Russische Enthüllungsjournalisten recherchieren hinter Putin her

10. Juni 2003, 12:08
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Gekaufte Geschichten als "Krankheit" der nationalen Medien

Die "gelenkte Demokratie" unter Präsident Wladimir Putin setzt der freien Presse zu. Selbst in Moskau lassen sich unabhängige Medien an einer Hand abzählen. Dagegen sorgt in der nördlichen Metropole Sankt Petersburg ein Kollektiv aus Enthüllungsjournalisten für Aufsehen.

Die Agentur für journalistische Recherchen (Aschur) hat es auf das kriminelle Milieu der einstigen Zarenhauptstadt abgesehen. Seit Jahren gilt Petersburg als Mafia-Hauptstadt in Russland. "Das ist aber nur eine Moskauer Erfindung, um den Petersburger Gouverneur bloßzustellen", sagt der Aschur-Journalist Andrej Potapenko.

Bei einem brisanten Thema muss allerdings auch Aschur bisher passen: Putins einstige Beziehungen als Petersburger Lokalpolitiker zu einer hessischen Investmentfirma, die angeblich russisches Mafiageld gewaschen hat, bleiben unklar. "Wir sind an der Geschichte dran, können uns aber noch kein Urteil erlauben", sagt Potapenko.

Neben einem eigenen Agenturdienst und einer Zeitung betreut Aschur auch Spezialaufträge. So wird für eine finnische Bank geprüft, ob der russische Partner eine weiße Weste hat. "Man kann bei uns Recherchen bestellen, aber nicht die Ergebnisse", bekräftigt der 40-jährige Journalist.

Allein mit seriösem Journalismus schreibt man in Russland nur schwerlich schwarze Zahlen. Politische Skandale und angebliche Enthüllungen sorgen für Quote und Auflage. "Die gekauften Geschichten sind die Krankheit des russischen Journalismus", bedauert Potapenko. Das Belastungsmaterial wird gezielt und gegen Bezahlung in den Medien untergebracht, um dem Ruf unliebsamer Konkurrenten zu schaden.

Die in Russland beinahe alltäglichen Auftragsmorde an Politikern, Geschäftsleuten oder Kriminellen werden nur äußerst selten aufgeklärt. Die Polizei wird miserabel bezahlt und arbeitet unprofessionell. "Außerdem gibt es bei uns in Russland zu viele Leute, die Einfluss auf die Arbeit der Fahnder nehmen können", bedauert Potapenko. Dank hartnäckiger Recherche brachte das Aschur-Team die Polizei auf die Spur mehrerer Schwerverbrecher. (red/APA/dpa)

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