Die Lage in Bani Walid sei unter Kontrolle, beteuert die neue libysche Führung - Doch nicht alle Libyer trauen diesem Frieden
"Die Ruhe vor dem Sturm in Bani Walid", so lautet der Titel einer
libyschen Zeitung - ein Fragezeichen setzt sie nicht. Im Artikel
schildert ein Augenzeuge, wie vor zehn Tagen eine Gruppe Bewaffneter die
Truppen der neuen Regierung angegriffen hatte. Die Auseinandersetzungen
forderten damals vier Tote und 20 Verletzte. Er berichtet von den grünen
Flaggen und Bildern des getöteten Diktators Muammar al-Gaddafi, die von
Loyalisten mitgetragen wurden.
Ein Offizier der Nationalgarde verrät, es gebe bereits eine fertig
ausgearbeitete Strategie für eine Militäroperation unter Beteiligung
mehrerer Brigaden aus verschiedenen Städten, um die schweren Waffen
einzusammeln und Kriminelle zu verhaften. Man warte nur noch auf grünes
Licht der politischen Führung.
Schon jetzt ziehen jeden Tag mehrere Brigaden der Ex-Rebellen aus
Misrata Richtung Bani Walid, erklärt ein Mitglied der Kafila-Brigade,
die eben den Marschbefehl erhalten hat, im Gespräch. Sie fährt in die
eine knappe Autostunde entfernte sensible Gegend, bis an die Grenze des
Einflussgebietes des Warfalla-Stammes, der Bani Walid dominiert. Dort
hält sie sich bereit für den Fall, dass unter Tags neue Kämpfe
ausbrechen, und kehrt erst am Abend wieder nach Misrata zurück.
Sperrgebiet für Fremde
Bani Walid, die Stadt, die als letzte gefallen ist, ist für alle Fremden
Sperrgebiet. "Die Tatsache, dass es in Gaddafis Heimatstadt Sirte keine
Probleme gibt, ist ein Beweis dafür, dass die Ereignisse in Bani Walid
nicht politischer Natur sind", argumentiert ein Gründungsmitglied einer
neuen demokratischen Partei. "Niemand weiß genau, was sich dort
abspielt, nicht einmal der Nationale Übergangsrat", meint ein
einheimischer Journalist.
Der Verteidigungsminister hatte einen kurzen Abstecher in die Stadt
gemacht. Ihm wurde von den Stammesältesten eine Liste mit den Namen der
Mitglieder übergeben, die in Zukunft im lokalen Stadtrat sitzen sollen.
In Bani Walid kommen viele Faktoren zusammen: eine enge Verbundenheit
vieler Einwohner mit dem gestürzten Regime, ein starker Stamm,
traditionelle Beduinenkultur, Unzufriedenheit mit der neuen Führung,
aber auch kriminelle Elemente - es gibt keine einfachen Erklärungen.
Bisher haben die Vermittlungsmechanismen der libyschen Führung
funktioniert. Bei vereinzelten, lokal oder regional begrenzten
Ausbrüchen von Gewalt seit dem Sturz der Regimes im vergangenen Jahr -
meistens wurden dabei einfach nur alte Rechnungen beglichen - gelang es
stets, die Auseinandersetzungen zu beenden und eine weitere Ausbreitung
zu verhindern.
Viele Libyer sehen deshalb in Bani Walid jetzt eine Art Testfall.
Gelingt dies auch in diesem komplizierten Fall, wäre das wie eine
Versicherung, dass sich auch in Zukunft ernsthafte Sicherheitsprobleme
meistern lassen. (DER STANDARD Printausgabe, 1.2.2012)