Italienische Wenden

10. Juni 2003, 17:29
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Der Sieg der Opposition in Fiaul ist noch zu wenig, um eine Wende herbeizuführen - Ein Kommentar von Christoph Prantner

Der Sieg Riccardo Illys in Friaul sei eine "Wende für Italien" - so überschwänglich bewertete der römische Oppositionsführer Francesco Rutelli das Wahlergebnis vom Wochenende. Allein: Unentwegt diagnostizierte "Wenden" hat es in Italien zuletzt schon mindestens so oft gegeben, wie das Pfeifen der Linken im finsteren Wald italienischer Regierungspolitik zu vernehmen war. So besehen ist der Gewinn des Nordostens für den Ulivo - trotz aller Meriten des sympathischen Kaffeerösters aus Triest - nicht ein Verdienst geschärfter Oppositionspolitik, sondern viel eher auf das selbst verschuldete Versagen im römischen Regierungslager zurückzuführen.

Der Wahl war innerhalb der "Casa delle Libertà" (Haus der Freiheiten) eine Schlammschlacht ohne Beispiel vorausgegangen. Und das Ergebnis bringt jetzt wieder einmal an die Oberfläche, was seit dem Juni 2001, dem Amtsantritt Berlusconis disparater Koalition aus Separatisten, Zentristen und Meridionalklientelisten, im Untergrund schwelt: Die nach ihrer tatsächlichen Stärke national überrepräsentierte Lega Nord Umberto Bossis liegt im Clinch mit Gianfranco Finis Postfaschisten. Und inzwischen hauen sogar die üblicherweise handzahmen, aber im Süden wiedererstarkten Christdemokraten auf den Tisch.

Silvio Berlusconi will nun die Vertrauensfrage stellen. Ginge die negativ für ihn aus, wäre dies wohl tatsächlich eine Wende. Dafür spricht aus jetziger Sicht allerdings wenig: Berlusconi muss aufgrund seiner juristischen Kalamitäten ein Interesse am Fortbestand der Koalition haben, die Lega hat eben in ihrem Kernland verloren und Fini gewinnt im italienischen Chaos immer mehr an staatsmännischer Statur, er kann sich als Alternative profilieren. Das heißt: Eine Wende wird es in Italien vorerst allenfalls rückwärts geben. Dafür wird es für Europa - in etwas mehr als zwei Wochen übernimmt Rom die EU-Präsidentschaft - demnächst wohl heiter werden.(DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2003)

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