Die Konjunktur der neuen Sklaverei

31. Jänner 2012, 19:40
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Verbrecher, die mit Menschen handeln, finden in Europa treue Kunden - Die Strukturen dieses Geschäfts werden immer komplexer - Forscher versuchen sie zu analysieren

Er ist eine Form von Ausbeutung und zugleich eine der ertragreichsten des informellen Sektors - Menschenhandel. Aktuelle Schätzungen der International Labour Organisation (ILO) gehen davon aus, dass weltweit bereits 2,4 Millionen Menschen jährlich Opfer "moderner" Sklaverei werden. Die uralte "Geschäftsidee" von Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft ist allerdings erst durch den Fall des Eisernen Vorhangs endgültig professionalisiert worden: Gleich nach dem illegalen Drogen- und Waffenhandel liegen die aus der "Ware Mensch" erzielten Gewinne an dritter Stelle. Kriminelle Netzwerke verdienen daran laut ILO jährlich 25 Milliarden Euro.

Deutlich länger als die Professionalisierung des Menschenhandels hat dessen professionelle Bekämpfung auf sich warten lassen. So stammt etwa die europäische "Richtlinie zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels und zum Schutz seiner Opfer" erst vom April 2011. Dennoch bedeutet das nicht, dass die EU vorher untätig war. "Große Aufmerksamkeit bekam das Thema in den 1990er-Jahren, als spektakuläre Fälle von Zwangsarbeit in den USA bekannt wurden", erinnert sich Gudrun Biffl, Leiterin des Departments für Migration und Globalisierung an der Universität Krems. "Bis dahin hielt sich in unseren Köpfen das Bild von Westlern, die nach Asien oder Afrika reisten, um dort illegal Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Auf einmal sahen wir, dass das auch bei uns möglich ist", ergänzt sie.

Mit der Aufdeckung dieser Fälle, bei denen Haushaltshilfen in den USA wie Sklavinnen gehalten wurden, begannen erste Koordinierungsgespräche zwischen den Vereinigten Staaten und Europa, um globale Strategien gegen den organisierten Menschenhandel zu entwickeln. Der europäische Input war dabei bald auch ein österreichisch geprägter: Die ehemalige Frauenministerin Helga Konrad bekleidete von 2000 bis 2004 den Vorsitz in der EU-Taskforce gegen Menschenhandel, danach engagierte sie sich bis 2006 als Sonderbeauftragte für dieses Thema in der OSZE.

Zusammenschau nötig

Doch so wie politische Maßnahmen gegen eine wiedererstarkte Sklaverei als Querschnittsmaterie vieler nationaler Ministerien nur schwer zu bündeln sind, verhält es sich auch mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Themas. Wirtschaftswissenschafter, Soziologen, Ethnologen sowie Politologen und Juristen müssen dazu an einem Tisch sitzen. 2010 geschah dies auch im Rahmen einer Summer-School, die von der Uni Krems jedes Jahr in Gmunden organisiert wird. Das dort zentral auf die Tagesordnung gebrachte Thema Menschenhandel bildet seither auch einen eigenen Forschungsschwerpunkt in Krems.

Biffl, die diesen koordiniert, erklärt, warum eine profunde wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema notwendig ist: "Die Strukturen des Menschenhandels haben sich zum Teil drastisch verändert, was die Methoden der Ausbeutung und die Praktiken der Menschenhändler betrifft. In anderen Bereichen gibt es dagegen Kontinuitäten." So hat etwa eine Ethnologin im Team den historischen Sklavenhandel von Afrika in die Karibik untersucht und festgestellt, dass es bis heute in manchen Quellländern kaum Brüche bei den sozialen Strukturen des Drohens gibt. Diese würden - verbunden mit wirtschaftlicher Not - Menschenhandel begünstigen.

Neue Opfer, neue Täter

Entgegen gängigen Schätzungen zur Geschlechterverteilung unter den Ausgebeuteten glaubt Biffl Hinweise für neue Entwicklungen zu haben: "Es findet eine eindeutige Verschiebung statt - die Opfer des Menschenhandels sind in vielen Zielländern bereits mehrheitlich männlich." Zu simple Täter-Opfer-Schemata müssten mitunter ebenso hinterfragt werden: "Es gibt sehr wohl auch Schlepperorganisationen, deren Mitglieder sich aus Frauen rekrutieren, die selbst Geschleppte waren und straffällig wurden."

Alarmierend ist für Biffl zudem der Umstand, dass Zwangsarbeit in Europa nicht nur eine Angelegenheit ist, die im Verborgenen passiert: "Wir kennen sogar Fälle industrieller Ausbeutung von Chinesen und Vietnamesen, die wie Sklaven in Sweatshops im Pariser Großraum schufteten."

Bedeutsam sei es deshalb, die Strukturen des Menschenhandels auch auf signifikante Unterschiede in den Zielländern hin zu analysieren. So gilt etwa für Österreich, dass Zwangsarbeit hier noch immer vorwiegend mit weiblicher Sexarbeit gleichzusetzen ist und die Schlepper gar nicht so kreativ sind bei ihrer Routenwahl: Sie benutzen bis heute hauptsächlich die Straße über den Brenner.

Schwierig gestaltet sich die Erstellung einer Methode, mit der akkuratere Schätzungen der Opferzahlen möglich sind. Im von Biffl mitherausgegebenen Band Migration and Health in Nowhereland wurde eine solche gerade entwickelt. Spricht der "Schlepperbericht" des Innenministeriums von fünf- bis zehntausend Opfern von Menschenhandel, die in Österreich leben, hält Biffl nun bis zu 20.000 Fälle für möglich. (DER STANDARD, Printausgabe, 01.02.2012)

  • In Österreich sind die Opfer von Menschenhandel vorwiegend weiblich, häufig Sexarbeiterinnen und die Routen der Schlepper kein Geheimnis. Europaweit steigt unterdessen auch die Zahl männlicher Zwangsarbeiter, die in der Produktion de facto versklavt werden.
    foto: standard/corn

    In Österreich sind die Opfer von Menschenhandel vorwiegend weiblich, häufig Sexarbeiterinnen und die Routen der Schlepper kein Geheimnis. Europaweit steigt unterdessen auch die Zahl männlicher Zwangsarbeiter, die in der Produktion de facto versklavt werden.

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