Der Bundeskanzler bemüht sich in Brüssel Inhalte einzubringen und auch für unangenehme Botschaften die Verantwortung zu übernehmen
Als der Bundeskanzler vor einigen Monaten in Interviews durchblicken
ließ, dass er sein Herz für die EU entdeckt habe, sorgte das für
Erstaunen bis hin zu Häme. Den "glühenden Europäer", wie er sich nun
selber nannte, nahm ihm - außer seine Spindoktoren in der Parteizentrale
- kaum jemand ab.
Die Kritiker hatten auch gute Gründe dafür: Zu sehr hatte sich Werner
Faymann im Wahlkampf 2008 an eine beispiellos vulgäre Anti-EU-Kampagne
der Kronen Zeitung angeschmiegt; viel zu oberflächlich schien er als
Regierungschef an die komplexen politischen Probleme auf der
europäischen Ebene heranzugehen. Die meisten seiner Aussagen waren wie
maßgeschneidert für den billigen Verkauf an seine Impresarios in bunten
Blättern, die ihn gerne und jederzeit (gratis?) in der
Regierungsmaschine begleiten.
Nun aber, nachdem die Schuldenkrise auch das sich so sicher wähnende
Österreich voll getroffen hat, scheint sich bei Faymann tatsächlich eine
Wandlung zu vollziehen. Seit ein, zwei EU-Gipfeln sieht man einen
ernsten Kanzler auftreten, der nicht mehr so tut, als habe er mit den
EU-Beschlüssen eigentlich nichts zu tun. Er bemüht sich, Inhalte
einzubringen, auch für unangenehme Botschaften Verantwortung zu
übernehmen. Aus dem SPÖ-Präsidium wird berichtet, dass zwei Drittel der
Debatten um Europathemen kreisen, Faymann sich ewigen Nörglern gegen die
EU deutlich entgegenstellt. Gut für Österreich. (DER STANDARD Printausgabe, 1.2.2012)