Räuber Mister Austria

11. Juni 2003, 20:32
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Sieben Jahre Haft für den einst Schönsten der Starken

Wien - Manfred aus Mistelbach will seinen Prozess nur mit einem Kaugummi und den notwendigsten Worten überstehen. "Was machst du da?", fragt er seine Mutter beim Eingang. Sie sieht die Handschellen und weint. Er glaubt, sie trösten zu können, indem er ihr siegessicher zuzwinkert.

Der Schönste der Starken

Sie war schon einmal sehr stolz auf ihren Buben gewesen. Er hatte hart trainiert. Er hatte auf seinen Körper gebaut. Er errang mehrere Meistertitel im Bodybuilding. Vor drei Jahren reichte es sogar zum "Mister Austria". Da war er erst 20 und schon der Schönste der Starken. Überdies heiratete er seine Jugendliebe. Ein halbes Jahr später ließ sie ihn stehen, wegen eines ähnlich Proportionierten.

"Nein, so was beschließt man nicht."

"Und da beschlossen Sie . . .", beginnt der Richter. "Nein, so was beschließt man nicht." Mit einer Gaspistole hat er sich bewaffnet, und vier Trafiken hat er überfallen. Keiner weiß, warum. Und der es wissen sollte, kann oder will es nicht verraten. Er sagt nur: "Es war eh schon alles egal." Oder: "Es war ein Hilfeschrei." Oder: "Ich war am Tiefpunkt." Oder (doch noch nicht der Tiefpunkt): "Ich wollte wissen, wie tief ein Mensch sinken kann." Nach dem ersten Überfall hätte er es eigentlich wissen können.

Ein Held für Freunde

3000 Euro hat er insgesamt erbeutet. Das Geld war ihm egal, er teilte es mit schlechten Freunden, denen er ein Held sein wollte. Der Staatsanwalt scheint Ovid zu übersetzen: "Er verlor den Halt und begann, ausschweifend und zügellos zu leben." Der Mistelbacher bleibt dabei: "Ich wollte etwas Sinnloses tun." Der Richter widerspricht: "So sinnlos war das nicht." Und die beisitzende Kollegin wundert sich: "Wenn einen die Frau verlässt, geht man doch gegen sie oder den Nebenbuhler vor, oder man wird krank oder macht einen Selbstmordversuch." In einer Hitzepause fleht ihn seine Mutter an: "Bitte, sag endlich alles!" Aber mehr wird es nicht.

Der Verteidiger richtet sich an die Geschworenen: "Sie müssen sagen, welche Strafe er braucht, um sich zu bessern." Sie sagen: Er braucht sieben Jahre Gefängnis. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 12.6.2003)

von Daniel Glattauer
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