Einer von uns, der stets so tat, als wäre er Künstler

11. Juni 2003, 12:20
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Das Museum Moderner Kunst Wien begleitet den posthumen Boom für den Maler Martin Kippenberger mit "Nach Kippenberger"

Martin Kippenberger hat die Renaissance seiner selbst nur knapp nicht erlebt: Mit der Schau "Nach Kippenberger" schließt sich das Museum Moderner Kunst Wien dem Boom an.


Wien - Er war einer von uns. Sein Traum Capri bei Nacht galt einem Auto, die Feinrippunterhosen saßen der beachtlichen Hühnerbrust so nahe, wie sie im Schritt zwickten, er kam Durch die Pubertät zum Erfolg, und als Mitglied des 20. Jahrhunderts galten auch Teile seiner Hoffnung der Psychoanalyse: Die haferflockenbeschichtete Orgonkiste, die er 1982 mit Freund Albert Oehlen bastelte, sollte der Heilung wenig gelungener Bilder dienen, auf dass die dann ihrerseits die positiven Erdstrahlen auf die Betrachter abschießen würden, während der so genannte Künstler dem Kommando Martin, ab in die Ecke und schäm dich ohne Widerrede folgte.

Martin Kippenberger ist tot, starb '97 in Wien. Kurz davor notierte Michel Würthle - Gastronom im Berliner Dauerexil - unter Mi hermano Kippenberger nachfolgend Berührendes: "You can have / his last peso / but you can't have sein / Melancholiemodul".

"Jeder Künstler ist ein Mensch", soll Kippenberger oft gemurmelt haben, und dann: "Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden!" Was er dann auch nicht einmal versucht hat, weil ihm doch Pathos ganz fremd war. Notwendiger Bestandteil der Kunst müsse, ganz gegenteilig, "wahre Peinlichkeit" sein.

Auch deshalb hat Kippenberger sich immer wieder selbst porträtiert, also erfunden, in die befremdliche Umgebung gesetzt, keinen Stil verfolgt, sich, wo immer es gegangen ist, hineinreklamiert.

Und was kommt jetzt nach Kippenberger? Kippenberger! Deutschland lässt sich demnächst durch seinen Nachlass auf der Biennale von Venedig vertreten, das Museum für neue Kunst am ZKM Karlsruhe hat eben eine Retrospektive auf den späten Bürgerschreck beendet, das Van Abbe Museum Eindhoven und das Museum Moderner Kunst Wien kooperieren gerade mit einer weiteren Rückschau: Nach Kippenberger heißt die, und müht sich, Person und Werk, Leinwand und Anekdote fein säuberlich voneinander zu scheiden. Was Kippenberger ebenso wenig schadet wie der Karlsruher Erinnerungsversuch an einen Freund.

Er selbst hat 20 Jahre nach einem Künstlertod den Zeitpunkt angesetzt, dessen Wirken zu beurteilen. Markt und gängige Methoden wollten es anders, wollen jetzt schon die Ertrag versprechende Ruhmeshalle über einen errichten, den Festlegungen bloß beschneiden, der überall und nirgendwo beteiligt war, der kaum etwas so scheute wie die Nische.

Wenn von Martin Heidegger ein Vortrag mit dem Titel Bauen Wohnen Denken überliefert ist, dann von Kippenberger der Darmstädter Ausstellungstitel Miete Strom Gas. Wenn alle Welt hysterisch der Wahrheit im Internet nachgoogelt, dann ist Martin Kippenberger mit seinem Metro-Net Vertreter einer ganz physischen Allseitspräsenz. (Ein Metro-Eingang befindet sich auf der Griechischen Insel Syros, Modelle für Leipzig, Dawson City oder New York liegen vor, etwa notwendige Lüftungsschächte sind transportabel angelegt.)

Wenn Martin Kippenberger Architektur beschäftigt, dann wird aus dem New Yorker Guggenheim ein dem Alltag enthobenes The Modern House of Believing or not, oder er reiht die Betty-Ford-Klinik, Stammheim und eine jüdische Grundschule unter: Drei Häuser mit Schlitzen. Oder Martin Kippenberger, den es nach Florenz zog, um Schauspieler zu werden, und der ob des dort prompt einsetzenden Zustands der Auftragslosigkeit begann, Bilder zu malen - seinen Zyklus Uno di voi, un Tedesco in Firenze -, stellt eben Fragen von einer exemplarischen Durchschnittlichkeit. Zu einer klischeehaft abstrakten Komposition aus leidlich dynamisierten schwarz-rot-gelben Balken, die sich durchaus als analytisch kubistische Zerlegung des verfemten Symbols der Nazis deuten lässt, merkt er an: "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken." (DER STANDARD; Printausgabe, 11.06.2003)

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mumok

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