Kluge Kleider können mehr

11. Juni 2003, 12:21
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Intelligente Stoffe sollen gegen Sonnenallergie helfen oder Medikamente an Patienten abgeben - in Einzelfällen ist Skepsis angebracht

Wenn die Sonne vom Himmel brennt, macht immer mehr Menschen nicht nur die Hitze zu schaffen. Vier Prozent der Österreicher leiden an Sonnenallergien. Addiert man noch die Sonnenanbeter hinzu, deren Haut gegen die gefährliche Mischung aus Schutzcremen und Schweiß rebelliert, braucht erst gar nicht der Hautkrebs herbeigeredet werden, um Badewütige in den Schatten flüchten zu lassen. Manchen hilft selbst das nicht. Denn die juckenden Pusteln bilden sich nicht durch das Auftreffen von Sonnenstrahlen auf die Haut, sondern durch die UV-Strahlen. Und die gibt es auch dort.

Früher dachte man, Kleidung würde die Haut abschirmen. Das stimmt aber nur zum Teil, wie Christiane Hess, Geschäftsführerin der Münchner Firma "Reinschmidt Operations", weiß: "Werden Naturfasern wie Baumwolle nass, kann die UV-Strahlung fast ungehindert durchdringen." Grund genug, eine nun auch in Österreich unter dem Namen "Hyphen" erhältliche Bademodenkollektion für Sonnenallergiker zu entwickeln. Die Hosen, Shirts und Kappen wirken wie eine Sonnencreme. Möglich wird das durch die Kunstfaser Polyamid-Lycra, die in dünnen Einheiten dicht verarbeitet wird. Die "Hyphen"-Produkte enthalten keine Chemikalien im Gegensatz zu "Sun Modal", einer vom Forschungsförderungsfonds für die gewerbliche Wirtschaft (FFF) geförderten Entwicklung der auf synthetische Fasern spezialisierten Lenzing AG. Sie enthält winzige Partikel einer in Sonnencremen üblichen Substanz. Bei starken Allergikern könnten sie die Haut reizen.

Intelligente Stoffe, die mehr können als nur die Haut bedecken, erobern aber nicht nur den Sonnenschutz-Markt. Im Gesundheitsbereich wird derzeit in zwei Richtungen geforscht: So will Chip-Hersteller Infineon über in Kleidung integrierte Sensoren Körperfunktionsdaten wie Blutdruck oder Herzfrequenz messen und auch an Ärzte übertragen. Ein anderer Schwerpunkt der Textilforschung liegt in der Entwicklung von Stoffen, die durch den Einbau von Zuckerverbindungen, so genannter Cyclodextrinen, Medikamente an den Körper abgeben könnten. Dieses Szenario stuft Peter Trappel vom Österreichischen Textilforschungsinstitut aber noch als Zukunftsmusik ein: Zwar würden die Zuckerverbindungen regelmäßig Medizin abgeben, "die Haut nimmt aber nicht konstant gleich viel auf". Die Dosierung würde damit erschwert.

Dass dabei Skepsis angebracht ist, illustriert der Textilforscher anhand einer anderen Anwendung der Cyclodextrine: Die Moleküle schlucken Partikel im Schweiß, die normalerweise von den auf der Haut siedelnden Bakterien gefressen und dann übel riechend wieder ausgeschieden werden. Da aber heute schon vermutet wird, dass das Ansteigen von Allergien in Industriestaaten mit übertriebener Hygiene zusammenhängt, könnten solche Textilien diese Entwicklung beschleunigen.(Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. .6. 2003)

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