Die Kopie des Prado, zeitgleich mit dem Original in der Werkstatt von Leonardo da Vinci gemalt, wird dann im März nach Paris verliehen
Madrid - Viel Zuschauerinteresse am Saal 49 des Prado-Museums in Madrid am
Dienstag: Anlass war die nunmehrige öffentliche Ausstellung einer Anfang des Monats erstmals präsentierten "Zwillingsschwester" der berühmten "Mona Lisa" von
Leonardo da Vinci. Das Bild hatte seit Jahren an einer Wand in der
Madrider Pinakothek gehangen, sein Wert war jedoch bisher nicht
anerkannt worden. Experten des Museums hatten bei viermonatigen
Restaurationsarbeiten festgestellt, dass das Gemälde von einem
Schüler des Renaissance-Meisters Leonardo da Vincis in dessen
Werkstatt in Florenz angefertigt wurde, Anfang des 16. Jahrhunderts
und gleichzeitig mit dem Original.
Die für die technische Studie der "Mona Lisa" im Prado-Museum
zuständige Expertin Ana Gonzalez Mozo sagte, das Werk sei jahrelang
nur als eine der vielen Kopien des Originals betrachtet worden. Jetzt
habe sich jedoch herausgestellt, dass es sich um "die bedeutendste
Version der bisher bekannten Kopien" handele. Sie unterstrich den
"außergewöhnlich guten Zustand", in dem das Tafelbild und die Farben
erhalten worden seien. Die Experten erkannten bei der Restauration, dass der schwarze
Hintergrund der Kopie erst nachträglich aufgetragen worden sei.
Darunter entdeckten sie die Darstellung einer toskanischen
Landschaft, wie sie auch auf dem Original zu sehen sei.
Die "Mona Lisa" des Prado-Museums soll am 13. März vorübergehend
an das Louvre-Museum in Paris für eine Ausstellung späterer Werke Da
Vincis ausgeliehen werden. Das dort bis zum 25. Juni zur Schau
gestellte "Zwillings-Gemälde" wird dann nach Angaben der Madrider
Pinakothek jedoch nicht in demselben Saal hängen, wo sich das
berühmte Original befindet
Relativierung des Wertes
Der Leipziger Kunsthistoriker und Da-Vinci-Experte Frank Zöllner relativierte am Dienstag im Deutschlandradio Kultur die Bedeutung des Werkes. Es habe nicht die Aura des Bildes im Pariser
Louvre: "Also
das ältere Gemälde, das Original, hat natürlich auch die Geschichte,
es hat diesen nachgedunkelten Firnis, es ist zehntausend Mal kopiert
und kommentiert worden. Diesen Zuwachs an Bedeutung, an eben einer
auratischen Ausstrahlung, kann dieses neue Gemälde gar nicht haben." Original und Kopie des Gemäldes unterschieden sich in etlichen
technischen Details zudem ganz eklatant.
Der Fund der
zweiten "Mona Lisa" bestätige kunstgeschichtliche Erkenntnisse der
letzten Jahre: Danach habe Leonardo da Vinci ab dem Jahr 1500 einen
florierenden Werkstattbetrieb gehabt, "wo er selbst Dinge entwirft
oder auch malt. Und dass es Schüler gab, die das noch einmal malen,
in derselben Gestalt oder mit leichten Varianten." Insofern sei
dieser Fund in Madrid nicht so überraschend, wie er zunächst
erscheine. Allerdings sei die Untersuchung der Kopien anderer Gemälde
Leonardos lange Zeit vernachlässigt und leider erst in den letzten
Jahren vorgenommen worden.
Giacomo Salai oder Francesco Melzi
Angenommen wird, dass das Werk von einem der beiden bevorzugten Schülern da Vincis angefertigt wurde, entweder von Giacomo Salai oder von Francesco Melzi. Die "Mona Lisa des Prado", wie das Gemälde genannt worden sei, hat das Museum bisher der flämischen Schule zugeordnet - wie zahlreiche weitere Mona-Lisa-Kopien.
Die Kopie hat fast dieselben Maße wie das Original. Mit Hilfe von Infrarotstrahlen wurde festgestellt, dass der Maler bei seiner Arbeit an dem Bild dieselben Korrekturen vorgenommen hat wie da Vinci am Original. Dies zeige, dass beide Werke simultan entstanden seien - Anfang des 16. Jahrhunderts. 2008 wurde eine Schriftquelle aus dem Oktober 1503 bekannt, nach der da Vinci zu jenem Zeitpunkt an einem Porträt der Lisa del Giocondo arbeite.
Bei der Porträtierung unterscheiden sich die Gemälde durch deutliche Nuancen, etwa in der Augenpartie - so sind bei der Kopie Augenbrauen dargestellt, im Original keine - oder dem sprichwörtlichen Lächeln, erkennbar in einer interaktiven Grafik des "Guardian". (APA/red)