Wolfgang Schüssel, Poet des Positiven

11. Juni 2003, 12:46
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Zum lyrischen Werk des Bundeskanzlers

Jazz und Lyrik sind ein bekanntes Gespann, Politik und Lyrik sind es weit weniger. Das ist bedauerlich. Denn zwischen beiden Sphären, der Politik und der Poesie, gibt es mehr unterirdische Verbindungswege und reizvolle "Correspondances" (Charles Baudelaire), als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

Zum Glück haben sich in den letzten Tagen mehrere literarische Glücksfälle ereignet, die zur überfälligen Erhellung dieses Nahverhältnisses beitragen. Frankreichs Außenminister Dominique de Villepin hat bei Gallimard unter dem Titel "Eloges des voleurs de feu" ("Preislieder auf die Diebe des Feuers") einen 800 (!) Seiten umfassenden Essay über das Wesen der Poesie geschrieben, der, anders als die 1961 vom nachmaligen Premier George Pompidou publizierte Anthologie französischer Lyrik, einen subjektiveren Zugang zum Thema anstrebt. "Ein persönliches, ja intimes Buch, durchdacht und gewagt", befand Le Monde.

In den USA hat der New Yorker Journalist Hart Seely unter dem Titel "Pieces of Intelligence" ein schmales Bändchen mit Gedichten von Donald Rumsfeld herausgegeben, welche in den Reden und Interviews des US-Verteidigungsministers verborgen liegen wie "Goldnuggets in einer Felsader" (SZ, 4. 6. 2003). Aus Rumsfelds Redebeitrag zur Sicherheitskonferenz in München 2003 stammt etwa diese formvollendete Auseinandersetzung mit Tod und Vergänglichkeit:

Wo wird es enden?
Es endet,
Das ist es.


Hätte man solche subtilen Gedanken je von Verteidigungsminister Günther Platter vernommen? Und wo ist der große poetische Essay von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner? Ehe den österreichischen Literaturfreund vollends der Neid frisst, die gute Nachricht: Auch in diesem Land gibt es einen Politiker, der seinen großen amerikanischen und französischen Kollegen mühelos das lyrische Wasser reichen kann.

Das sensiblere Publikum hätte schon 1999 aufmerken müssen, als Thomas Prinzhorn, der bekannt feinsinnige Dritte Präsident des Nationalrates, den damaligen ÖVP-Obmann und Außenminister Wolfgang Schüssel in einem TV-Duell vor den Nationalratswahlen als "Literaten" bezeichnete.

Aber: Es hat lang gedauert, ehe die Rumsfeld-Publikation den Blick für das von Prinzhorn erahnte lyrische Potenzial des Bundeskanzlers wirklich freigemacht hat. Ihres banalen politischen Umfeldes entkleidet, in die korrekte Orthografie und den richtigen Zeilenfall gebracht, bergen Schüssels Reden und Interviews Momente der puren Poesie, die den Vergleich mit Abraham a Santa Clara, Grillparzer und Trakl nicht zu scheuen brauchen.

Anders als der zum Zweifel neigende Rumsfeld ist Schüssel freilich eher ein Poet des Positiven, der trotz aller Enttäuschungen voller Vertrauen in die Möglichkeiten der Humanitas bleibt. Das zeigt sich etwa in der folgenden Dithyrambe auf das menschliche Miteinander, die Schüssel in die spartanisch-elegante Form eines Haikus gebracht und in ein Interview mit dem "Deutschlandfunk" (24. 10. 2002) eingewoben hat:

ich bin dafür
dass man schritt für schritt
den weg, den wir uns
gemeinsam
vorgenommen haben, geht


Von einer solch vertrauensvollen existenziellen Unbeschwertheit ist Schüssels Werk freilich nicht durchgängig durchwaltet, sondern es kennt auch Momente der Skepsis und der Stagnation. Doch mögen auch die Motive von Schüssels Lyrik wechseln: Die Perfektion der sprachlichen Durcharbeitung bleibt ein-und dieselbe.

Man beachte die kostbare Faktur des folgenden Textes, in dem durch eine schlichte Verschiebung der Vorsilbe "un-" vom Haupt-zum Eigenschaftswort hin die ganze Spannweite zwischen Wahrheit und Lüge - dem Grundkonflikt eines jeden menschlichen und politischen Handelns - auf geringstem Raum dichterisch ausgemessen wird (Quelle: Rede am 32. ÖVP-Bundesparteitag am 26. April 2003 in Linz):

wir sagen vielleicht
nicht immer
angenehme unwahrheiten

wir sagen manchmal
unangenehme wahrheiten
das ist wahr

aber die menschen
können dem trauen
was wir sagen

und wir denken an das ganze
wir denken nicht nur
an unsere zeit
wir denken an unsere kinder


Selbst Anlässen, die vordergründig nach einer schmucklos-prosaischen Fa¸con de parler schreien, kann ein dichterischer Geist wie Schüssel ohne Schwierigkeit poetischen Gehalt abgewinnen:

ich sage
sparen ist

nicht links und rechts

richtiges, vernünftiges,
sozial verantwortliches
sparen ist

notwendig


Dieses in die Erklärung zur Pensionsreform vom letzten Mittwoch eingearbeitete Poem lässt, makellos, wie es ist, gleichwohl durch einen neuen Ton aufhorchen.

Wird hier ein erstes Mal der Vorschein eines Schüsselschen Alterswerks erkennbar? Wenn ja, dann scheint es ein Werk zu sein, das in einer kühnen Kombination aus Brechtscher Schroffheit und Jandlscher Verspieltheit ("links und rechts") die Grenzen des Sagbaren überschreitet und verspricht, sich immer weiter in die Territorien des Unsäglichen hinein zu wagen: Wolfgang Schüssel, po`ete et chancelier maudit. (Christoph Winder/DER STANDARD; Printausgabe, 11.06.2003)

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