Calixto Bieito inszeniert an der Komischen Oper Berlin Webers "Freischütz"
In Berlin hat sich ein missratener Jägerchor im Freischütz schon als
verhängnisvoll für den Dirigenten erwiesen. In der Deutschen Oper war
das der berühmte Tropfen, der Renato Palumbo um seinen Musikchef-Job
brachte. Derartiges hat Patrick Lange an der Komischen Oper nicht zu
befürchten. Er hält alle Fäden im Graben zusammen und wirft sich auch da
entschieden für Webers Musik in die Bresche, wo auf der Bühne exzessiv
gekichert oder rumgeballert wird.
Wobei damit das Wesentliche zur musikalischen Bilanz gesagt ist. Denn
mit vokalem Hauptstadt-Ruhm hat sich die Komische nicht bekleckert;
allenfalls Günter Papendells Ottokar wäre da überregional "zu
verkaufen". Aber zu einem Fest der Stimmen geht man ohnehin nicht in
dies Haus, eher schon, um aufregendes Musiktheater zu erleben. Calixto
Bieito gehört in diese Auswahl, obwohl er ruhiger geworden ist. Dass die
Opernleitung "empfohlen ab 16 Jahren" unter der Ankündigung vermerkt,
gehört da wohl eher zum Marketing.
Natürlich: Seine Jagdgesellschaft sucht im deutschen Wald nach einer
anderen Beute als Hirsch oder Wildschwein. Ein leibhaftiges Exemplar
dieser Grunzer schnüffelt sich zwar während der Ouvertüre durchs Laub,
"erlegt" und ausgeweidet wird aber eine nackte Frau mit Pelzmantel.
Überhaupt ist die Jagd hier eher männliches Potenzgehabe und
Menschenjagd - in einem Wald, der weit jenseits aller zivilisatorischen
Landstriche liegt. Nicht nur die Wolfsschlucht ist da der vielzitierte
Albtraum. Bieito übersetzt vor allem diese Szene in seinen blutigen
psychologisierenden Bühnenrealismus.
Kaspars (Carsten Sabrowski) Pakt mit dem Teufel ist ein radikaler
Ausstieg aus dem Minimalkonsens jeder Gemeinschaft, nämlich andere am
Leben zu lassen. Für seine Kugelgießerei entführt der Finsterling ein
Brautpaar, bringt die Braut in einem Gruselritual um und taucht seine
Kugeln in Jungfrauenblut. Und den ohnehin als Versager bedrängten Max
(Vincent Wolfsteiner) zieht er auf seine Seite, treibt ihn in den
Wahnsinn: Wie außer sich bringt Max den entführten Bräutigam um und
hüpft fortan mit Dreck beschmiert nur noch nackt durchs Unterholz. Und
über die Baumstämme, die sich zuerst aus dem Schnürboden herabsenken,
während der Wolfsschluchtszene ins Wanken geraten und dann wie ein
Haufen Mikadostäbchen aufgetürmt herumliegen.
Der versöhnlichen Schlussszene, die mit ihrem Vertrauen in Gott und die
Obrigkeit immer etwas aufgesetzt wirkt, entzieht sich Bieito durch
Distanzierung und Mord. Ganz offenbar glauben Ottokar und seine Leute
nichts von dem, was sie und der Eremit (als Penner in Riesengestalt:
Alexey Tihomirov) von sich geben. Nur konsequent, dass sich Kaspar
selbst umbringt und Ottokar und seine Leute dann Max und den Eremiten
über den Haufen schießen. Diese Outlaws werden den Weg zurück in die
Zivilisation nicht mehr finden.
Das Publikum ging mit den Sängern, dem Chor und dem Dirigenten sehr
wohlwollend um, spaltete sich dann beim Regieteam in das zu erwartende
Pro und Kontra. Aber längst ohne jene Verbissenheit, die bei Bieito
einst üblich war. Man gewöhnt sich halt an alles. Und wie's der Zufall
will, gibt es ja im Deutschen Historischen Museum, ein paar Gehminuten
von der Komischen Oper entfernt, eine Ausstellung zum Deutschen Wald.
Irgendwie gehört diese mit zur Inszenierung. (Joachim Lange aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe 1.2.2012)