Bei nicht genehmigter Protestaktion - Kreml versucht mit Gegendemonstrationen Stimmung zu drehen
Moskau (APA/dpa) - Bei Kundgebungen von Regierungsgegnern in
Russland hat die Polizei mindestens 80 Demonstranten festgenommen. In
Moskau wurden bei einer nicht genehmigten Protestaktion etwa 20 von
rund 200 Teilnehmern abgeführt, unter ihnen auch der Schriftsteller
Eduard Limonow von der nicht zugelassenen Partei Anderes Russland.
Das berichtete das kremlkritische Internetportal kasparov.ru am
Dienstag. Die Gegner von Regierungschef Wladimir Putin riefen "Nieder
mit dem Polizeistaat" sowie "Russland ohne Putin" und forderten
Versammlungsfreiheit.
In der zweitgrößten Stadt St. Petersburg nahmen Sicherheitskräfte
nach eigenen Angaben etwa 60 Menschen fest. Mindestens 100 Menschen
hätten sich an der nicht genehmigten Aktion im Stadtzentrum
beteiligt, berichtete kasparov.ru.
Auch in den Millionenstädten Nischni Nowgorod und Jekaterinburg
gab es Proteste. Im sibirischen Omsk gingen Regierungsgegner trotz
Temperaturen von minus 30 Grad auf die Straße. Am 4. Februar werden
zu einer genehmigten Großkundgebung für freie Wahlen in Moskau
mehrere Zehntausend Menschen erwartet.
Jubel für Vladimir Putin
Vor der russischen Präsidentenwahl klagen immer
mehr Beschäftigte von Staatsbetrieben sowie Lehrer darüber, sie
würden zum Jubel für den Kremlkandidaten Wladimir Putin genötigt. Mit
einem Mix aus Drohungen und Versprechen würden nun viele Russen zu
einer Manifestation am 4. Februar gezwungen, berichteten Moskauer
Medien am Dienstag. Die Kundgebung gilt als Kreml-Antwort auf die
Massendemonstration der Opposition für ehrliche Wahlen, die am selben
Tag geplant ist. Putin will sich am 4. März wieder ins Präsidentenamt
wählen lassen, das er bereits von 2000 bis 2008 innehatte.
Organisator: Partei der Patrioten
Lehrern werde mit Problemen an den Schulen gedroht, sollten sie
nicht für Putin auf die Straße gehen, sagte der Co-Vorsitzende der
Bildungsgewerkschaft Utschitel (Lehrer), Wsewolod Luchowizki, der
Zeitung "Kommersant". Als Organisator der Kundgebung gilt die
kremltreue Partei der Patrioten. Medien zufolge wurden zudem an
Journalisten Merkzettel von Behörden verteilt etwa mit dem Hinweis,
nur glückliche Gesichter von Demonstranten zu zeigen und auf die
Freiwilligkeit der Straßenaktion einzugehen.
Vorauszahlung von Lohn für Teilnahme
Mitarbeiter von Staatsbetrieben sagten Journalisten, dass ihnen
für die Teilnahme an der Pro-Putin-Aktion etwa eine Vorauszahlung des
Lohns versprochen worden sei. Die Internetseite www.massovki.ru, eine
Plattform für die Organisation von Massenveranstaltungen,
veröffentlichte Anzeigen, in denen Russen 800 Rubel (20 Euro) für die
Teilnahme an der Kundgebung bei eisiger Kälte angeboten wurden.
Russische Medien berichten seit Tagen über die Inszenierung von
Straßenjubel für Putin. Am vergangenen Wochenende etwa seien in
Jekaterinburg am Ural Demonstranten mit einem Konzert und
Gratis-Essen zu einer Manifestation für Putin gelockt worden.
Fernsehbilder von den Gesichtern der Teilnehmer ließen aber nach
Meinung von Beobachtern kaum auf Begeisterung schließen. (APA)