Martin Walde macht Übergänge sichtbar - in der Galerie Thoman in Innsbruck
Innsbruck - Um Farben geht es, um Manipulation, um einen erweiterten
Skulpturenbegriff. Auf einem Podest aus gestapelten weißen Styroporplatten steht
ein überdimensioniertes zentimeterdickes Glasgefäß, dessen Hals sich dem Boden
zuneigt. Ein anderes, zwei Meter hohes Glasbehältnis baumelt wie ein schlaffer
Luftballon von der Decke. Die Gefäßwände werfen tiefe Falten. Ein Dutzend
solcher bizarr verformter Glasobjekte verteilen sich im Raum der Galerie Thoman.
Martin Walde (geb. 1957 in Innsbruck) hat für seine Ausstellung Solvent
Scale die Skalen und Messeinheiten von industriellen Normgläsern verflüssigt
und ihnen somit ihre ursprüngliche Funktion genommen. Die riesigen ballonartigen
Retortengefäße und Destillationsanlagen, die er dafür bearbeitet, dienten der
Herstellung und Rückgewinnung von Lösungsmitteln. Um das zentimeterdicke
Industrieglas bearbeiten zu können, hat Walde sogar gemeinsam mit dem
Glastechniker Bernd Weinmayer einen speziellen Brennofen gebaut: Wegen der hohen
Schmelztemperatur und der zähen Fließeigenschaft ist es äußerst schwer zu
verformen.
Diese Deformierung der Gefäße ist aber - das ist Walde wichtig - nicht
Selbstzweck. Sondern lediglich die Begleiterscheinung bei seinem Anliegen, die
Skalen zu verflüssigen. Schon in früheren Werkgruppen wie Hallucigenia
oder Der Duft der verblühenden Alpenrose experimentierte Walde mit
den Übergängen von Aggregatzuständen. Er macht sichtbar, dass Glas kein
Feststoff, sondern eine Flüssigkeit ist.
Die zweite zentrale Arbeit der Ausstellung ist die eben erst von der Biennale
in Moskau zurückgekehrte, zehnteilige Bilderserie Dandelion - Löwenzahn.
Eine blühende Löwenzahnwiese mag zwar berückend wirken, ist jedoch die Folge
überdüngter Böden. Die Landschaft wurde gewissermaßen mit Löwenzahn
überschrieben.
Ausgangspunkt von Waldes Arbeit ist das Foto einer Löwenzahnwiese, das er mit
abgeänderten Sinnsprüchen und Lebensweisheiten überschreibt. Etwa: "Ein
Löwenzahn wächst selten allein." Oder: "Du bist der Löwenzahn in der Wiese des
Lebens." Der Text ist so dicht gesetzt, dass er unleserlich ist. Er verstärkt
lediglich das Gelb des Löwenzahns und stellt so eine Parallele zum unsichtbaren
Dünger her.
In weiteren Schritten reproduziert und digitalisiert Walde das Bild, er
retuschiert die Schrift mit farbiger Tusche und überschreibt es immer wieder
neu. Das fotografische Abbild löst sich im Laufe des Prozesses auf. (Dorothea Nicolussi-Salzer, DER STANDARD - Printausgabe, 2. Februar 2012)
Bis 17. 3., Galerie Thoman
Maria-Theresien-Str. 34, 6020 Innsbruck