Standard & Poor's gilt als die härteste der drei großen Ratingagenturen - Ein Lokalaugenschein in Paris
In Paris hat Standard & Poor mit der Rückstufung Frankreichs ein Politbeben
ausgelöst - ausgerechnet vor den Präsidentschaftswahlen.
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Nichts deutet darauf hin, dass hinter der Glasfassade an der Rue de
Courcelles in Paris eine Finanzmacht herrscht: Standard & Poor's, die
Präsidenten wie Barack Obama oder Nicolas Sarkozy ins Zittern bringt, hat an
ihrem - neben Frankfurt - wichtigsten Geschäftssitz in Europa nicht einmal ein
Firmensignet angebracht. Weil die Franzosen schlecht auf S&P zu sprechen
sind, seitdem sie ihr Triple-A verloren haben? "Unanständig" nannte sie der
französische Staatschef, der seine Wiederwahlchancen im Mai wegen der
Rückstufung seines Landes schwinden sieht.
Auf die Frage, ob sie sich dadurch getroffen fühle, antwortet Carol Sirou
schmunzelnd: "Nur ganz leicht." Standard & Poor's ist in Frankreich binnen
Wochen zum Inbegriff des Bösen geworden - und die freundliche Chefin des Pariser
Ablegers in Paris zu einem landesweit bekannten Gesicht: Sirou muss die
US-Agentur auf allen TV-Stationen gegen ihre eigenen Landsleute verteidigen.
Freiwillig tut sie das nicht: "Glücklich lebt man im Verborgenen", zitiert
die Ökonomin an der Frühstücksbar ein französisches Sprichwort. Dann lädt sie
die geladenen Journalisten in den Sitzungssaal, wo auf jedem Sessel ein Stapel
Statistiken und Grafiken bereitliegt. Die Französin räumt freimütig ein, dass
ihre Agentur nicht von allen Regierungen bezahlt wird, deren Länder sie benotet.
Aber umgekehrt habe eine Bezahlung keinerlei Einfluss auf das Rating - da die
Honorare objektiven Kriterien folgten. Transparent sind laut Sirou die
Beurteilungsfaktoren. Dazu gehört bei Länderratings - neben den Währungs-,
Fiskal- und makroökonomischen Kriterien - auch die Politik. "Rechts" oder
"links" spiele aber keine Rolle, meint Sirou.
Hohe Staatsschulden
Auch der Ausgang von Wahlen sei sekundär, ergänzt S&P's Chefökonom für
Europa, Jean-Michel Six; als die Sozialisten in Frankreich 1981 mit François
Mitterrand an die Macht gekommen seien, habe das Land sein Triple-A auch nicht
verloren. Wichtiger seien Stabilität, Vorhersehbarkeit, Transparenz und
Vertrauenswürdigkeit einer Regierung. Schöne Worte - und doch gibt Six
unfreiwillig eine hochpolitische Stellungnahme ab: In einem generellen Exkurs
führt er aus, dass die französische Staatsschuld seit Beginn der Finanzkrise
2007 um 600 Milliarden Euro gestiegen sei.
2007 war indessen das Jahr, in dem Nicolas Sarkozy an die Macht kam. S&P
sagt also dasselbe wie die französische Linksopposition: Der amtierende
Präsident ist teilweise selber schuld an den Sparplänen, die er seit Sommer 2011
seinen Bürgern verpasst.
Eine französische Journalistin will wissen, warum denn Frankreich nur von
S&P, nicht aber vom Rivalen Moody's abgestuft worden sei. Das Rating umfasse
22 Noten, da stelle ein Grad mehr oder weniger keine gewaltige Differenz dar,
erwidert der nonchalante Chefökonom. Bei einer anderen Frage räumt er dennoch
ein, dass die Agenturen unterschiedlich zu Werke gehen: Der chinesische
Konkurrent Dagong messe dem Wirtschaftswachstum mehr Gewicht bei, meint Six:
"Man darf sich fragen, warum." Mag sein, dass die Chinesen stolzer auf ihren
Wirtschaftsboom sind als andere. Aber wenn dem so ist, heißt dies auch, dass die
Ratingagenturen von ihrer eigenen Wirtschaftskultur geprägt sind. Und die
wichtigsten Messinstitute kommen nun einmal aus den USA.
"Wir haben aber auch die US-Bonität abgestuft", wirft Sirou ein. "Aber erst,
nachdem Sie die US- Immobilienrisiken und damit die Subprimes-Krise übersehen
hatten", kontert ein anderer Pariser Journalist. "Alle Akteure haben sich
getäuscht und ihr Mea Culpa abgelegt", rechtfertigt sich Sirou. "Eine der
Lektionen daraus ist, dass wir das Stressniveau bei so hohen Marktrisiken noch
höher ansetzen müssen - oder keine Beurteilung mehr abgeben sollten."
Die Eurokrise hat S&P nicht verpasst: Sie stuft heute, da die Lage an den
Finanzmärkten gespannt bleibt, selbst Länder wie Frankreich oder Österreich
gnadenlos ab. Direktorin Alexandra Dimitrijevic verweist auf eine Statistik, die
ein plötzliches Auseinanderklaffen deutscher und südeuropäischer
Obligationenzinsen ab 2008 ausweist. Von 2000 bis 2008 war dieser "spread"
hingegen gleich null gewesen. "Wir glauben, dass auf eine jahrelange
Risiko-Unterschätzung eine Periode plötzlicher Überschätzung folgte", analysiert
Dimitrijevic.
Und warum hatten die Finanzmärkte das Risiko mit den südeuropäischen Papieren
bis 2008 unterschätzt? Anders gefragt: Warum leiden etwa die Portugiesen heute
unter einem zehnmal höheren Spread, obwohl ihre Staatsschuld und ihr
Budgetdefizit vor fünf oder zehn Jahren ähnlich hoch lag?
"Wir sind nicht immer einverstanden mit den Finanzmärkten", verteidigt sich
Dimitrijevic. "Ratings stellen nur auf die Kreditwürdigkeit ab, die Märkte
hingegen auch auf Liquidität und Volatilität." Die Antwort, warum denn die
Agenturen nicht schon in ruhigeren Zeiten Alarm geschlagen und Rückstufungen
vorgenommen hatten, bleibt die freundliche Ökonomin schuldig. Zum Glück erinnert
sie keiner der anwesenden Journalisten an den bekannten Pariser Börsenfachmann
Marc Touati, der die Ratingagenturen mit der Kavallerie in amerikanischen
Western verglich: Beide, so meinte er, träfen am Ort des Geschehens ein, wenn es
zu spät sei. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2012)