Ruf der Professoren

10. Juni 2003, 19:14
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Wenn einem nicht einmal Universitätsprofessoren den Scheideweg weisen, wie sollen dann erst Abgeordnete ihn weise wandeln? - eine Kolumne von Günter Traxler

In der Überzeugung, damit den Österreicherinnen und Österreichern, die am Wochenende Zeitungen gelesen haben, aus dem Herzen zu sprechen, sei heute jenen Universitätsprofessoren gedankt, die in den Samstag-Blättern in großen Inseraten an die Parteien, die Sozialpartner, die Medien und "an die breite Öffentlichkeit", also praktisch an alle, einen flammenden Appell zur Pensionsreform gerichtet haben: "Reformieren Sie heute, um unser Sozialsystem auch morgen zu sichern." Sie ließen keinen Zweifel daran, dass sie eine Reform erwarten, "die dauerhaft und nachhaltig ist und nicht wieder den Keim der baldigen nächsten Reform in sich trägt". Motto: "Jetzt handeln - für die Zukunft."

In dem Inserat ist zwar nicht ausdrücklich davon die Rede, dass exakt jene Reform beschlossen werden soll, die der Bundeskanzler für heute, den 11. Juni, dem Nationalrat zur Beschlussfassung vorgelegt hat. Aus dem nur vier Tage vorher erfolgten Aufruf zu rascher Tat darf aber geschlossen werden, dass es sich dabei um eine Trägerrakete just für dieses Vorhaben handeln dürfte. Schon deshalb, weil andernfalls zukunftsbewusste Universitätsprofessoren dieses Inserat gewiss schon vor vielen Monaten geschaltet hätten - nach der Dringlichkeit des Aufrufes zu schließen, muss ihnen diese Materie schon lange bleischwer auf Seelen und Kathedern lasten.

Der Einsatz der Elite ist umso höher zu schätzen, als sie von der heute zu beschließenden Materie in keiner Weise betroffen ist. Die Herren Professoren - keine Universitätsprofessorin hat mit unterzeichnet, sicher nur ein Zufall - sind durch die Bank keine Bezieher von ASVG-Pensionen, deren rasche Reform sie fordern, es wird ihnen nicht einmal die Gnade jenes Opfers zuteil, das sie damit anderen zumuten, weil sie - früher oder später - mit kaum viel weniger als hundert Prozent ihres letzten Aktivbezuges in Pension gehen werden. Ihr Motiv ist also ein rein idealistisch-patriotisches, was deutlich wird, wenn sie ihre Position so beschreiben: "Wir stehen am Scheideweg zwischen Aufbruch und Beharrung." Nicht uncharakteristisch für die akademische Ära Gehrer.

Von Edelmut zeugt, dass die Herren Professoren für die Schaltung ihres Aufrufes tief in die Tasche gegriffen haben müssen, denn billig waren die Inserate in allen größeren Tageszeitungen gewiss nicht. Den Verdacht, sie hätten nur unterschrieben, was ihnen irgend ein zahlender Parteibürokrat aus der Lichtenfelsgasse aufgesetzt hat, ist jedenfalls als mit der akademischen Würde unvereinbar zurückzuweisen, auch wenn die Aneinanderreihung politischer Plattitüden, aus denen der Appell zusammengestoppelt ist, eine solch grausige Vermutung nahelegt. Vollends unvorstellbar, auch die Freiheitliche Partei könnte eventuell als Financier dahinter stecken, schon deshalb, weil die selber nicht weiß, wie sie den Spagat zwischen Aufbruch und Beharrung schaffen soll.

Leider ist die oft beschworene Einheit der Universität auch nicht mehr das, was sie einmal war. Und so kam es, dass am selben Wochenende, an dem die eine Gruppe pensionsbesorgter Universitätsprofessoren für Wolfgang Schüssels Justament-Reform Wind machte, "um unser Sozialsystem auch morgen zu sichern", andere Professoren phrasenfrei und faktenreich nachwiesen, dass diese Reform alles andere als nachhaltig ist.

Theodor Tomandl bekannte in der Kleinen Zeitung, diese Reform könne die Pensionen langfristig nicht sichern, und Egon Matzner wies in der Presse nach, warum diese Reform keinen nachhaltigen Erfolg verspricht. Wenn einem nicht einmal Universitätsprofessoren den Scheideweg weisen, wie sollen dann erst Abgeordnete ihn weise wandeln? (DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2003)

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