Kein Geld - Keine Zeit - Kein Mut

15. Juni 2003, 17:00
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Die Zahl der Alleinerzieherinnen steigt ständig - Die soziale Situation dieser Gruppe ist bedenklich

Die Zahl der Alleinerziehenden ist in allen Industriestaaten ansteigend. In Österreich waren im Jahr 1996 291.000 Personen alleinerziehend, davon 253.800 Frauen und 37.200 Männer. 2001 ist die Gesamtzahl bereits auf 298.000 gestiegen, wovon 252.900 Mütter und 45.100 Väter ihre Kinder ohne den zweiten EIternteil betreuten. Anders ausgedrückt, lebten 1996 401.100 Kinder aller Altersstufen bei einem Elternteil, im Jahr 2001 415.700. (Zahlen des Österreichischen Instituts für Familienforschung - ÖIF). Dabei ist zu betonen, dass Alleinerzieherlnnen keine einheitliche Gruppe bilden. Sie unterscheiden sich einerseits durch die Gründe, die dazu führen, dass sie die Kinder alleine großziehen und andererseits durch die Lebensweise.

Verschiedene Gruppen von Alleinerzieherinnen

Diese Familienform wurde lange Zeit nicht untersucht, weil "unvollständige Familien" als Ausnahmeerscheinung oder "im Übergang Befindliche" galten. Eine der ersten Untersuchungen der Daten legte das Familien Fertility Survey (FFS) am ÖIF 1997 vor. Dabei wurde bekannt, dass 59 Prozent der Alleinerzieherinnen zwischen 20 und 54 Jahren in ihrem Haushalt alleine mit ihren Kindern leben und keinen Partner außerhalb des Haushaltes haben. 28 Prozent leben zwar mit ihren Kindern alleine, haben jedoch einen Partner außerhalb. 8 Prozent aller Alleinerzieherinnen leben mit anderen Erwachsenen im Haushalt, aber ohne Partner. Die letzte und kleinste Gruppe umfasst 5 Prozent, die mit mindestens einem weiteren Erwachsenen im Haushalt lebt und ebenso einen Partner außerhalb hat.

Geschichte

Die geschichtliche Erforschung zeigt, dass es Alleinerzieherinnen schon immer gegeben hat, überwiegend in den Großstädten, weil hier einerseits seit dem Mittelalter ein "Frauenüberschuss" herrscht (vermutlich damals auch durch die Zuwanderung weiblicher Dienstbotinnen bedingt) und andererseits die agrarische Struktur die Bewirtschaftung durch mehrere Personen, oft im traditionellen Verband, erforderte (Forschung nach Mitterauer). Noch vor rund 50 Jahren stellten vor allem Witwen den Hauptanteil der Alleinerziehenden. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs etwa ein Drittel aller Kinder sogenannter "Kriegswitwen" ohne Vater auf. Die Erforschung der Alleinerzieherinnen begann jedoch erst mit den in die Höhe schießenden Scheidungszahlen und der gleichzeitig sinkenden Zahl an Eheschließungen.

Mögliche Gründe

Obwohl für das Ansteigen der Gruppe der Alleinerzieherinnen sicherlich mehrere Gründe maßgeblich sind, ist ein geschichtlicher Faktor enorm wirksam. Durch die industrielle Produktionsweise hat die tendenzielle Zerschlagung der Familie zugenommen: "Rationelles Durchorganisieren, die Ideologie des 'Mehr-in-einer-Zeiteinheit', die Trennung von Arbeit und Leben üben einen starken Druck auf alle Formen des Zusammenlebens aus und belohnen praktisch das alleinlebende, mobile, vielseitig verwendbare, aller menschlichen Beziehungen 'ledige' Individuum. Alle Menschen, die Kinder aufziehen, was ein langfristiges, mühsames und der industriellen Produktionsweise entgegengesetztes 'Geschäft'ist, können nicht recht mithalten, 'funktionieren' nicht optimal und sind daher gefährdet und von Ausgrenzung bedroht." (Sophie Behr in: Ich erziehe allein, Hamburg 1980) Zum anderen entscheiden sich in den letzten Jahren immer mehr Frauen bewusst für ein Kind ohne Ehe/Partner. Sie nehmen die enormen Belastungen auf sich, weil sie ein selbstbestimmtes und autonomes Leben (ohne männliche Einflussnahme) bevorzugen.

Probleme der Alleinerzieherinnen

Zusammenfassend lassen sich allen Studien zufolge zwei grundlegende Probleme orten: die materielle (geringer Lebensstandard) und die psychische Situation (Belastung). Alleinerzieherinnen stehen mit der Vereinbarung von Kinderbetreuung und Beruf unter einem besonderen Druck. Arbeiten sie Teilzeit, so verdienen sie zumeist schlecht. Bei Erkrankung der Kinder haben sie ebenso ein Problem wie Vollzeitbeschäftigte, aber keinen Partner, der sich die Pflege mit ihnen teilt.

Weniger Geld...

Im Schnitt müssen Alleinerzieherinnen oder sogenannte "Halbfamilien" mit viel weniger Geld auskommen als "Vollfamilien". Sie sind gezwungen, in kleineren und billigeren Wohnungen zu leben, haben oft keinen eigenen PKW, können sich keinen oder nur selten einen preisgünstigen Urlaub leisten. Die Alimente müssen des öfteren über Jugendamt oder Gericht eingetrieben werden.

... und mehr Sorgen

Die psychische Belastung resultiert vor allem daraus, alles unter einen Hut bringen zu müssen: Kinder, Haushalt, einkaufen, Job. Da bleibt oft für Freizeit und eigene Bedürfnisse weder Zeit noch Energie. Dazu kommen Versagensängste, Überforderung und Burn-out-Syndrom, Isolation, Schuldgefühle und Probleme mit dem Exmann, die sich auch auf die Kinder auswirken können.

Die drei K's der Alleinerzieherinnen lauten auf einen Nenner gebracht: Kein Geld, keine Zeit , kein Mut. (dabu)

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    Mutter mit Kind: Statue von Meensel-Kiezegem (Belgien).
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