"Schulische Aussonderung" nimmt zu

1. Februar 2012, 09:58
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Zahl der Sonderschüler ist in sechs Bundesländern gestiegen - Kind mit Nicht-Deutscher Muttersprache überrepräsentiert

Wien  - Während über die Abschaffung der Sonderschulen debattiert wird, nimmt die Aussonderung im österreichischen Bildungssystem zu: So steigt die Segregationsquote - also der Anteil an Pflichtschülern, die eine Sonderschule besuchen - seit der Jahrtausendwende kontinuierlich an, wie die Tiroler Sozialwissenschafterin Petra Flieger im APA-Gespräch bemängelt. "Die schulische Aussonderung nimmt wieder zu", schließt Flieger daraus. So habe die schulische Integration in Österreich sogar "zu einer Stärkung des Sonderschulwesens und zu einer Zunahme der Segregation im österreichischen Bildungssystem geführt".

Seit 1993 besteht die Wahlfreiheit für Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) zwischen Sonderschul- oder Integrationsklasse. ÖVP- und Grünen-Mandatare sowie Interessensvertretungen kritisieren seit jeher das zweigleisige System und fordern als Folge der 2008 ratifizierten UN-Konvention für Menschen mit Behinderungen die Abschaffung der Sonderschule und ein gänzlich inklusives Schulsystem.

"Etikett aufgedrückt"

Laut Flieger ist man davon aber noch weit entfernt. In sechs Bundesländern - Burgenland, Niederösterreich, Kärnten, Steiermark, Tirol und Vorarlberg - ist die Zahl jener Kinder und Jugendlichen, die Sonderschulen besuchen, im Schuljahr 2010/11 im Vergleich zum Jahr davor angestiegen, während die Gesamtzahl der Pflichtschüler massiv rückläufig ist. In einzelnen Bundesländern ist die Segregationsquote sogar deutlich höher als vor 20 Jahren, als es noch keine Gesetze für Schulintegration gab, wie Flieger anhand von Daten der Statistik Austria aufzeigt. So ist die Quote in Niederösterreich von 2,61 (1990/91) auf 2,97 Prozent angestiegen, in Vorarlberg von 2,48 auf 2,96 Prozent.

Flieger, die jahrelang in Integrationsklassen unterrichtet hat, führt das darauf zurück, dass die Zahl der Kinder, die einen SPF zugeschrieben bekommen, kontinuierlich ansteigt. "Immer mehr Kinder bekommen dieses Etikett aufgedrückt, woraufhin die Sonderschulen konsequent mit SchülerInnen versorgt werden", so Flieger. Auch das "lange bekannte Phänomen", dass zunehmend Kinder mit nicht-deutscher Umgangssprache in Sonderschulen eingeschult werden, spiele da mit.

Viele Kinder mit nicht-deutscher Umgangssprache

Mit einem Anteil von 28,5 Prozent (im Schuljahr 2010/11) sind Kinder mit nicht-deutscher Umgangssprache "an Sonderschulen stark überrepräsentiert", Tendenz steigend: In den zwei Schuljahren zuvor lag der Anteil noch bei 27,8 Prozent. "Dabei wären diese Kinder bei guter Unterstützung im Erlernen der Sprache durchaus in der Lage, den Regelschullehrplan zu erfüllen", ist Flieger überzeugt. Sie fordert eine bedarfsgelenkte Förderung, keine Betreuung, die erst bei der "Diagnostizierung und Etikettierung eines Kindes einsetzt". "In das Sonderschulsystem fließen viele Ressourcen. Mit dem selben Geld könnte man integrativ viel bessere Arbeit leisten."

Ministerium reagiert: Inklusive Regionen

Nachdem Bund und Länder bis zuletzt an der Erhaltung der Sonderschulen festgehalten haben, ist in einem Arbeitspapier des Unterrichtsministeriums zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention nun von "inklusiven Regionen" wie jener in Tirol, wo es seit zehn Jahren keine Sonderschulen mehr gibt, als "Ausgangspunkt für die flächendeckende Weiterentwicklung des inklusiven Schulsystems in Österreich" die Rede. Das Papier, das vergangene Woche beim dritten "Runden Tisch" mit Vertretern von Behindertenorganisationen im Ministerium verteilt wurde und der APA vorliegt, sieht "regionale Aktionspläne" vor.

Diese sollen jeweils von einem "Konsortium" erstellt werden, das die Länder in Absprache mit dem Bund beauftragen. Schritt für Schritt sollen in Modellregionen u.a. "bestehende Sonderschulen schrittweise zu inklusiven Bildungseinrichtungen geöffnet werden"; regionale Inklusionszentren sollen bedarfsgerechte und frühzeitige Betreuung gewährleisten. Bis 2020 soll schließlich österreichweit "eine Aufnahme von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in Sondereinrichtungen nicht mehr erforderlich sein", heißt es in dem Papier. (APA)

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