Russlands Tourismus­branche in der Krise

Der Reiseveranstalter Lanta Tour Voyage ist pleite, tausende Russen fürchten um ihren Urlaub. Der Staatsanwalt ermittelt

Dabei ist die Pleite wohl mehr einer Systemkrise im Tourismussektor als Betrug geschuldet.

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"Hilfe, die Russen kommen", hieß es früher. Inzwischen ertönt der Hilfeschrei, wenn sie ausbleiben. Zwar haben russische Touristen nach wie vor nicht den besten Ruf, doch für die Tourismusindustrie vieler Reiseländer - darunter auch Österreich - sind sie ein Segen. Pro Kopf gibt kaum eine Nation mehr Geld im Urlaub aus als Russen.

Doch die Urlaubslaune könnte den Russen vergehen: Mit Lanta Tour Voyage geht bereits der zweite große Reiseveranstalter Russlands innerhalb von gut einem Jahr pleite. Erneut sind die Urlauber die Leidtragenden. Mehr als 1000 Russen sind im Ausland gestrandet, obwohl sie ihre Reise voll bezahlt haben. In Thailand und Goa sollen Hoteliers ihre Gäste vor die Tür gesetzt haben, in anderen Fällen weigerten sich Fluglinien, die Touristen wieder nach Hause zu fliegen.

Für weitere 2700 Touristen ist der geplante Urlaub schon vor dem Antritt beendet. Viele Urlauber erfuhren an den Moskauer Flughäfen Scheremetjewo und Domodedowo, dass ihre Tickets ungültig waren, weil Lanta Tour sie zwar gebucht, aber nicht bezahlt hatte. Im Vorjahr bei der skandalösen Pleite von Capital Tour traf es mehr als 8000 Touristen. In beiden Fällen hatten die Reisebüros Millionen Schulden angehäuft und ihre Tätigkeit abrupt eingestellt. Der Schutz der Touristen sei gesetzlich ungenügend verankert, räumte die Direktorin der Reisebürovereinigung Ator, Maja Lomidse, ein.

Das Tourismusgeschäft bringt den meisten Veranstaltern seit Jahren keinen Gewinn: Die Schweizer Hotelplan verbuchte 2010 in Russland 1,8 Millionen Euro Verlust, auch die frischeren Zahlen von Tui für 2011 (14, 4 Millionen Euro Verlust) sind wenig ermutigend.

Der Konkurrenzkampf um die Pauschaltouristen ist hart: "Bei den Reisevermittlern liegt die Kommission zwischen acht und zehn Prozent. Wer konkurrenzfähig bleiben will, gibt Rabatte. Da bleibt praktisch nichts übrig", erklärt Swetlana Teplowa, Mitarbeiterin eines kleinen Reisebüros.

Österreich trotzt dem Trend

Erfreulich: Die Pleite von Lanta Tour berührt den österreichischen Markt kaum. Das Unternehmen hatte sich in Europa auf Reisen nach Frankreich, Italien und Tschechien fokussiert. Daneben waren bei Lanta Tour klassische Badegebiete im Angebot.

Die letzten Zahlen belegen zudem: Österreich muss sich trotz der Querelen im russischen Tourismussektor keine Sorgen um Gäste machen. "2011 verzeichnete Österreich 400.200 Ankünfte aus der Russischen Föderation, was einer Steigerung von 30,9 Prozent im Vergleich zu 2010 bedeutet", teilte der Moskauer Büroleiter der Österreich Werbung, Georg Kapus, mit. Auch bei den Nächtigungen liegt der Zuwachs bei 25 Prozent.

Die meisten Urlauber kommen im Winter. Gerade Anfang Jänner, wenn in Russland rund um das orthodoxe Weihnachtsfest Neujahrsferien sind, zieht es die betuchteren Russen in die Alpen zum Skifahren. Der Vorteil Österreichs liegt darin, dass es kaum russische Pauschalurlauber anzieht.

Zwar seien die Reisebüros ein wichtiger "Gäste-Lieferant, doch mehr als die Hälfte der Reisen aus Russland nach Österreich werden bereits direkt von russischen Gästen - in erster Linie via Internet - gebucht", sagte Kapus. Bei der Dynamik werde Russland bald in die Top Ten der wichtigsten Herkunftsländer von Touristen aufsteigen, meint er.

Die russischen Reisebüros müssen in Zukunft allerdings Produkte und Serviceangebot deutlich ausweiten, wenn sie im durch die Individualbuchungen noch verschärften Wettbewerb bestehen wollen. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, Printausgabe, 1.2.2012)

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