"Die ukrainische Mentalität ist eine europäische"

Interview | Josef Kirchengast, 1. Februar 2012, 06:15
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    foto: der standard/urban

    "Volle Transparenz" herrsche bezüglich des Gesundheitszustandes der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko, ausländische Ärzte könnten hinzugezogen werden, sagt Pawlo Klimkin.

Vizeaußenminister Pawlo Klimkin ist davon überzeugt, dass es in der ukrainischen Gesellschaft keine Tendenz hin zu autoritären Einstellungen gibt

Das von Brüssel vorerst nicht unterzeichnete Assoziierungsabkommen könnte in der Ukraine einen Reformschub auslösen, meint Vizeaußenminister Pawlo Klimkin im Gespräch mit Josef Kirchengast.

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Standard: Die inhaftierte Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko befindet sich nach Angaben ihrer Tochter in Lebensgefahr. Was sagen Sie dazu?

Klimkin: Eine spezielle Kommission unter Vorsitz des Ersten Stellvertretenden Gesundheitsministers betreut Frau Timoschenko medizinisch und überwacht ihren Gesundheitszustand. Um Objektivität und Transparenz zu betonen, können medizinische und andere Spezialisten von außen einbezogen werden. Meines Wissens könnten Ärzte aus Kanada und Deutschland im Rahmen dieser Kommission sicherstellen, dass Frau Timoschenkos Gesundheitszustand keinen Grund zur Sorge gibt. Es herrscht also volle Transparenz.

Standard: Der Prozess gegen Timoschenko wurde inner- und außerhalb der Ukraine scharf kritisiert - als politisch motiviert mit dem Ziel, die Oppositionsführerin für lange Jahre vom politischen Leben fernzuhalten. Die EU hat deshalb das bereits ausverhandelte Assoziierungsabkommen mit der Ukraine auf Eis gelegt. War es das wert, aus der Sicht Ihrer Regierung?

Klimkin: Man muss zwischen politischen Entscheidungen und solchen unterscheiden, die, sagen wir, im Rahmen strafrechtlicher Verantwortung getroffen werden. Obwohl ich als Staatsbediensteter eine Gerichtsentscheidung nicht kommentieren kann: Im Verfahren gegen Frau Timoschenko ging es nicht um eine politische Entscheidung. Sie wurde schuldig befunden, als Premierministerin Regierungsanweisungen missachtet zu haben, indem sie den ominösen Gasliefervertrag mit Russland vom Jänner 2009 unbefugt genehmigte. (Nach Ansicht der derzeitigen Führung in Kiew schadete dieser Vertrag der Ukraine finanziell massiv, Anm.) Gemäß der ukrainischen Verfassung darf der Regierungschef oder ein Minister nicht allein Entscheidungen treffen, sondern nur aufgrund eines gemeinsamen Kabinettsbeschlusses.

Standard: Kritik gab es auch grundsätzlich am ukrainischen Justizsystem.

Klimkin: Unser Justizsystem ist nicht perfekt, deshalb gibt es bedeutende Reformbemühungen.

Standard: Zum Verhältnis mit der EU: Wie soll es weitergehen?

Klimkin: Nach vierjährigen Verhandlungen ist der Text des Assoziierungsabkommens fertig. Beim EU-Ukraine-Gipfel im Dezember wurde die Paraphierung in naher Zukunft vereinbart. Das ist kein leichtes Unterfangen, denn es handelt sich um die ambitionierteste Vereinbarung, die jemals zwischen der EU und der Ukraine geschlossen wurde. Sie umfasst praktisch alle Bereiche. Wir stehen in einem aktiven Dialog mit der EU-Kommission. Und wir hoffen, dass das Abkommen nach der Unterzeichnung als Rahmen für jede Art von Reformen in der Ukraine dient. Zugleich geht es um die künftige politische und wirtschaftliche Integration und ein Bekenntnis zur Freiheit.

Standard: Die EU hat allerdings klargestellt, dass sie das Abkommen nicht unterzeichnet, solange es nicht deutliche Fortschritte in der Reform des Justizsystems und generell bei der Umsetzung europäischer Standards gibt. War man in Kiew von der Entschlossenheit Brüssels überrascht?

Klimkin: Eine direkte Verknüpfung, wie Sie sie erwähnen, gibt es nicht. Ich habe selbst auf ukrainischer Seite die gemeinsame Gipfelerklärung ausverhandelt. Es ist eine sehr ambitionierte Erklärung, in der es etwa heißt, dass die Ukraine ein europäisches Land mit europäischer Identität ist, das die EU-Werte teilt. Zugleich heißt es, ohne direkte Verknüpfung, dass wir weitere Fortschritte, etwa im Bereich Rechtsstaatlichkeit, brauchen.

Standard: Inner- und außerhalb der Ukraine wird kritisiert, dass seit dem Amtsantritt von Präsident Wiktor Janukowitsch vor zwei Jahren eine Tendenz zu autoritärer Herrschaft, Kontrolle der Medien und Behinderung der Opposition zu verzeichnen sei.

Klimkin: Fakten zeigen Fortschritte auf vielen Gebieten. Im jüngsten Bericht von "Reporter ohne Grenzen" wird die Ukraine im Bereich Medienfreiheit ganz beträchtlich hinaufgestuft. Natürlich ist die Grundstruktur der ukrainischen Medien nicht perfekt, etwa was die Besitzverhältnisse betrifft. Aber wenn Sie in die Ukraine kommen, werden Sie feststellen: Es gibt Medienfreiheit. Das zeigen die vielen Zeitungen, Talkshows und die Aktivitäten im Internet, wo die Regierung oft kritisiert wird.

Standard: Warum wurde dann der Feiertag für die Orange Revolution abgeschafft?

Klimkin: Dieser Feiertag ist mittels eines Präsidentenerlasses durch einen anderen ersetzt worden. (Statt des "Tages des Freiheit", der am 22. November gefeiert wurde, wird nun der "Tag der Einheit und Freiheit der Ukraine" am 22. Jänner begangen, Anm.) Der Punkt war, dass die ukrainische Gesellschaft nicht spaltende, sondern einigende Themen braucht.

Standard: Meinungs- und Medienfreiheit gelten als Haupterrungenschaften der Orangen Revolution. Kann da die Abschaffung des Feiertags nicht als gegenteiliges Signal verstanden werden?

Klimkin: Ganz und gar nicht. Der "point of no return" in diesem Sinn liegt schon Jahre zurück. Es gibt in der ukrainischen Gesellschaft keine Tendenz hin zu einer autoritären Einstellung. Es ist meine persönliche Meinung, aber es ist sehr wichtig für mich: Redefreiheit ist ein Schlüssel der ukrainischen Mentalität, die damit auch eine europäische Mentalität ist.(DER STANDARD Printausgabe, 1.2.2012)

Zur Person

Pawlo Klimkin (geb. 1967) ist unkrainischer Vizeaußenminister und Chefverhandler Kiews mit der Europäischen Union. In Wien nahm er jüngst an einer Konferenz zum 20. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Österreich und der Ukraine teil.

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16 Postings
I could lose my account for having a voice
00
"ein Bekenntnis zur Freiheit"

Ein Betritt zu DIESER EU ist vieles, aber ganz sicher kein Bekenntnis zur Freiheit.

F S 3
02
:) Wenn Klimkin meint, daß "es in der ukrainischen Gesellschaft keine Tendenz zu autoritären Einstellungen gibt",…

…paßt seine Einstellung wohl doch nicht ganz zur Europäischen Mentalität, die leider nun mal nicht von den Bürgern vorgegeben wird, sondern von deren eingekauften Führern.

Deren Großteil sich gerade wieder einmal als geistige Einzeller geoutet haben.

papst benedikt
00

schade dass der interviewer nur die üblichen fragen stellt, die lediglich den propagandaauftrag der neoliberalen profitmedien nachkommen, anstatt die gewaltigen probleme der ukraine zu beleuchten.
nächstes mal lassen Sie lieber einen journalisten die fragen stellen und keinen propagandisten, man will ja etwas über das land erfahren...und nicht über kirchengasts anliegen.

Mariinsky
41
Was für zynische Bemerkungen,

die Ukraine fällt seit Amtsantritt Janukowitsch stetig in den Länderrankings von Freedom House, Transparency International und auch Reporter ohne Grenzen. Die angeblich "europäische" Ukraine, findet sich auf dem selben Level wie Länder wie Kambodscha, Mali oder anderen afrikanischen Staaten.
Als Präsident Janukowitsch in der vergangenen Woche in Davos war, wollte kaum ein westlicher Politiker mit ihm aufs Podium, gemeinsame Fotos mit dem "neuen Lukaschenko" werden vermieden. Das ist die Realität über die ukr. Führung.
Doch ein Herr Klimkin glaubt, den Lesern westlicher Zeitungen, mit seinen Erzählungen beschwichtigen zu könnnen.....

OttotheBusdriver
04
Wollen die Herrschaften Nettoempfänger werden

nur herein in die EU, ist doch eh schon egal, willkommen beim Untergang.

Micha Do
 
00
Wär ganz einfach: Jeder neue Mitgliedsstaat wird automatisch Nettozahler. Sie werden sehen, dass das Interesse schnell abflacht.

V995
00
wers glaubt

von denen gibt es 30% in österreich

NONE
02

Warum will die EU beständig erweitern?

Sollte die EU nicht erstmals schauen das sie die eigenen Probleme löst, als beständig mehr und mehr Länder reinzuholen und den gesamten Apparat in Brüssel weiter aufbläht?

Die sollten einmal anfangen sich gesund zu schrumpfen.

Micha Do
 
00

Gibts Erdöl in der Ukraine?

cassirer
03

Es gibt in der ukrainischen Gesellschaft keine Tendenz hin zu einer autoritären Einstellung"?

Herr Klimkin ist scheinbar selten im Westen der Ukraine, wo die faschistische Swoboda den Bürgermeister in fast allen Landeshauptstädten (Lemberg, Ivano Frankivsk, Ternopil, Rivne, etc.) stellt...

Mariinsky
20
Bitte merken Sie sich,

dass die Swoboda Partei von der Regierungspartei Janukowitschs unterstützt wird, so will die Partei der Regionen im Westen der Ukraine Zuspruch für ihren Kurs bekommen. Etliche Kandidaten sind bereits bei der Kommunalwahl 2010 "gekauft" worden. Das ist die Wahrheit über Swoboda, Sie russlandtreuer Vasall....

cassirer
01

ich habe nie behauptet, dass Swoboda nicht mit der Partia Regioniv koalieren würde! Ich finde beide nicht sympathisch und viele Aktionen und Gesetze von Janukowytsch demokratiepolitisch äußerst bedenklich. Zwischen demokratiepolitisch bedenklich und faschistisch ist aber doch noch ein weiter Weg...

Sehr bedenklich finde ich auch Ihre plumpen Vorurteile, dass ich ein russlandtreuer Vasall sei! Warum nicht gleich Moskaly? Das ist so, als ob ich Sie nun als Banderivzy beschimpfen würde, was ich aber nach drei Zeilen wohl kaum beurteilen kann.

papst benedikt
01

lügen Sie nicht. swoboda ist gerade wieder dem mehrparteienbündnis klischkos beigetreten. zusammen mit den parteien der üblichen verdächtigen wie timoschenko.
swobada war, ist und wird immer ein teil der orangen sein.
Sie rechtsradikaler vasall...

cassirer
00

das von Ihnen, Papst Benedikt, angesprochene Bündnis arbeitet nur auf nationaler Ebene zusammen. In den Gemeinden und Ländern herrscht ein freies Spiel der Kräfte, so dass man häufig abstruse Kombinationen finden kann. Viel davon lässt sich mit Opportunismus erklären: Farben, Parteien, Meinungen und Bündnisse wechseln in der UA sehr leicht

Mariinsky
00
Bitte merken Sie sich,

Cptn. Black
00

das hat er doch nur so gesagt um zu gefallen.

Als ob wir bei uns unsere Politiker vergiften würden.

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