China könnte von EU-Ölboykott profitieren

1. Februar 2012, 18:50
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Importe aus dem Iran legten im Vorjahr um 30 Prozent zu - Kooperation mit Golfstaaten

Wenn die deutsche Kanzlerin Angela Merkel am Donnerstag als erster ausländischer Gast im neuen Jahr des Drachen in Peking empfangen wird, wird sie mit Chinas Führung auch über den EU-Ölboykott gegen den Iran sprechen. Peking erteilte dazu US-Finanzminister Timothy Geithner gerade eine Abfuhr. Vizeaußenminister Zhai Jun sagte, China brauche die iranischen Ölimporte "für unsere Entwicklung". Auch ein Sprecher des Außenministeriums kritisierte den EU-Boykott: "Es ist nicht konstruktiv, blindlings Druck auszuüben oder Sanktionen zu verhängen."

Merkel bleibt der Versuch, Premier Wen wenigstens zu überzeugen, dass sein Land den EU-Boykott nicht auch noch ausnutzt, indem es 2012 entsprechend mehr Öl aus dem Iran ordert. Pekings Öldurst scheint allerdings unstillbar. Laut der Fachzeitung "China Energy News" stieg 2011 die Einfuhrabhängigkeit Chinas bei Öl innerhalb eines Jahres um 1,7 Prozentpunkte auf einen Rekord von 56,5 Prozent, bezogen auf den Gesamtverbrauch. Das Land importierte 253,7 Millionen Tonnen Öl, sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Peking zahlte 197 Mrd. US-Dollar, 45,3 Prozent mehr als 2010.

Drittgrößter Lieferant

Und der Iran ist nach Saudi-Arabien und Angola der drittgrößte Öllieferant Chinas mit den höchsten Zuwachsraten. Pekings Ölimporte aus dem Iran legten 2011 um 30 Prozent zu und stiegen auf 27,7 Mio. Tonnen. Triumphierend sagte Teherans Botschafter in Peking, Mehdi Safari, dass an Peking alle "Versuche des Westens, Verbündete für ein Embargo zu sammeln", abprallten. Wie die iranische Nachrichtenagentur Fars berichtet, enthüllte er, dass Chinas Unternehmen "in den vergangenen Jahren ihre Präsenz im Öl- und Gasbereich des Iran bedeutend ausbauen konnten". Ihre Abkommen hätten einen Gesamtwert von 40 Mrd. US-Dollar erreicht. Der Iran-China-Handel stieg 2011 um 55 Prozent auf 45 Mrd. US-Dollar.

Vom EU-Boykott würde nur China profitieren, schrieb Fars. Tatsächlich scheint die Versuchung für Peking groß, seine Einfuhren aus dem Iran um den EU-Anteil zu verdoppeln, zumal die iranischen Preise unter dem Weltmarktdurchschnitt liegen. Doch Premier Wen will offenbar mehr mit den mit den USA verbundenen Golf-Staaten ins Geschäft kommen. Er besuchte kürzlich Saudi-Arabien, die Emirate und Katar. Dabei unterzeichnete die Sinopec-Gruppe mit dem Saudi-Arabian-Oil-Konzern das erste Abkommen zum Bau einer Raffinerie im Ausland.

Derweil gerät der Iran durch die Sanktionen stärker unter finanziellen Druck. Das neue Budget, das Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad vorstellte, sieht allerdings eine Verdoppelung der Verteidigungsausgaben vor. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2012)

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