Genügend Platz für Raumverschlingendes

31. Jänner 2012, 18:20
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Essl-Museum präsentiert seine 15 Werke umfassende Anselm-Kiefer-Sammlung

Klosterneuburg - Üppig. Wuchernd. Ausladend. Bedeutungsschwanger. Pathetisch. Tonnenschwere mythische und mystische Materialorgien. Brennender Dornbusch. Samson und Delilah. Gedankenberge. Kabbala. Sturzfluten. Glas. Aluminium. Gips und Schellack. Gestrüpp. Ein Bleiboot in Echtformat pickt im Farbenmeer. Natürlich Stacheldraht. Mehr Gestrüpp. Alles da, womit der deutsche Maler und Bildhauer Anselm Kiefer seine monumentalen Kunstwelten und Bildzyklen schafft und Schicksalsfragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum stellt.

Man kann nachvollziehen, warum Karlheinz Essl sich erst relativ spät mit Kiefers Bildsprache angefreundet hat. 15 Werke, erworben in zehn Jahren: Nun hat der Sammler diesen Werkblock aus dem Depot geholt und höchstpersönlich - unterstützt von Ko-Kurator Günther Oberhollenzer - arrangiert.

Im ersten Raum Essls erster und letzter Ankauf, womit klargestellt ist: Hier wird Kiefer nicht nach Jahreszahlen gehängt beziehungsweise aufgestellt. Nur mit Wind mit Zeit und mit Klang ist 2011 einem Gedicht Ingeborg Bachmanns nachempfunden: ein aufgeschlagenes Bleibuch in windgepeitschen Öl-Wolken und dramatischen Acryl-Wogen. Dichterworte wie jene Bachmanns, aber auch Paul Celans, Rilkes oder Hölderlins (ihm ist das Alpenszenario Tönend wie des Kalbs Haut die Erde ein paar Räume weiter gewidmet) fließen immer wieder in Kiefers Werk ein: "Ich lebe und kommuniziere mit ihnen", sagte der 62-jährige Künstler einmal. "Ich bin eigentlich nur ein Durchgangsstadium."

In Horlogium, dem gegenüberliegenden Bild aus dem Jahr 2003, erzählt er von Sternenkunde einst und jetzt, von der Eroberung des Weltalls; dafür hat er, so wie im wirklichen Leben die Nasa, Sternenpünktchen mit bis zu 15-stelligen Nummern versehen und sie rund um das Observatorium Jaipurs aus dem 18. Jahrhundert angeordnet. Zur Installation erweitert wird das Bild durch die Skulptur mit Sternen, bestehend aus Kiefers Lieblingsmaterialien: Blei, Karton, Glas, Metall.

Wer von so viel Wucht und Macht fast erschlagen ist, dem kommt Essls Konzept der kleineren Einheiten im Großen und Ganzen entgegen: Vor dem Durchgang zum nächsten Raum steht eine weiße leere Wand. Auf der Wand hinter dieser Wand: nichts. Denn The fertile crescent, Kiefers in Erdfarben gehaltenes, brachial-malerisches Ruinenweltbild und mit 7,62 mal 3,30 Metern riesigstes Werk der Kollektion, steht schräg im Eck - auf Transportrollen. "Das", so Essl, "erinnert an die Werkstattsituation." Ganz nebenbei bekommt das Historienepos dadurch auch noch genügend Luft und Freiraum.

Darauf legt Kurator Essl Wert: Raumverschlingendem genügend Platz zu verschaffen. Das der Ausstellung den Titel gebende Hochformat Steigend, steigend, sinke nieder (2006) mit dem rostigen Militärflieger in der grauweißen Weltlandschaft hat er höher als die anderen gehängt, "denn ein Flugzeug kommt vom Himmel herunter". Anselm Kiefer will sich die Ausstellung wohl anschauen - zur Eröffnung kommt er aber nicht. (asch, DER STANDARD/Printausgabe 1.2.2012) 

  • Dia-Lyse: Öl, Emulsion, Schellack, Erde auf Holz.
    © anselm kiefer fotonachweis: lothar schnepf, köln

    Dia-Lyse: Öl, Emulsion, Schellack, Erde auf Holz.

  • Claudia Quinta: Emulsion, Schellack und Erde auf Fotografie und Karton mit Draht und Bleiboot sowie Objekten.
    © anselm kiefer fotonachweis: courtesy galerie thaddaeus ropac, paris

    Claudia Quinta: Emulsion, Schellack und Erde auf Fotografie und Karton mit Draht und Bleiboot sowie Objekten.

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