Große Erwartungen an Internet-Nutzung im Irak

10. Juni 2003, 14:59
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"Tor ins 21. Jahrhundert" - Nach Zerstörung der Infrastruktur neue Chancen für dezentrale Einwählknoten

Bei der gesellschaftlichen Erneuerung Iraks soll das Internet eine Schlüsselrolle einnehmen. "Ich betrachte es als ein Tor ins 21. Jahrhundert", sagt der Generaldirektor der staatlichen Gesellschaft für Internet-Dienstleistungen, Schakir Abdulla. "Bisher haben die Iraker in einem dunklen Zeitalter gelebt."

Das Wenige zerstört

Erst einmal aber hat der Krieg das Wenige zerstört, was bisher an Internet-Vernetzung vorhanden war. Amerikanische Raketen zerstörten die Antennen und Übertragungsstationen auf dem Dach des irakischen Informationsministeriums. Und die landesweit 65 Internet-Cafes wurden nach Kriegsende größtenteils geplündert. Sie zu erneuern, scheiterte bisher an der darnieder liegenden Stromversorgung oder an Problemen im Telefonnetz. Nur ein Cafe im Bezirk Babil mit fünf Computern sowie persönliche Satellitentelefone etwa von Journalisten stellten nach Kriegsende noch Verbindungen von Bagdad ins Internet her.

"Ich vermisse das sehr", sagt Amr Bakr, der sich als internet-süchtig bezeichnet. "Früher war ich jeden Tag mindestens fünf bis sechs Stunden im Netz." In einer PC-Werkstatt, gleich neben einem der bei den Bombenangriffen zerstörten Internet-Cafes, bereitet sich Bakr auf bessere Zeiten vor.

Satellitenempfänger gerettet

Ingenieuren der staatlichen Internet-Gesellschaft gelang es, einen der Satellitenempfänger aus dem ausgebrannten Informationsministerium in Bagdad zu retten und auf dem Dach eines zweistöckigen Hauses im westlichen Stadtteil Adel zu platzieren. Wochenlang verlegten Abdullas Techniker Kabel und tüftelten an der Ausrichtung der Schüssel. Endlich gelang es, Datensignale zu empfangen und zu senden. Jetzt soll hier eine Basisstation für die Verbindung mit dem weltweiten Computernetz entstehen. Und schon bald soll ein Internet-Cafe mit 50 Plätzen angeschlossen werden.

"Wir haben bei null angefangen", sagt Abdulla. "Wir mussten alles mit der Hand neu einrichten." Es sei eine große Herausforderung, unter solchen Bedingungen zu arbeiten, sagt der 32-jährigen Datenbank-Programmierer Maathir Fahad. "Aber wir sind guter Dinge."

Irak war eines der letzten Länder in der Region, das den Anschluss an die Internet-Gemeinschaft gefunden hat. Von 24 Millionen Einwohnern machten aber vor dem Krieg nur 250.000 davon Gebrauch, die meisten von ihnen in den staatlichen Internet-Cafes. Der private Zugang über den eigenen Telefonanschluss wurde erst im vergangenen Jahr erlaubt; zuletzt gab es gerade mal 25.000 private Accounts. Der ganze Irak kam mit einer Bandbreite von weniger als zehn Megabit pro Sekunde aus - so viel braucht ein einziges Bürogebäude in einer deutschen Großstadt.

Vom irakischen Informationsministerium gefiltert

Zahlreiche Web-Seiten wurden vom irakischen Informationsministerium gefiltert. Und von jeder E-Mail sei eine Kopie an die Regierung gegangen, sagt Abdulla.

Da das Internet in Irak jetzt völlig neu aufgebaut wird, gibt es die Möglichkeit, statt einer zentralen Stelle eine Vielzahl von dezentralen Einwählknoten zu schaffen. Damit werde eine Zensur des Datenverkehrs sehr viel schwieriger, sagt der US-Internet-Experte Jonathan Zittrain, Professor an der Harvard Law School. Wenn das Netz erst einmal richtig installiert sei, sagt Abdulla, werde es keine Filter und Restriktionen mehr geben - "es sei denn, dass wir als Unternehmen beschließen, Pornographie zu blockieren". (Von Jim Krane/AP)

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