Putins schärfster Gegner ist er selbst

André Ballin aus Moskau, 1. Februar 2012, 19:00

Einen Monat vor der Präsidentenwahl in Russland ist die Lage gespannt. Die Opposition hofft auf eine Stichwahl, der Kreml setzt alle Hebel in Bewegung, um Favorit Wladimir Putin den Sieg in der ersten Runde zu ermöglichen.

Fünf Kandidaten treten bei der Präsidentenwahl am 4. März in Russland an - und doch dreht sich wie seit Jahren in Moskau alles nur um einen Mann: Regierungschef Wladimir Putin hat sich zur Rückkehr in den Kreml entschieden. Die Gutsherrenart, mit der er diesen Entschluss im Herbst verkündete, hat die Russen empört. Diese Wut ist der Grund, warum Putin seines Sieges nicht absolut sicher sein kann.

Die Unzufriedenheit der Russen wurde bereits bei der Dumawahl im Dezember deutlich, bei der die Kremlpartei Einiges Russland deutliche Verluste hinnehmen musste und sich die Mehrheit im Parlament laut Wahlbeobachtern und Opposition nur durch Manipulationen sicherte. Das brachte das Fass zum Überlaufen.

Seither reißen die Proteste nicht ab. Auch am Samstag wird in Moskau wieder demonstriert. Die Opposition hat zu einer neuen Großdemo aufgerufen. Im Internet haben sich schon jetzt mehr als 50.000 Menschen angekündigt. "Für faire Wahlen" lautet die zentrale Forderung der Protestbewegung, die sich beileibe nicht nur aus Berufsoppositionellen zusammensetzt, sondern auch weite Teile des Mittelstandes erfasst hat.

Als Antwort darauf hat Putin Webkameras in den Wahllokalen versprochen. Die Wahlkommissionen hingegen dürfen so weitermachen wie bisher. Die von der Opposition geforderte Ablösung von Wahlleiter Wladimir Tschurow lehnt der Kreml ab. Und Tschurow hat sich bereits auf seine Art bedankt und den Altliberalen Grigori Jawlinski von der Kandidatenliste gestrichen.

Entscheidende drei Prozent

Jawlinski hätte die Wahlen natürlich nicht gewonnen. Aber er hätte wahrscheinlich drei bis vier Prozent der Stimmen geholt - Wähler, die nun wohl zu Hause bleiben und den Ausschlag dafür geben können, ob Putin in der ersten Runde gewinnt oder in die Stichwahl muss.

Warum ist der Erstrundensieg für Putin so wichtig? Ein solcher Sieg demonstriert, dass er die Lage voll im Griff hat. "Andernfalls fängt seine Umgebung an, an ihm zu zweifeln. Und wenn sie zweifelt, kann sie ihn auch verraten", meint der inhaftierte Ex-Yukos-Chef Michail Chodorkowski. Zudem sind so auch die Herausforderer, drei Apparatschiks und ein Oligarch, am leichtesten zu bändigen.

Milliardär Michail Prochorow ist wohl der schillerndste Bewerber um den Posten. "Geglänzt" hat er in der Vergangenheit freilich nicht mit politischem Geschick, sondern mit Playboy-Allüren und Ausbeutermanieren. Wer in den 1990er-Jahren im Zuge der windigen Privatisierungen zu seinem Vermögen kam, in Courchevel in Begleitung mehrerer junger Damen von der Polizei festgenommen wird und dann eine 60-Stunden-Woche für Arbeitnehmer fordert, kann in Russland nicht auf viele Wähler hoffen.

Wohl ebenfalls chancenlos sind der Populist Wladimir Schirinowski und der Spitzenkandidat der Partei Gerechtes Russland, Sergej Mironow. Allerdings ist in beiden Fällen ziemlich klar, dass sie nicht ernsthaft die Absicht haben, Präsident zu werden.

Die besten Aussichten auf die Stichwahl hat derzeit Kommunistenführer Gennadi Sjuganow. In Umfragen kommt er auf Werte zwischen zehn und 20 Prozent. Das liegt deutlich unter den Zustimmungswerten für Putin, und dennoch wäre Sjuganow in einer Stichwahl nicht aussichtslos.

Ein erstes Wahlbündnis mit der anarchistischen Linken Front hat Sjuganow schon geschlossen. Und auch aus dem liberalen Lager könnte der bekennende Stalin-Verehrer Stimmen bekommen: "Zuletzt haben sogar Boris Nemzow und andere Liberale erklärt, obwohl sie den KP-Chef kritisieren, dass sie Sjuganow in einer Stichwahl zwischen ihm und Putin vorziehen würden", verdeutlichte der KP-Abgeordnete Oleg Smolin die Möglichkeit einer breiten Oppositionsallianz.

Dazu müsste Sjuganow aber noch einige Zugeständnisse machen, unter anderem einer Verkürzung der Amtszeit des Präsidenten zustimmen, damit die Opposition im Fall seiner Wahl die Möglichkeit hat, einen eigenen Mann in den Kreml zu bringen.

Am Ende läuft es aber darauf hinaus, dass die Russen entscheiden müssen, ob sie eine weitere Amtszeit Putins wollen. Der wirbt mit Stabilität und verspricht gleichzeitig Reformen. Der Glaube aber an seine Bereitschaft zu ernsthaften Veränderungen, speziell beim Kampf gegen die Korruption, hat in der Bevölkerung spürbar abgenommen. Und so könnte Putin selbst sein größter Gegner bei den Wahlen werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2012)

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Phoenixx
 
00
Korrution und Verschwendung

sind die Achilliessehne einer jeden Gesellschaft.
Man verfolge die Geschichte.
Die Menscheit hat anscheinend seither nichts gelernt.

Der Untergang ist gewiss.

Gonzalo Gerardo
01

Vielleicht will der André Ballin aus Moskau auch mal was über "Erlass" VP-P13-9308 vom 28.12.2011 berichten?

könnte jedoch sein, dass dies im krassen Gegensatz zur sonst üblichen Russland und Putin Berichterstattung steht und deshalb nicht unbedingt im Sinne der "westlichen" Presse ist, der Leser könnte ja den Eindruck gewinnen, dass die russische Führung vielleicht doch ein wenig lernwillig ist und zumindest ein klein wenig Transparenz schaffen will. Dem Schubladisieren und Stereotypendenken wäre es jedenfalls abträglich!

für mich ist dieser Erlass jedenfalls eines der erstaunlichsten Zeichen an alle Beteiligten der letzten Zeit.

dakakadu
00

Wenn ich mir die Ballin Artikel so anschaue kann ich nur feststellen, dass er heftig "Anti" eingestellt ist. Ich würde mir von ihm keine objektiven Aussagen erwarten, auch keine Abwägungen zwischen den Standpunkten.

Leider scheint es auch im Standard nicht möglich zu sein, ausgewogen, objektiv und mit Bezug zu Hintergrund, Geschichte und Gesellschaft des Landes zu berichtichten.

Jimmy Neutron
00

Die Google Suche "VP-P13-9308" ergibt gerade mal 7 Ergebnisse (Ihr Forenbeitrag ist dabei!). Anscheinend geht es um "Order by PM Putin requiring state-owned companies to disclose information on contractors and managers". Weder die "westliche" noch die "östliche" (oder sonstige) Presse scheint sich besonders darum zu scheren. Ist die Meldung so toll?

Gonzalo Gerardo
00

dann müssens besser suchen, ging eh auf Reuters zB auf und ab.
die Meldung ist weder toll noch untoll.

der Erlass selbst ist jedenfalls erstaunlich...

napo sarko
80
mörderische tyrannen in

russland-weissrussland-nordkorea-syrien-zimbabwe

dank dem russischen VETO in den UN!

quo_vadis_austria
00

All diese "Tyrannen" haben während Jahrzehnten der "Tyrannei" nicht so viele Tote ZIVILISTEN auf dem Gewissen wie die "freie und demokratische" Söldnersoldateska alleine in Irak in wenigen Jahren zustande gebracht hat!!!

Vom vorgeschobenen Angriffsgrund (Massenvernichtungswaffen) für diesen Raubzug wollen wir mal lieber gar nicht anfangen ...

Perkun
70
Einigkeit

Das Wetter und Putin haben eines gemeinsam: beide strahlen siberische Kälte aus.

papst benedikt
14

und beide kümmert es nicht, was westliche profitmedien und deren nachplapperer denken.
arg :)

Jimmy Neutron
61

Putin hat sich bereits am Schwarzen Meer ein Palast für rund eine Milliarde Euro bauen lassen. Ob das seine Popularität steigert, sei dahingestellt, aber immerhin macht das seinem starken Führer-Image keinen Abbruch. (Naja, ein bisschen in die eigene Tasche wirtschaften, muss ja noch drinnen sein!) Wichtig ist aber vor allem, dass sein Nachfolger ihm Straffreiheit, für alles in seiner Amtszeit Verbrochene, gewährt. Genauso wie Putin einst seinem Vorgänger Jelzin (dessen Ziehkind und Wunschnachfolger eben Putin war) Straffreiheit garantiert hat.

quo_vadis_austria
00
"Putin hat sich bereits am Schwarzen Meer ein Palast für rund eine Milliarde Euro bauen lassen."

- auf dem Mars leben kleine grüne Männchen!
- Deutschland ist eine Demokratie!
- den USA geht es wirklich um Menschenrechte im Irak!
- die CIA handelt gar nicht mit Kokain!

Ehrenwort!! So glauben sie mir doch!!

Walter Bimini
10
dummkopf!

putin war nicht der wunschnachfolger jelzins - man hat putin dem jelzin vor die nase gesetzt und ihm straffreiheit versprochen, wenn er putin akzeptiert.

bei jelzin ist es ja nicht um korruption gegangen - obwohl sich unter seiner regierungszeit eine handvoll oligarchen das vermögen des russischen staates in die taschen stopfte und ins ausland transferierte - sondern um hochverrat, denn er löste die sowjetunion auf, um gorbatschow von der macht zu verdrängen, denn gorbatschow war sowjetischer präsident und jelzin russischer präsident (welch fehlpekulation).

diamant
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Wer ist 'man'?

Die Illuminaten? Der CIA? Der Mossad?

Walter Bimini
00
ich dachte immer,

diamanten schimmern brillant - aber Sie sind ein trüber diamant.

quo_vadis_austria
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Ich schlage vor sie finden das selber raus ....

geben sie dazu einfach mal illuminati verkehrt rum geschrieben in den browser ein, also

ITANMULLI.COM

;)

quo_vadis_austria
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quo_vadis_austria
08

Ist schon erstaunlich mit welcher dreisten Frechheit die "freie und demokratische" Göbbelspresse ihre braune Schei55e unter das Volk bringt. In ein- und demselben Artikel werden die Wahlen als getürkt und gefälscht dargestellt um ein paar Sätze weiter schon von einem möglichen Wahlsieg eines anderen Kandidaten zu sprechen weil die Leute "sauer" sind.

Ja was jetzt - sind die Wahlen fair oder sind sie getürkt!??

Jimmy Neutron
00

Die Antwort ist einfacher als Sie sich vorstellen können. Die Wahlen waren getürkt, aber fast jeder (zumindest der Mittelstand) hofft auf freie und faire Wahlen. Letztere sind im übrigen laut Verfassung zugesichert - da gibt es nichts zu verhandeln, auch die Regierung (und deren Nutzniesser + Sympathisanten) muss das akzeptieren.

quo_vadis_austria
00
"Die Wahlen waren getürkt"

Woher wissen sie das? Haben sie ECHTE Beweise oder ist das wiedermal so ein "dieser hat gesagt", "jener hat gesagt" Geschwafel?

Shota
14

Laut "DERSTANDARD" waren die Kommunisten und LDPR noch vor zwei monaten "großteils Kremltreu" .
So gesehen ein vortschritt :)

PS: @Red. Warum wird nicht mehr über die einzige unabhängige russische Wahlbeobachtungsorganisation berichtet ? Doch nicht wegen der veröffentlichen E-mails ?

Avicenna
 
21
Gilt auch für Zaren

"Wenn es ein Despot ist, den ihr entthronen wollt, so sorgt zuerst dafür, dass ihr den Thron zerstört, den ihr ihm in eurem Herzen errichtet habt!" Khalil Gibran

Janez Derkolj
01
... eine 60-Stunden-Woche für Arbeitnehmer fordert,

Milliardär Michail Prochorow wird gewinnen!! Absolut sicher.

Standard Leser4
 
10
Warum haben Sie d Wort "maximale Arbeitszeit" gestrichen ?

In Russland ist es sogar bei Banken ueblich monatlich zwischen 240 und 300 Stunden, auch Sonn und Feiertags zu arbeiten. Natuerlich ohne Zuschlaege.
D schreit doch nach einer Arbeitszeitbeschraenkung.
Oder ?

papst benedikt
01

reden Sie keinen unsinn.

Standard Leser4
 
00

Sie sollten wirklich mehr mit dem einfachen Volk in Russland reden, dann wuerden Sie nicht mehr Fakten ableugnen. Die Bank hat eine Filiale in Brijansk, der Mann ist Kleinkreditvermittler und arbeitet im Einkaufszentrum v 9 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends, 6 Tage die Woche. Rechnen werden Sie noch koennen ?
Ausserdem steht in seinem Vertrag, bei zu Spaet- kommen am Arbeitsplatz kann 50 % des Monatsgehaltes abgezogen werden und wurde auch bereits gemacht. Uebrigens diese Bank hat auch in der Ukraine Filialen und gehoert einen Russischen Oligarchen, soweit zum Arbeitsrecht in Russland.
Also, schreiben Sie keinen Unsinn, wenn Sie von nichts eine Ahnung haben, oder noch schlechter, alles vertuschen wollen.

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