Aufmerksamkeit als Droge

10. Juni 2003, 17:36
10 Postings

Der Tod von Jürgen Möllemann entblößt die Mechanismen von Politik und Medien - Ein Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid

Der Tod von Jürgen Möllemann hat den Politikbetrieb in Deutschland vorübergehend gelähmt und für ein kurzes Innehalten gesorgt. Die Art seines Sterbens löste Betroffenheit aus. Dass einer, den praktisch jeder im deutschen Politikbetrieb kannte, kurz nach der Aufhebung seiner Immunität und dem Anlaufen von Durchsuchungen in seinen Wohn- und Geschäftsräumen in den Tod springt, ließ niemanden kalt.

Die politischen Gegner haben trotz aller Differenzen seine Leistungen gewürdigt. In krassem Gegensatz dazu stand die Reaktion der FDP-Spitze. Sie betonte ihr Mitgefühl mit der Familie des Toten. Auf diese Weise konnte man elegant vermeiden, etwas über Möllemann selbst zu sagen. Schweigen wäre die ehrlichste Lösung gewesen, aber Schweigen ist in der Politik keine Option. Die Lähmung hat sich bei der Witwe, Carola Möllemann-Appelhoff, und den drei Töchtern in Wut gewandelt.

Die Todesanzeigen sind eine Anklage gegen die FDP- Führung. In diesen Anzeigen fragen sie: "Werden uns diejenigen Rechenschaft geben, die auf niederträchtige Weise versucht haben, sowohl den Menschen Jürgen W. Möllemann wie auch sein politisches Lebenswerk zu zerstören, für das er mehr als 30 Jahre leidenschaftlich mit Herz und Seele gekämpft hat?"

Um eine Antwort auf diese Frage wird die FDP-Spitze nicht herumkommen. Denn nach der Wahl wurde Möllemann als Sündenbock abgestempelt und ihm die Alleinschuld am schlechten Abschneiden der FDP zugewiesen. Zwar hat Möllemann mit seinem Flugblatt mit antisemitischen Untertönen versucht, Stimmen am rechten Rand zu gewinnen und dabei liberale Wähler verprellt.

Aber FDP-Chef Guido Westerwelle hat ihn gewähren lassen und sich erst, als das Scheitern der Aktion feststand, davon distanziert und auf Möllemann als Schuldigen verwiesen. Davor hat er sich Westerwelle aber von Möllemann die Kanzlerkandidatur, das Wahlziel 18 Prozent und den Spaßwahlkampf aufschwatzen lassen. Dass ihm die eigene Partei, die er stets als "Familie" bezeichnet hat, zuerst wie einem Leitwolf folgte und ihn dann wie einen Aussätzigen behandelt hat, dürfte Möllemann stärker getroffen haben als vermutet. Seine Begründung, er trete aus der FDP aus, weil es eine öffentliche "Hetz- und Treibjagd" gegen ihn gebe, wurde nicht wirklich ernst genommen - weder von der Politik noch von den Medien.

Aber ohne die FDP war Möllemann verloren. Er konnte nicht als Populist auf eigene Rechnung arbeiten, er brauchte die Parteistruktur - eine Parallele zu Jörg Haider, mit dem er häufig verglichen wurde. Als fraktionsloser Abgeordneter wurde Möllemann in Berlin ignoriert und auch in Düsseldorf, wo die SPD mit der FDP als neuen Koalitionspartner liebäugelt, wurde er nicht mehr gefragt.

Für einen Politiker vom Typus Möllemann gibt es kaum etwas Schlimmeres, als plötzlich nicht mehr wahrgenommen zu werden. Dies trifft nicht nur auf Politiker zu, sondern auch auf Trittbrettfahrer der Politik - Parteileute, Referenten und Journalisten. In einer Welt, in der man einander unablässig der eigenen Wichtigkeit versichert, muss man das Gefühl bekommen, auch wirklich wichtig zu sein.

Möllemann war ein Getriebener der Macht, der sich als einer der wenigen in seinem Umfeld zur "Droge Politik" offen bekannte. Seine Vita ist die Geschichte vom öffentlichen Leben und öffentlichen Sterben eines Politikers, der stets hoch hinaus wollte. Er hat es auch bis zum deutschen Vizekanzler geschafft. Möllemann hat Politik als Inszenierung betrieben und damit auch die FDP vor sich hergetrieben. Er, der den Spaßfaktor in die deutsche Politik eingeführt hat, ist daran zerbrochen. Spaß wirkt in Zeiten von Budgetlöchern und maroden sozialen Sicherungssystemen in der Politik plötzlich deplatziert.

Möllemann zeigte die schmale Grenze zwischen Selbstdarstellung und Selbstzerstörung auf. Sein Tod hat die Mechanismen von Politik und Medien entblößt.(DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2003)

Share if you care.