Auf Spurensuche nach Januskopf und Doppeladler

12. Juni 2003, 18:51
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"Bernhards Österreich - Hundertwassers Paradies" - Fotografien von Erika Schmied im Kunsthaus Wien

Die Fotografin Erika Schmied war mit beiden befreundet und lichtete ihre Welt in Schwarz-Weiß ab: "Bernhards Österreich - Hundertwassers Paradies" im Kunsthaus Wien.


Wien - Schon die beiden Namen in einem Satz zu erwähnen verwundert. Thomas Bernhard und Friedensreich Hundertwasser könnten unterschiedlicher nicht sein. Ihr einziger gemeinsamer Nenner sind die erbitterten Kontroversen, die ihre Werke nach sich zogen. Aber da gibt es noch etwas Gemeinsames, und zwar das deutsche Ehepaar Schmied.

Erika und Wieland Schmied, sie Fotografin und 32 Jahre lang Art-Direktorin bei den Merian Monatsheften, er Kunsthistoriker an der Bayerischen Akademie der schönen Künste in München, lernten die beiden jeweils in den 50er-Jahren kennen, sie verband eine tiefe Freundschaft.

"Ich brauch' überhaupt nichts erfinden. Die Wirklichkeit ist viel scheußlicher", sagte Bernhard, während Hundertwasser manchmal etwas weltentrückt und träumerisch von ökologischen Paradiesen fantasierte - und sie in seinen jeweiligen Domizilen auf Neuseeland, im Kamptal oder in Venedig auch umzusetzen versuchte. Beide sind nicht mehr von dieser Welt, und beiden ist Erika Schmied auf ihren Plätzen dieser Welt nachgereist, hat SchwarzWeiß-Fotografien von den bedeutenden Orten angefertigt.

Die mit Künstlerporträts vermischten Bilder, derzeit ausgestellt im Kunsthaus Wien, vereinen dokumentarischen Stil mit Atmosphäre, manchmal ein wenig melancholischer. Frau Schmied, die so etwas wie eine "Dokumentationspflicht" diesen verschwindenden Orten gegenüber verspürt, hat jahrelang in den Romanen recherchiert und stellte fest, dass das Gerüst aller Bücher Bernhards reale Plätze seien, in die er fiktive Geschichten eingearbeitet habe. Dabei musste er eine Kamera im Kopf gehabt haben, meint sie, "denn er hatte niemals etwas notiert oder fotografiert".

Der Keller, in dem der junge Bernhard seine Lehre machte, das Zimmer in der Lungenheilanstalt, in welches der Berg, seine Schicksalswand, hineinzukommen scheint (Die Kälte), der Gang am Salzburger Internat (Die Ursache). In der Schau werden die Bilder mit Romanpassagen kombiniert, eine Landkarte illustriert die Schauplätze.

Einfaches Leben

Hundertwassers erträumte Orte zeigen einen Menschen, der in einfachsten Verhältnissen in der Natur seine Anti-welt schuf. Oft auch, wie Erika Schmied anerkennend meint, aus sich heraus, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Einmal seien sich die beiden begegnet: Bernhard schätzte die frühen Arbeiten Hundertwassers, während dieser den spaßigen Bernhard als oberflächlich einstufte, erzählt Wieland Schmied. Für ihn stellen die gegensätzlichen Künstler den "Januskopf Österreich" dar, auch zu sehen im Doppeladler: "Ihre Werke offenbaren, dass man aus einer radikalen Liebe heraus Ja bzw. Nein sagt." (DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2003)

Von Doris Krumpl

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kunsthauswien.at

Bis 31.8.
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    Thomas Bernhard mit Eis , 1984

  • Thomas Bernhard in der Hängematte, 1972, aus Sicht der - mit ihm bis zu seinem Tode 1989 befreundeten - deutschen Fotografin Erika Schmied.
    foto: schmied/kunsthaus wien

    Thomas Bernhard in der Hängematte, 1972, aus Sicht der - mit ihm bis zu seinem Tode 1989 befreundeten - deutschen Fotografin Erika Schmied.

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