Essl-Museum präsentiert seine 15 Werke umfassende Anselm-Kiefer-Sammlung
Klosterneuburg - Üppig. Wuchernd. Ausladend. Bedeutungsschwanger.
Pathetisch. Tonnenschwere mythische und mystische Materialorgien.
Brennender Dornbusch. Samson und Delilah. Gedankenberge. Kabbala.
Sturzfluten. Glas. Aluminium. Gips und Schellack. Gestrüpp. Ein Bleiboot
in Echtformat pickt im Farbenmeer. Natürlich Stacheldraht. Mehr
Gestrüpp. Alles da, womit der deutsche Maler und Bildhauer Anselm Kiefer
seine monumentalen Kunstwelten und Bildzyklen schafft und
Schicksalsfragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum stellt.
Man kann nachvollziehen, warum Karlheinz Essl sich erst relativ spät mit
Kiefers Bildsprache angefreundet hat. 15 Werke, erworben in zehn Jahren:
Nun hat der Sammler diesen Werkblock aus dem Depot geholt und
höchstpersönlich - unterstützt von Ko-Kurator Günther Oberhollenzer -
arrangiert.
Im ersten Raum Essls erster und letzter Ankauf, womit klargestellt ist:
Hier wird Kiefer nicht nach Jahreszahlen gehängt beziehungsweise
aufgestellt. Nur mit Wind mit Zeit und mit Klang ist 2011 einem Gedicht
Ingeborg Bachmanns nachempfunden: ein aufgeschlagenes Bleibuch in
windgepeitschen Öl-Wolken und dramatischen Acryl-Wogen. Dichterworte wie
jene Bachmanns, aber auch Paul Celans, Rilkes oder Hölderlins (ihm ist
das Alpenszenario Tönend wie des Kalbs Haut die Erde ein paar Räume
weiter gewidmet) fließen immer wieder in Kiefers Werk ein: "Ich lebe und
kommuniziere mit ihnen", sagte der 62-jährige Künstler einmal. "Ich bin
eigentlich nur ein Durchgangsstadium."
In Horlogium, dem gegenüberliegenden Bild aus dem Jahr 2003, erzählt er
von Sternenkunde einst und jetzt, von der Eroberung des Weltalls; dafür
hat er, so wie im wirklichen Leben die Nasa, Sternenpünktchen mit bis zu
15-stelligen Nummern versehen und sie rund um das Observatorium Jaipurs
aus dem 18. Jahrhundert angeordnet. Zur Installation erweitert wird das
Bild durch die Skulptur mit Sternen, bestehend aus Kiefers
Lieblingsmaterialien: Blei, Karton, Glas, Metall.
Wer von so viel Wucht und Macht fast erschlagen ist, dem kommt Essls
Konzept der kleineren Einheiten im Großen und Ganzen entgegen: Vor dem
Durchgang zum nächsten Raum steht eine weiße leere Wand. Auf der Wand
hinter dieser Wand: nichts. Denn The fertile crescent, Kiefers in
Erdfarben gehaltenes, brachial-malerisches Ruinenweltbild und mit 7,62
mal 3,30 Metern riesigstes Werk der Kollektion, steht schräg im Eck -
auf Transportrollen. "Das", so Essl, "erinnert an die
Werkstattsituation." Ganz nebenbei bekommt das Historienepos dadurch
auch noch genügend Luft und Freiraum.
Darauf legt Kurator Essl Wert: Raumverschlingendem genügend Platz zu
verschaffen. Das der Ausstellung den Titel gebende Hochformat Steigend,
steigend, sinke nieder (2006) mit dem rostigen Militärflieger in der
grauweißen Weltlandschaft hat er höher als die anderen gehängt, "denn
ein Flugzeug kommt vom Himmel herunter". Anselm Kiefer will sich die
Ausstellung wohl anschauen - zur Eröffnung kommt er aber nicht. (asch, DER STANDARD/Printausgabe 1.2.2012)