Anonyme Bewerbungen gegen Diskriminierung

Oliver Mark
6. Februar 2012, 09:59

Integrationsfonds startet Projekt in Tirol - Bewerbungsformulare sollen um "Name, Foto und Herkunft" bereinigt werden - Profitieren sollen Bewerber und Firmen

Was in Ländern wie den USA und Kanada längst üblich ist, soll auch in Österreich Einzug halten: ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren. Das wünscht sich zumindest der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) und hat aus diesem Grund ein Pilotprojekt in Tirol initiiert. Mit dem Ziel, Chancengleichheit herzustellen und den Blick auf das Wesentliche, nämlich die Qualifikation, zu schärfen. "Es gibt einige Studien, dass es Menschen mit Migrationshintergrund schwerer haben, überhaupt einmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden", erklärt Kerstin Cleven vom Integrationszentrum Tirol. "Und zwar alleine aufgrund ihres ausländisch klingenden Namens oder ihres Fotos."

"Wir wollen niemandem bewusste Ausländerfeindlichkeit vorwerfen", sagt Cleven, die Projektleiterin, zu derStandard.at. Die Diskriminierungsmechanismen seien oft subtiler, verankert im Unterbewusstsein und das Resultat von Vorurteilen, die zum Beispiel via mediale Berichterstattung transportiert würden. "Wir sind auf solche Studien gestoßen und haben uns gedacht, da müssen wir etwas machen." Cleven verweist auf eine Untersuchung aus Deutschland. Der zufolge sinkt die Chance, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, um 14 Prozent, wenn es sich um einen Bewerber mit türkisch klingendem Namen handelt. In kleineren Unternehmen sind es sogar 24 Prozent.

Name, Foto, Herkunft

Um Stereotype gar nicht erst aufkeimen zu lassen, sollen die Bewerbungsformulare um gewisse Angaben bereinigt werden. "Name, Foto und Herkunft", erläutert Cleven. Einzig und alleine die Qualifikation, gepaart mit der Persönlichkeit des Kandidaten, soll eine Rolle spielen. Für das Projekt infrage kommen Unternehmen, die auf digitalem Wege rekrutieren. Also jene, die entweder online Personal suchen oder mit standardisierten Bewerbungsformularen zum Herunterladen operieren. Der Grund: Hier könne man am leichtesten eine Datenbereinigung durchführen.

Getrennte Unterlagen

Um Rückschlüsse auf Personen zu vermeiden, müssen die Kontaktdaten von den restlichen Unterlagen getrennt werden. Einsehbar sollen diese erst nach der Entscheidung, ob zum Gespräch eingeladen wird oder nicht, sein. Zuständig für die Umsetzung ist die jeweilige IT-Abteilung, sonstige Kosten entstehen keine. Der Integrationsfonds steht im gesamten Rekrutierungsprozess beratend zur Seite.

Die Dauer des "Bewerbungs'fair'fahrens", so nennt sich das Tiroler Projekt, ist vorerst auf sechs Monate beschränkt. Cleven hofft, sowohl ein privates Unternehmen als auch eine öffentliche Institution für die Idee begeistern zu können. Branche? "Da sind wir offen für alle." Gespräche seien am Laufen, die endgültige Auswahl der Kooperationspartner ist allerdings noch nicht erfolgt. Laut Statistik Austria haben in Tirol 16 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund.

Reputation, Öffentlichkeit

Inwiefern profitieren Firmen, die bei dem Projekt mitmachen? "Die haben den Vorteil, dass sich mehr potenzielle Mitarbeiter erschließen, da qualifizierte Menschen, die im herkömmlichen Bewerbungsverfahren seltener eine Chance bekommen, neuen Mut fassen und sich bewerben", argumentiert die Initiatorin. Das simple Kalkül: "Wir erwarten, dass sie bessere Mitarbeiter finden." Um die Erwartungshaltung auch empirisch zu untermauern, soll das Projekt im Anschluss evaluiert werden: "Was bringt es wirklich?" Ein positiver Nebeneffekt sei schon einmal fix, prophezeit Cleven, denn Firmen würden an Reputation gewinnen. Das Engagement soll via Medien in Szene gesetzt werden.

So weit, so kurzfristig. Langfristig könnte das Projekt, das vorerst rein auf Tirol beschränkt ist, Schule machen. Sie hofft auf eine Initialzündung. Andere Institutionen sollen auf den Zug aufspringen. Zum Beispiel öffentliche Einrichtungen. In Belgien seien in diesem Bereich anonymisierte Verfahren bereits Standard, berichtet Cleven, und in Deutschland läuft gerade ein großes Pilotprojekt, das sogar noch weiter geht. Die Daten werden zusätzlich von Geschlecht- und Altersangabe befreit. (om, derStandard.at, 6.2.2012)

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Klar ist...

...das die österreichischen Arbeitgeber und die meisten Arbeitnehmer die mit Bewerbungsverfahren betraut sind, keine Trendsetter darstellen.
Es wird, wie auf vielen anderen Gebieten sehr lange am Herkömmlichen und Gebräuchlichen festgehalten.
Irgendwann wird dereinst auch in Ö. das anonyme Bewerbungsverfahren (light) Einzug halten, aber erst dann, wenn auch dieses wieder international Schnee von vorgestern und selbstverständlich ist.

Gerade bei Kleineren Unternehmen - und das sind die meisten in Österreich - bringt's wenig.

Und bei grossen ist oft die erste Runde beim Personalberater, da wird dann sowieso gefiltert.

Anonyme Bewerbungen sind eher ein Feigenblatt als real.

na ja...

also diskrimminierung ist möglich, da sowohl alter als auch geschlecht abgefragt werden. ebenso läßt die zeit der schulausbildung rückschlüsse auf alter und möglicherweise geschlecht zu.

Nachdem es kürzlich bei einem Artikel um die außergewöhnliche Namensgebung mancher Eltern (siehe hier: http://derstandard.at/132650308... uto-fahren ) im Forum ziemlich fies zugegangen ist, finde ich es alleine wegen der Kevins, Chantalles & Co gut, wenn anonyme Bewerbungen im Kommen wären.

Wer bei "Kevin" eine Diagnose und keinen Kandidat erkennt, dessen Unterlagen man sich näher anschaut, könnte zB. beim Bewerbungsgespräch positiv überrascht werden. Und "Kevin" hätte eine bessere Aussicht darauf, sich in einem Gespräch beweisen zu können.

Nettes Placebo

In Wahrheit gibt es jedoch keine Objektivität, auch wenn man sich noch so bemüht. Denn auch Objektivität ist subjektiv.

Abgesehen davon sind all diese "objektiven" Kriterien wie Wissen, Können und Intelligenz in der Arbeitswelt nicht gefragt, auch wenn alle davon nur allzu gerne schwadronieren.

um diskriminierungen zu vermeiden

kein foto
kein name
keine herkunft
keine muttersprache
kein geschlecht
keine schulinfo
keine jobinfo

am besten nix.

das traummännlein kommt.

Haha, so sieht's wohl aus! ;-)

Interessant ist in dem PDF dann aber ...

dass Sprachkenntnisse angegeben werden sollten.
Da sieht man dann natürlich, wer welcher Sprache mächtig ist oder nicht ...

Ach ja, und das Geschlecht soll auch angegeben werden. Wenn man ganz gegen Diskriminierung sein will, müsste man das wohl auch weglassen, damit man als Mann beim Friseur oder im Kindergarten eher genommen wird bzw. als Frau den Job am Stahl-Hochofen bekommen kann ... ;-)

bevor ihr alle groß rederts

solltest vielleicht mal lieber abwarten was dabei raus kommt,...

sich jetzt eine Meinung über die Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit zu bilden bevor es überhaupt noch anlaufen könnte ist Vorverurteilung (und die gilt es ja immerhin zu bekämpfen), meine Lieben...

Es ist ja nur bei uns erst am Anlaufen.

und altersdiskriminierung

ist wieder kein thema?

Wird nicht funktionieren

weil die Integration in ein Team genau so wichtig ist wie die fachliche Kompetenz. Für die Erst-Beurteilung des Integrationspotentials ist die Kenntnis von Alter, Geschlecht und Herkunfts-Umfeld dringend erforderlich.

Für die Erst-Beurteilung des Integrationspotentials ist die Kenntnis von Alter, Geschlecht und Herkunfts-Umfeld dringend erforderlich.

Für die Erstbeurteilung des Passens in eine Teamstruktur und -dynamik ist ein persönliches Beschnuppern notwendig.
Oder sollen die Personalakten des Teams mit den Bewerbungsunterlagen der BewerberInnen zusammen arbeiten?

.

So stellt sich der Schreibtischtäter die Arbeitswelt vor.

Fakt ist jedoch, dass die soft facts mindestens den gleichen Stellenwert wie die fachliche Qualifikation haben.

Wenn ich heute in einem Wiener Kaffeehaus 5 schwarzafrikanische Top-Kellner beschäftige wird binnen kürzester Zeit nicht mehr die Frau Hofrat und der Herr Doktor Platz nehmen, sondern der Taxifahrer und der Zeitungskolporteur.

Einerlei ob einem das gefällt oder nicht - so sieht aber die Realität aus.

Fakt ist jedoch, dass die soft facts mindestens den gleichen Stellenwert wie die fachliche Qualifikation haben.

Genau: und daher werden eher die "Gebildeten und Kultivierten" die native- africans als Kellner bevorzugen.
Möglicherweise aus Bobo- Imagepflege heraus oder um den Weltmann herauszukehren, also auch nicht aus lautersten Motiven, aber immerhin.

Ich kann Ihenn aus der persönlichen Erfahrung sagen: Der Herr Doktor lässt sich lieber vom "schwarzafrikanischen Kellner" bedienen, als neben einem dummen Rassisten zu sitzen, und dessen Sprüche anhören zu müssen.

also frau hofrat und herr doktor als synonym für rassisten oder was?

Mal überlegen:

Das die meisten Rassisten und Wiederbetätiger aus der bildungsfernen Schicht meist nur geblendete Mitläufer sind wissen wir.
Aber wo sitzen dann wohl die Hintermänner/frauen?
Also die mit Hirn (auch wenns ein krankes ist)

Rassisten gibt's quer durch alle Bildungsschichten. Leider.

Aber nicht alle Doktoren haben was gegen "schwarzfrikanische Kellner", gegen diese unterstellung verwehre ich mich.

Im "schwarzfrikanische Kellner" steckt ja schon der Rassissmus - er könnte ja auch über den schwarzafrikanischen Herzchirurgen, den schwarzafrikanischen Unternehmensberater, und den schwarzafrikanischen Manager schreiben.

die werden nationalratsabgeordnete oder parlamentspräsidenten oder?

manche gehen auch ins EU-parlament, obwohl sie die EU immer wieder verteufeln ....

Ich hab gar nicht gewusst, dass die Hautfarbe zu den "Soft Facts" zählt...

Er hat ja sonst nicht viel zu bieten, deswegen muss er versuchen damit zu punkten.

So ein Schwachsinn ... auch in den USA

Ich habe bei meiner Arbeit in den US of A sogar ein eigenes Training bekommen wie man diese Infos politisch korrekt dem Interviewee entlockt, ohne das er/sie es mitbekommt bzw freiwillig teilt. Fachliche Qualifikation ist nur ein Gatekeeper damit man ueberhaupt zu einem Interview oder Assessment eingeladen wird. Dort entscheidet man sich unter allen Qualifizierten fuer den der am besten ins Team passt - das ist oft nicht einmal der der die allerbesten Qualifikationen hat. In den US ist es super wichtig welches Alter, Religion und Geschlecht jemand hat. Es steht halt nicht im CV also muss man investigativ interviewen. Und mann geht ja zu 2-4 Interviews mit verschiedenen Personen die sich die Aufgabe des Infograbens teilen-immer pol. korrekt

Und warum sollte uns ein System aus den US of Fantasistan interessieren?

Ich halte diesen Staat in NICHTS für einen positiven Maßstab.

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