Angelsachsen wagen sich in Pyjama auf die Straße

31. Jänner 2012, 18:04
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Öffentliches Nachtwäschetragen als Trend sorgt für Kritik - "Unverschämte Kleiderordnung"

Dublin/London - Im Schlafanzug zum Supermarkt schlurfen - warum nicht? Oder die Kinder zur Schule bringen, obwohl man nichts als Pyjama und Bademantel anhat. In der angelsächsischen Welt hat sich das Tragen von Nachtwäsche in der Öffentlichkeit als Trend etabliert. Jetzt stemmt sich ein Sozialamt in Dublin gegen die Unsitte. Ein Schild im Fenster des Social Welfare Office im Stadtteil Damastown erinnert Besucher daran, "dass Pyjamas nicht als angemessene Kleidung angesehen werden, wenn Sie hier soziale Dienste in Anspruch nehmen wollen".

Pyjamas sollen für Armut im Bezirk stehen

Die Verordnung sorgt für Wirbel. In Damastown in Süddublin ist der "Pyjama-Index" besonders hoch. Je mehr Erwachsene sich in Nachtwäsche in den Straßen zeigen, desto größer sind Arbeitslosigkeit und Armut im Bezirk, heißt es von Sozialarbeitern. Das irische Sozialministerium versicherte, es verordne "keinen Dresscode für Sozialhilfeempfänger". Bei Beschwerden könne ein Behördenleiter aber ein Veto aussprechen.

Der Trend begann vor zehn Jahren in Großbritannien, als in Sozialsiedlungen in Liverpool vor allem junge Frauen ihre Hemmungen verloren, sich im Schlafanzug zu zeigen. In Belfast rügte 2007 ein Schuldirektor Eltern für ihre "schlampige und unverschämte" Kleiderordnung beim morgendlichen "school run". Ein Supermarkt in Cardiff hielt es 2011 für nötig, den Kunden zu verkünden, dass das Tragen "von Nachtwäsche nicht erlaubt" und Barfuß-Einkaufen unzulässig ist. Die abgewiesene Elaine Carmody nannte das Verbot "erbärmlich und blöd" - schließlich habe sie ihren hübschesten Bärchen-Pyjama getragen.

Im Schlafanzug durchs Nobelviertel

Angelsachsen zeichnete schon immer eine liberale Haltung in Kleiderfragen aus. Ab einem gewissen Punkt wird ein ungewöhnliches Outfit zu einer Art Uniform, die als selbstbewusste Aussage über den sozialen Status fungiert. Pyjamaenthusiasten kann nur noch der Klassenfeind einen Strich durch die Rechnung machen: Die Vogue hat nämlich den Pyjama zur Alltagskleidung erklärt. Mittlerweile sind daher selbst im noblen Londoner Stadtteil Mayfair immer mehr Menschen in Nachtwäsche zu sehen. Allerdings in sündhaft teuren Kreationen der Labels Stella McCartney oder Clements Ribeiro. (Jochen Wittmann, DER STANDARD Printausgabe, 1.2.2012)

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    Angelsachsen zeichnete schon immer eine liberale Haltung in Kleiderfragen aus.

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