitant
00
Ja, Deutschland

hat sich zum Niedriglohnland Europas gemausert und durch seine Dumpinglöhne die schwächeren Volkswirtschaften in den Ruin getrieben. Jetzt zahlen die Deutschen die Rechnung und jammern wegen der Griechen. Diese wiederum müssen sie zahlen, denn wenn die Griechen pleite gehen, stürzen sich die Spekulanten auf die Portugiesen. Dann geht das Spiel dort weiter und die Spanier und Italiener rauszukaufen schaffen dann die noch nicht ganz maroden Staaten der EU auch nicht.
Vielleicht wärs ja eine Lösung, gingen nicht die Griechen aus dem Euro raus sondern die Deutschen. Nur, alleine wärens auch angreifbar.
Merkel brachte ja zum Ausdruck, die Politik hätte kapiert, dass das Kapital einen Finanzkrieg führe, nur, sie steht leider in dessen Sold.

noirc80
33
Viele dieser neuen Jobs sind Teilzeit- und Billigjobs, aber dies ist – das haben die Deutschen inzwischen gelernt – ist besser als hohe strukturelle Arbeitslosigkeit.

WARUM? weil man dann so tun kann, als ob es allen gut ginge, weil SCHAUT HER! es haben ja so viele arbeit! kann zwar keiner davon leben, aber die statsitik stimmt!
für nichts anderes ist das gut! nur für die gewinne weniger, die damit andere euroländer nieder konkurrieren, was SUPERGESCHEIT ist, denn wer würde behaupten, es sei dumm, ein loch in das boot zu sägen, in dem man sitzt. ach, genau, krisenfrey.

deutschlands exportwunder wird gleich vorbei sein, wenn die länder sichs nicht mehr leisten können, deutsche ware zu kaufen, ein großteil des exports geht in eu-länder!
die binnennachfrage muss gestärkt werden, einzige lösung, und das geht nur mit höheren löhnen!
das problem: schröders und freys kapierens immer noch nicht.

Andrej Stoltz
13
"ein großteil des exports geht in eu-länder!"

Irrtum.

Stand/Prognose Exportmärkte 2012:
1. China
2. USA
3. Frankreich

Die brauchen Europa immer weniger. Seine Bedeutung schwindet immer mehr.

pepitant
00
Die letzten Realzahlen stammen

aus dem Jahr 2011 und beziehen sich auf 2010:
Fr 9,5% USA 6,8 NL 6,6 GB 6,2 IT 6.1;
danach folgen Österreich und China ex aequo.

Geschäftsklimaindex gelesen ? :-)

hermanthegerman
00

korrekt.

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