Der bizarre Sex von Nephilengys malabarensis

1. Februar 2012, 12:01
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Wenn es bei einer südostasiatischen Spinnenart zur Sache geht, frisst das große Weibchen oft das Männchen - Zuvor kommt es allerdings noch zu einer Kastration

Dem Opfern sichert dies immerhin durch Fernbefruchtung die Vaterschaft.

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In der Welt von Nephilengys malabarensis, einer südostasiatischen Seidenspinnenart, haben die männlichen Tiere ziemlich wenig zu lachen - zumindest nach menschlichen Maßstäben. Das beginnt bei ihrer Körpergröße. Die Männchen sind im Vergleich zu den Weibchen zwergenhaft klein: höchstens fünf Millimeter im Unterschied zu den 15 Millimetern der Weibchen.

Wer angesichts dieser extremen Form von sexuellem Dimorphismus vermutet, dass die männlichen Achtbeiner eine leichte Beute für die Weibchen darstellen, liegt ganz richtig: Wenn sich die Tiere fortpflanzen, kommt es während des Paarungsspiels oft genug vor, dass die Weibchen ihre Begatter einfach auffressen.

Diese Form des sexuellen Kannibalismus ist bei etlichen Tierarten bekannt. Ziemlich einzigartig sind freilich die Gegenstrategien, die männliche Vertreter von Nephilengys malabarensis anwenden, um dennoch zum Zug zu kommen, sprich: ihre DNA erfolgreich weiterzugeben. Ihr "Penis", der sogenannte Bulbus, bricht beim Geschlechtsverkehr ab und bleibt in den meisten Fällen in der sogenannten Epigyne stecken, dem weiblichen Geschlechtsorgan.

Die Männchen, die den Sex überleben, sind also für ihr verbleibendes Leben Eunuchen. Wie Forscher um die slowenische Verhaltensbiologin Simona Kralj-Fiser unlängst herausgefunden haben, besänftigt die Kastration während der Kopulation die Tiere ganz und gar nicht: In Kämpfen mit anderen Männchen erweisen sie sich als weitaus aggressiver und stärker (vgl. Naturwissenschaften, Bd. 99, S. 95).

Warum aber opfern die Männchen beim Sex ihr Geschlechtsorgan, zumal sie in den meisten Fällen ohnehin gefressen werden? Dieser Frage ging nun ein internationales Spinnenforscher-Team nach, dem auch Kralj-Fiser angehörte. Vor ihren Experimenten hatten die Biologen um Daiqin Li zwei starke Hypothesen: Der abgebrochene Bulbus könnte nicht nur verhindern, dass die Weibchen mit anderen Männchen Sex haben, sondern auch dafür sorgen, dass es zu einer "Fernbefruchtung" kommt. Aus dem abgebrochenen Bulbus könnten noch nach dem Sex und dem Liebestod des Spinnenmannes Spermien abgegeben werden.

Für ihre Untersuchung, die in den "Biology Letters" der Royal Society erschien, ließen die Forscher je 25 jungfräuliche Tiere kopulieren, in allen Fällen kam es zum Bulbus-Bruch. Dort blieb das männliche Organ 0 bis 1255 Sekunden stecken, ehe es die Wissenschafter entfernten und untersuchten. Tatsächlich befand sich je nach vergangener Zeit bis zur Entfernung noch eine erhebliche Anzahl von Spermien im Bulbus - und zwar umso weniger, je länger der Bulbus steckte. (DER STANDARD, Printausgabe, 01.02.2012)

  • Nephilengys im Größenvergleich: das Weibchen und links oben das Männchen, das im Bild unten nach der Kopulation bereits halb aufgefressen ist. Um sich trotz tödlichem Sex fortzupflanzen, bricht bei den Männchen der "Penis" ab.
    foto: daiqin li

    Nephilengys im Größenvergleich: das Weibchen und links oben das Männchen, das im Bild unten nach der Kopulation bereits halb aufgefressen ist. Um sich trotz tödlichem Sex fortzupflanzen, bricht bei den Männchen der "Penis" ab.

  • Der abgebrochene "Penis" (rot) sorgt für "Fernkopulation".
    foto: joelyn oh

    Der abgebrochene "Penis" (rot) sorgt für "Fernkopulation".

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