"Lifestyle"-Fragebögen im Visier der Konsumentenschützer

11. Juni 2003, 14:28
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Arge Daten: "Auch familiäre und persönliche Beziehungen werden ausgespäht"

Die Arge Daten warnt vor einer neuerlichen Datenerhebungsaktion der Lifestyle GmbH. Auch die Kammer für Arbeiter und Angestellte rät von der Weitergabe personenbezogener Daten an dieses Unternehmen ab und berichtet von einer Anfragelawine verunsicherter Konsumenten. Hans G. Zeger, Datenschutzrat-Mitglied und Rechtsexperte der Arge Daten, meint dazu: "Wer den Fragebogen vollständig ausfüllt und unterschreibt, stimmt auch der Datenweitergabe innerhalb eines völlig undurchsichtigen Datenkonzerns zu. Zumindest mit einem Anschwellen [von] Werbezusendungen muss der Konsument rechnen."

Plötzlich erstaunlich informiert

In der Vergangenheit habe sich außerdem gezeigt, dass nach Angaben über Einkommen und Beruf gegenüber Lifestyle gewisse Inkassobüros plötzlich erstaunlich informiert waren. Anton Jenzer, Geschäftsführer der Lifestyle-Muttergesellschaft Schober Information Group Österreich, bezeichnete gegenüber pressetext.austria die Angaben der Arge Daten als "zu 90 Prozent nicht korrekt" und sagte: "Die Schobergruppe hat mit Wirtschaftsauskunftsdiensten und Inkassounternehmen keine firmenrechtlichen Verbindungen. Unsere Daten werden zu solchen Zwecken auch nicht an Dritte weitergegeben." Wenn sich ein Datenkäufer nicht an die Auflagen halte, müsse dieser mit Pönalen rechnen.

"Auch familiäre und persönliche Beziehungen werden ausgespäht"

"In pseudoamtlicher Aufmachung und als Konsumenten- und Marktforschungsumfrage getarnt, werden in rund 100 Fragen Konsumgewohnheiten, Vorlieben der Freizeitgestaltung, aber auch finanzielle Verhältnisse, Versicherungen und PKW-Bestand erhoben. Auch familiäre und persönliche Beziehungen werden ausgespäht", heißt es in der Warnung der Arge Daten. Der Fragebogen sei so gestaltet, "dass viele Menschen glauben könnten, sie würden an einer Marktforschungsaktion teilnehmen, auch eine Verwechslung mit den ähnlich gestalteten Fragebögen der amtlichen Statistik Austria kann vorkommen." Jenzer allerdings sieht keine Verwechslungsgefahr, da jeder Einsender mit seiner Unterschrift ausdrücklich zustimme: "Die Lifestyle-Fragebögen werden von uns schon seit zwei Jahren österreichweit verschickt. Das ist rechtlich entsprechend dem Datenschutzgesetz und der Gewerbeordnung. Nur wenn sie unterschrieben sind, werden sie von uns verwendet. Und zwar ausschließlich für Marketing- und Werbezwecke." In Österreich hätten bislang gut 200.000 Personen die Fragebögen eingesandt. An diese Personen zielgerichtete Werbung würde sehr hohe Erfolgsraten erzielen, so Jenzer.

Wert

Jeder ausgefüllte Fragebogen hat für die Datensammler einen Wert von 1.000 bis 5.000 Euro, je nachdem, in welche Gruppe der Konsument aufgrund der Angaben eingestuft werden kann, informiert die Arge Daten. Jenzer widerspricht und nennt diese Summen "astronomisch überhöht". Eine einzelne Lifestyle-Adresse koste für die einmalige Nutzung für eine Werbebotschaft zwischen 0,5 und 2,5 Euro, Dauernutzungsrechte wurden mit bis etwa sieben Euro verrechnet.

Verknüpfen und abgleichen

Als weiteren Nutznießer machen die Datenschützer die Post AG aus, die über das gemeinsam mit der Schobergruppe betriebene Unternehmen PostadressAustria (51% Post AG, 49% Schober-Gruppe) an der Datenflut verdient. Dessen einziger Geschäftszweck bestünde darin, die Postzustelladressen mit anderen Daten der Schobergruppe zu verknüpfen und abzugleichen. Schober betont, dabei würden nur von der Post Informationen geliefert, die lediglich zur Aktualisierung bereits bestehender Kundenlisten genutzt würden. Die Post AG selbst beschreibt PostadressAustria so: "Die meisten Personen, die ihre Adresse wechseln, geben das beim nächsten Postamt (für einen Nachsendeauftrag) oder ihrem Zusteller bekannt. Deswegen weiß die Post als einziges Unternehmen praktisch tagesaktuell die Adressen (fast) aller Österreicherinnen und Österreicher und aller Firmen. Eine Konzerntochter, die PostadressAustria GmbH organisiert diesen 'Adressen-Schatz' nun als leistungsstarke Datenbank: Damit hat jede Firma die Möglichkeit, ihre Kundenadressen auf den letzten Stand zu bringen, bevor sie eine Aussendung macht."

"Österreichs einzige 1:1 Datenbank mit nationaler Abdeckung"

Die Schober Gruppe wiederum wirbt auf Ihrer Website damit "Österreichs einzige 1:1 Datenbank mit nationaler Abdeckung" zu führen und über "Adressen von allen 6,2 Millionen erwachsenen Privatpersonen in Österreich mit bis zu 100 marketing-relevanten Merkmalen pro Person" zu verfügen. Einige von pressetext.austria in den vergangenen Monaten durchgeführte Stichproben-Anfragen nach dem Datenschutzgesetz haben jedoch stets eine formal korrekte Antwort der Schober-Gruppe eingebracht, wonach gerade über den jeweils anfragenden Österreicher keine Daten gespeichert seien. Darauf angesprochen meinte der Geschäftsführer, es müsse sich um Einzelfälle handeln. Auch seien bisweilen Daten zwar gespeichert, jedoch mit einem Sperrvermerk (etwa "Robinsonliste") versehen, und würden dann entsprechend nicht genutzt.

Negativ

Die Arge Daten weist derweil darauf hin, dass das Ausfüllen eines Lifesstyle-Fragebogens auch die in verschiedenen Listen verzeichneten Bonitätsinformationen der betroffenen Personen negativ beeinflussen könne. Darüber hinaus dürfen einige der abgefragten Informationen, zum Beispiel über Familienangehörige oder berufliche E-Mail-Adressen, gar nicht ohne jeweils explizite Zustimmung weitergegeben werden.

Eine zwei Jahre alte Version des Fragebogens, die laut der Schober-Geschäftsführung bis auf "ein, zwei Fragen" der aktuellen Ausgabe gleicht, kann hier heruntergeladen werden.

Unter http://www.ad.or.at/muster stellen die Datenschützer Musterbriefe für Anfragen gemäß §26 Datenschutzgesetz zur Verfügung. Eine solche Anfrage kann von jeder Person einmal pro Jahr kostenlos eingebracht werden, auch per Fax oder E-Mail. (pte)

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