Pressestimmen: "Doppelstrategie"

11. Juni 2003, 08:18
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Europäische Medien über den Raketenangriff Israels

Frankfurt/München - Die Wiederaufnahme der "gezielten Tötungen" durch Israels Armee in den besetzten palästinensischen Gebieten wird am Mittwoch von der europäischen Presse kommentiert.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"Die Protagonisten im Nahen Osten agieren entweder töricht oder perfide. Der Versuch, den nach Scheich Ahmed Yassin wichtigsten Mann der Hamas, Abdelaziz Rantisi, zu liquidieren, wird unfehlbar den nächsten Terroranschlag nach sich ziehen. Die Doppelstrategie der Israelis bringt den palästinensischen Ministerpräsidenten Mahmud Abbas in eine fast ausweglose Lage. Wie sollen er und andere arabische Politiker der Hamas - und anderen militanten Organisationen - mit Geduld und Überredungskunst allmählich einen gewaltfreien Kurs nahezulegen versuchen, wenn Israel mit Apache-Kampfhubschraubern Jagd auf deren Führer macht? Dass die Hamas anders als mit Gewalt reagieren könnte, wird der Realist Ariel Sharon kaum annehmen. Andererseits ist so gut wie ausgeschlossen, dass die Armee in diesem Fall ohne sein Wissen gehandelt haben könnte."

"FTD - Financial Times Deutschland":

"Die israelische Regierung richtet ihre Raketen auf palästinensische Terroristen - mit voller Wucht aber trifft sie nur den Friedensprozess. Mit dem Versuch, den Hamas-Führer Rantisi zu töten, hat Sharon den palästinensischen Ministerpräsidenten Abbas ohne Not geschwächt. Zugleich ist die israelische Aktion ein derber Schlag ins Gesicht von US-Präsident George W. Bush. Noch in der vergangenen Woche hatten Bush, Scharon und Abbas den Fahrplan für einen unabhängigen Palästinenserstaat besiegelt. Schon damals war klar: Das Fernziel Frieden kann nur erreicht werden, wenn sich die Verhandlungsführer gegenseitig stützen - und sich auch durch weitere blutige Anschlägen nicht von ihrem Kurs abbringen lassen. Schon nach wenigen Tagen aber hat Sharon diesen Pakt nun aufgekündigt. Rücksichtslos bringt er seinen Verhandlungspartner in Bedrängnis, denn jeder israelische Vergeltungsschlag gegen Hamas offenbart Abbas' Unfähigkeit, die Terroristen selbst zu stoppen. Zugleich gewinnen jene Palästinenser an Zulauf, die seine gemäßigte Politik gegenüber Israel kippen wollen."

"Süddeutsche Zeitung":

"Entgegen den Beteuerungen der israelischen Regierung, sie werde dem neuen palästinensischen Ministerpräsidenten eine Chance geben, fällt sie ihm in den Rücken. Denn der Angriff auf einen Hamas-Führer in Gaza bestärkt die palästinensische Zivilbevölkerung in ihrem Glauben, ihr Premier sei lediglich eine Marionette der USA und Israels. Regierungschef Sharon sucht der Welt weiszumachen, er meine es ernst mit seinem Angebot, auch 'schmerzhafte Kompromisse' zu schließen. Doch die Außenposten der Siedlungen, die er nun räumen lässt, sind fast alle unbewohnt und, wie Kabinettsmitglieder zugeben, völlig unwichtig. Zugleich ordnet Sharon die 'Liquidierung' eines Hamas-Führers an, was verheerende Terroranschläge nach sich ziehen wird. Ausgerechnet zum jetzigen sensiblen Zeitpunkt, an dem der Friedensfahrplan in seine erste Phase tritt, bricht Israel sein Versprechen, sich zurückzuhalten." (APA/dpa/AFP)

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