Wenn die Körper Einschau halten

10. Juni 2003, 19:31
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Tanzsoli von Saskia Hölbling und Paul Wenninger im "Raum 1020"

Wien - Für die den freien Choreografen nicht mehr zur Verfügung stehende Halle 1030 hat sich mit dem Raum 1020 eine Alternative gefunden: Die ehemalige Reithalle in der Leopoldstädter Blumauergasse entpuppt sich als variabel nutzbare, für kleinere Produktionen geradezu ideale Spielstätte. Ein sympathischer Ort, wo Saskia Hölbling und Paul Wenninger neue Soli zur Uraufführung brachten.

Zwei Wiener, die vorwiegend im Ausland ihren künstlerischen Weg gegangen sind. Saskia Hölbling, zurzeit Residenzchoreografin am Centre Chorégraphique National de Franche-Comté in Belfort, präsentiert mit exposition corps ihr erstes Solo. Resoluten Schrittes, lautstark vom Musiker Heinz Ditsch begleitet, betritt sie den Raum. Vor ihr ein weißes, frei schwebendes Quadrat, eine Art japanisches Bett. Auf diesem turnt sie selbstvergessen. Heinz Ditsch am Tonpult dirigiert sie, räumt ihr Phasen der Stille ein, arbeitet an einer musikalischen Gedächtnisspur.

Es lassen sich Geschichten ablesen, Erlebnisse, die in der kontrolliert eingesetzten Motorik und Gestik wiederkehren. Gleichzeitig analysiert Saskia Hölbling, verlässt diesen Ort der Rückschau, um von außen das Feld der Meditation zu betrachten und sich erneut der physischen wie psychischen Erfahrung zu stellen. Dreißig Minuten totaler Einsatz, der mit Spannung zu verfolgen ist.

Danach ein Mann in der Identitätskrise: Nackt, einen Karton über den Kopf gestülpt, umgeben von hängenden Videoflächen, auf denen der kreiselnde, in Maske gefertigte Gesichtsabdruck Wenningers zu sehen ist. Der Performer erzählt mit patch (Musik: Fritz Rainer, Karl Sayer, Johannes Specht) die Geschichte eines Orientierungslosen.

Ständig wechselt er die Kleidung, gibt sich angepasst, dann wieder schafft er Aufruhr, wehrt sich gegen die Monotonie des Alltags. In seinen Tanzfragmenten geht er immer wieder zu Boden, rappelt sich auf, kämpft an gegen eingeübte Rituale. In den eingeblendeten Videos von Florian Schmeiser sehen wir den Protagonisten über den Entfremdungsprozess der Liebe sinnieren, sehen ihn einsam zwischen Hochhäusern wandeln. Ein höchst konträres Stückwerk, das sich sehen lassen kann.

(Ursula Kneiss/DER STANDARD; Printausgabe, 11.06.2003)

Raum 1020, 2., Blumaumergasse 6, im Hof, Karten:
(01) 587 05 04. Bis 13. Juni,
jeweils 21.00 Uhr

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