Der Pfusch wird zum Wirtschaftsmotor

11. Juni 2003, 13:10
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Schattenbranche wird heuer doppelt so stark wachsen wie offizielle Wirtschaft - Doch es gibt nicht nur Schattenseiten - mit Infografik

Wien - Pfusch wird in Österreich immer mehr als Kavaliersdelikt empfunden und wächst doppelt so stark wie die offizielle Wirtschaft. Heuer wird die Schwarzarbeit um 3,2 Prozent auf 22,5 (21,89) Mrd. Euro steigen, prognostiziert der Volkswirt der Linzer Kepler Universität, Friedrich Schneider, in seiner jüngsten Studie zur Schattenwirtschaft in Österreich, die heute, Dienstag, gemeinsam mit Bauinnungsmeister Johannes Lahofer vorgestellt wurde.

"Nicht fürs Sparbüchl"

Dem Finanzminister und dem Sozialminister werden heuer durch den Pfusch rund 4,5 Mrd. Euro entgehen, so Schneider. Allerdings dürfe man aber nicht vergessen, dass zwei Drittel dieser Summe wieder in die Wirtschaft fließen, denn "gepfuscht wird nicht fürs Sparbüchl". Als Hauptgründe für das starke Anwachsen der Schwarzarbeit nannte Schneider die deutlich gestiegenen Belastungen durch Steuern und Sozialabgaben.

Nach Sektoren wird am meisten im Baugewerbe mit einem Anteil von 35 Prozent oder knapp 8 Mrd. Euro gepfuscht, gefolgt vom Tourismus mit 22 Prozent und haushaltsnahen Bereichen (Reinigung, Garten und Nachhilfestunden) mit 16 Prozent.

Zahlenjonglierereien

Würde es gelingen, das Ausmaß der Schattenwirtschaft zu halbieren, so könnten 250.000 bis 300.000 Arbeitsplätze entstehen. Dies sei allerdings ein rein theoretischer Wert, da viele Tätigkeit offiziell nicht nachgefragt werden würden, weil sie dann zu teuer wären. Im Bau z.B. kostet derzeit eine offizielle Stunde zwischen 40 und 50 Euro gegenüber einer Pfuscher-Stunde um 15 bis 20 Euro. 40 Prozent der Österreicher könnten sich ihren derzeitigen Lebensstandard ohne Pfusch nicht leisten.

Im Detail haben laut Studie 18 Prozent der Österreicher in den vergangenen zwölf Monaten einen Pfuscher beschäftigt. 16 Prozent der Österreicher haben "schwarz" dazuverdient und im Vorjahr 73 Stunden gepfuscht. Nur jeder zehnte Erwachsene meint, man sollte Pfusch strenger bestrafen. Beim Unrechtsbewusstsein rangiert Schwarzarbeit etwa auf der gleichen Stufe wie "Schule schwänzen oder unbezahltes Mitnehmen von Zeitungen aus dem Zeitungsständer".

Mehrheit hat feste Anstellung

Auffallend bei der Pfusch-Entwicklung ist auch das Ost-West-Entwicklung. Am meisten gepfuscht wird in Wien mit einer Wertschöpfung von 6,21 Mrd. Euro, gefolgt von Ober- und Niederösterreich.

68 Prozent der heimischen Pfuscher haben eine feste Anstellung. Von den verbleibenden 32 Prozent entfallen jeweils 16 Prozent auf Frühpensionisten und Arbeitslose und auf den organisierten Pfusch.

Als Maßnahme gegen die Schwarzarbeit empfiehlt Schneider effizientere Kontrolle und damit verbunden eine bessere Vernetzung von Gewerbebehörde, Sozialversicherung, Finanz- und Kriminalbehörde sowie Bauarbeiter-, Urlaubs- und Abfertigungskasse. Im Wohnbauföderungsbereich sollte künftig nur noch der Faktor Arbeit nicht wie derzeit auch Sachleistungen wie gefördert werden. Außerdem schlägt Schneider die Einführung einer "Schattenwirtschaftspauschale" vor, wonach Pfuscher eine 20-prozentige Pauschalversteuerung leisten müssten, wenn diese bis zu 300 Euro pro Monat dazu verdienen. (APA)

Hingergrund

Facts zur Methodik
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    Schattenwirtschaft im Detail.

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