"Es müssen nicht alle am Wochenende zum Bauern fahren"

Chat1. Februar 2012, 13:13
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"Warenfluss" ohne Zwischenschaltung von Konzernen und Information statt Werbung

Ein Artikel auf derStandard.at zum Buch "Bioschmäh" von Clemens G. Arvay sorgte vergangene Woche für jede Menge Aufregung in der Community und für eine dementsprechend heiße Diskussion unter den Usern. Autor Arvay war am Mittwoch gemeinsam mit Stephan Pabst von agrarATTAC Österreich in der Redaktion zu Gast.


"Wir befinden uns in einer Zeit der zunehmenden Erdölknappheit, in der die energie- und ressourcenverschlingende industrialisierte (Bio-)Landwirtschaft ein fragwürdiger Weg ist. Klein- und Mittelbetriebe, die dezentral wirtschaften, sind krisensicherer", ist Arvay überzeugt. Auch Pabst wirft "profitorientierten Konzernen" vor, in der Zeit der Verbreitung des Bio-Gedankens die Bio-Bewegung ausgebeutet zu haben.

Beide fordern einen "Warenfluss", der wieder direkter und ohne Zwischenschaltung von Konzernen organisiert sein soll. "Wir brauchen Information statt Werbung", sind sich die beiden Chat-Gäste einig. (rom, derStandard.at, 1.2.2012)

ModeratorIn: Lieber Herr Arvay, lieber Herr Pabst, danke fürs Kommen, liebe UserInnen, wir freuen uns auf eine anregende Diskussion.

Arvay, Pabst: Arvay: Ich freue mich, heute hier sein zu dürfen und die Möglichkeit zu haben, Fragen von LeserInnen persönlich zu beantworten. Pabst: Ich möchte mich bei Clemens bedanken für die Möglichkeit, die Kritik von agrarATTAC die im letzten Kapitel kurz angerissen wird, näher auszuführen.

convespasipuo: Sehr geehrter Hr. Arvay, Ihr Buch hat viel verunsicherung erzeugt - wie stellen Sie sich Bio vor und eine Frage von Hr. Thomas Weber aus seinem Blog möchte ich auch stellen: Kann eine klein strukturierte Bio-Landwirtschaft überhaupt wirklich nachhal

Arvay, Pabst: Arvay: Wir befinden uns in einer Zeit der zunehmenden Erdölknappheit, in der die energie- und ressourcenverschlingende industrialisierte (Bio-)Landwirtschaft ein fragwürdiger Weg ist. Klein- und Mittelbetriebe, die dezentral wirtschaften, sind krisensicherer. Der Flächenertrag in der kleinräumigen Mischkulturlandwirtschaft ist nachweislich höher als auf industriellen Monokulturen. Außerdem gehört unser Lebensmittelsystem geändert. Aufgrund von Konzernvorgaben werden auch in der Bio-Landwirtschaft Unmengen an Lebensmitteln weggeworfen. Pabst: Die Ideale der Bio-Landwirtschaft, wie sie von den PionierInnen der Bio-Bewegung formuliert wurden als Initiative, um den Missständen der industrialisierten Landwirtschaft zu begegnen, wurden in der Zeit der Verbreitung des Bio-Gedankens von profitorientierten Konzernen ausgebeutet. Nun ist es an der Zeit für Verbrauchende und Produzierende, zukunftsfähige, solidarische und selbstverwaltete Formen der Landwirtschaft zu entwickeln.

Pedro Hofmann1: Wie kann sich der Konsument informieren, wo die Produkte der Aufschrift tatsächlich entsprechen? Bsp. Eier freilaufender Bio-Hühner mit 10m² Auslauf etc

Arvay, Pabst: Pabst: Wo man sich informieren kann, ist in erster Linie der Bauer und die Bäuerin von denen die Produkte stammen. Arvay: Deswegen muss der Warenfluss wieder direkter und ohne Zwischenschaltung von Konzernen organisiert werden. Marketingabteilungen neigen immer zu Verschleierungen und Schönfärberei. Wir brauchen Information statt Werbung. Mein Buch soll ein Beitrag dazu sein. Pabst: Natürlich sind Zertifizierungen, sofern sie von den Produzierenden und Konsumierenden getragen werden, der Glaubwürdigkeit jedes einzelnen Marktverkäufers vorzuziehen. Hier braucht es Bildung und Aufbau von Vertrauen.

UserInnenfrage per Mail: Ein guter Freund, der als einer der ersten burgenländischen Biobauern neben der Direktvermarktung auch für Ja Natürlich Wein produziert, erklärte mir neulich, das es 90 Prozent der Biobauern ohne die großen Biomarken der Supermärkte gar nicht geben

Arvay, Pabst: Arvay: Der zentralisierte Markt mag großen Produktionsbetrieben zugutekommen, stellt aber die kleinen und mittleren vor große Probleme. In meinem Buch wird auch ausführlich geschildert, wie der Bio-Markt immer mehr in die Hände konventioneller (nicht-biologischer) Herstellerbetriebe gerät. Pabst: Die Problematik ist außerdem, dass Bio-Betriebe, die aus reinen Profitinteressen ihre Produkte biologisch zertifizieren lassen, Probleme haben, die Ideen des Bio-Landbaus umzusetzen. Z.B. sieht man das an Ausnahmeregelungen, die seit dem Beginn der Bio-Zertifizierung sehr stark zugenommen haben.

Genufeva: Naiv gefragt: Ist Bio-Obst aus dem Supermarkt nicht immer noch besser als konventionelles Obst aus dem Supermarkt?

Arvay, Pabst: Arvay: Wenn man den Markt der konventionellen Supermärkte für sich alleine betrachtet: ja. Wichtig ist aber der Vergleich mit den eigentlichen Ansprüchen der Ökolandbaubewegung.

Global Awakening: Gibt es ihrer Meinung nach Bio-Produkte in Österreich die auch halten was sie Versprechen ? Wenn ja, welche ?

Arvay, Pabst: Arvay: Wichtig ist, sich selbst zu informieren und sich an engagierte ProduzentInnen und Bioläden zu wenden, die regional und dezentral wirtschaften können und nicht unter den Interessen von Konzernen stehen. Da dieses Thema sehr ausführlich ist, verweise ich vorerst auf den zweiten Teil des Buches. Konkrete Produkte kann ich Ihnen im Chat nicht nennen. Pabst: Eine konkrete Möglichkeit ist es, sich z. B. zu einer Lebensmittelkooperative zusammenzuschließen, sich gemeinsam zu informieren und nach eigenen Kriterien Produzierende zu suchen, um bei diesen einzukaufen oder deren Partner zu werden.

UserInnenfrage per Mail: Lebensmittel sind ja vergleichsweise billig geworden. Um wieviel müssten die Preise steigen, damit sich halbwegs vernünftige Bedingungen für Produzenten, Konsumenten und Umwelt ausgehen?

Arvay, Pabst: Arvay: Allgemein ist es klar, dass Lebensmittel, die nach den eigentlichen Anforderungen des Ökolandbaus als Gesamtidee hergestellt werden, keine Billigprodukte sein können. Während aber im Supermarktregal nur vorgefertigte Konzernprodukte zu finden sind, besteht in dezentralen Kooperativen die Möglichkeit, Preise sozial zu staffeln. So können auch Menschen mit weniger finanziellen Mitteln an ökologische Lebensmittel kommen. Lebensmittel sind ein Grundrecht jedes Menschen und nicht nur ein Konzernprodukt. Pabst: Diese Frage muss man aus einem globalen Kontext betrachten. Wir beschäftigen uns bei agrarATTAC mit der Idee der Ernährungssouveränität, einem Konzept, das von KleinbäuerInnen weltweit entwickelt wird. Die Menschen sollen die Entstehung ihrer Lebensmittel selbst bestimmen können. Die Kosten für Billiglebensmittel sind ein Rückgang der biologischen Vielfalt und ein großes soziales Ungleichgewicht, das weltweiten Hunger verursacht.

120 Jahre Karl Schranz: führt die verherrlichung des ab hof-verkaufs nicht dazu, dass jedes wochenende etliche halbleere SUV zwischen wien und niederösterreich hin- und herfahren? führt die verteufelung des effizienzgedankens nicht dazu, dass man die vorteile von großfläch

Arvay, Pabst: Arvay: Es geht nicht darum, dass alle am Wochenende direkt zum Bauern fahren müssen, sondern es geht um effiziente, dezentrale Verteilungsstrukturen, die aufgebaut werden müssen. Pabst: Dabei geht es eben gerade darum, die Abhängigkeit von fossiler Energie deutlich zu reduzieren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Gartenkooperative in Freiburg/Breisgau.

anappleadaykeepsthedoctor_away: Lebensmittelkooperative? Ich arbeite Vollzeit - woher soll ich die Zeit dafür nehmen? Führt das nicht in Richtung einer Bio/Öko-Romantik, die völlig realitätsfremd ist?

Arvay, Pabst: Pabst: Das herrschende Arbeitszeitmodell steht ehrenamtlichem Engagement und der Pflegearbeit füreinander meistens im Weg. Lebensmittelkooperativen haben natürlich arbeitsteilige Konzepte, wo sich manche Menschen mehr und andere weniger einbringen können, wie das Bio-Paradeis in Wien deutlich macht. Aus dem ganz normalen Hamsterradwahnsinn auszubrechen ist sicher keine Einzellösung. Da wollen wir auch realistisch bleiben. Arvey: Ich für meinen Teil verweise auf die engagierten Bioläden, die immer mehr in Bedrängnis geraten, deren Netzwerk aber durch gezielte Nachfrage wieder aufgebaut werden kann, sodass Läden des Öko-Marktes jedem/jeder zur Verfügung stehen. In den nächsten Tagen wird ein Beitrag über Bioläden auf meiner Homepage www.arvay.info erscheinen.

JenniJonni: wenns nach Ihnen geht dann solle s nur noch kleine Bio-Bauern geben - wie wollen sie die Lebensnmittelversorgung mit Bio-Produkten dann sicherhstellen?

Arvay, Pabst: Pabst: Die kleinteilige Landwirtschaft kann an Produktivität durchaus mithalten. Industrielle Landwirtschaft ist um ein Vielfaches ressourcenverschwendender. Arvay: Wie in der Eingangsfrage schon erläutert. Mischkulturen sind ertragreicher als Monokulturen. Konzerne produzieren zu großen Teilen so, dass mehr als die Hälfte der Ernte entweder auf dem Acker verbleibt oder im Müll landet.

Lisa Huber2: wie steht es mit bio-ketten wie maran - sind die dortigen produkte von besserer bio-qualität?

Arvay, Pabst: Arvay: Solche Bio-Supermärkte, die auch immer mehr in die Hände von zentralen multinationalen Ketten kommen, vereinen Elemente sowohl des Massenmarktes als auch des Nischenmarktes. Dieses Thema ist so komplex, dass es unmöglich ist, in einem Chat darauf einzugehen. Ich verspreche Ihnen aber, auf meiner Homepage mich diesem Thema noch zu widmen.

Kori2: Sind Bio- und Ökokisten eine gute Alternative? Oder muss man auch hier genauer schauen?

Arvay, Pabst: Arvay: Achten Sie auf die Herkunft des Öko-Kisterls und ziehen Sie vor allem kleinere Betriebe in Betracht, die hier sehr engagiert sind. Ein Beispiel für den Raum Wien: Bio-Bauer Helmut Butolen, St. Leonhard am Hornerwald. Pabst: Bio- und Ökokisten, die Importprodukte oder Großhändlerware im großen Stil ausführen, nutzen den BäuerInnen genauso wenig wie die großen Bio-Marken.

stephan huber1: Ihr Bio-Schmäh-Buch kann man bei Amazon bestellen. Finden Sie das nicht selbst irgendwie witzig?

Arvay, Pabst: Arvay: Darüber könnten wir diskutieren, doch dieser Rahmen ist nicht geeignet dafür. Sie können mir gerne ein E-Mail schicken.

quallo fant: man liest immer mehr von flaschen biozertifikaten, mit denen sich millionen verdienen lassen. (bericht im standart "gefälschte biozertifkate lukrativer als drogenhandel") wie könnte man dieses problem ihrer meinung nach lösen?

Arvay, Pabst: Arvay. Direkte Wege, Kontakt zu ProduzentInnen und regionale Strukturen. Erst die großen und unüberschaubaren Warenflüsse machen es SchwindlerInnen leicht.

Micky Klemsch: Die aktuelle Diskussion finde ich sehr interessant und kann die Meinungen der beiden Herren weitgehend unterstützen. Was mir aber immer Sorgen macht: Diskussionen wie diese mit den reisserischen Aufmachern wie "Bio-Schmäh" treiben den Grossteil der

Arvay, Pabst: Arvay: Natürlich ist das Buch so aufgebaut, Aufmerksamkeit zu erregen, Debatten auszulösen und dadurch die Botschaft ins Gespräch zu bringen. Auf meiner Homepage www.arvay.info ist heute ein Videokommentar des Ökologen und Universitätsdozenten Dr. Peter Weish erschienen, der genau Ihre Frage beantwortet. Pabst: Selbstorganisierte Strukturen und Konsum führen zu besonderen Herausforderungen. Wir werden in den nächsten Tagen eine Sammlung von Adressen und Literatur auf www.attac.at/agrar verfügbar machen, die dabei hilft, einen Überblick zu bekommen.

Kori2: Ist der Buchtitel nicht irreführend? Biologisch und ökologisch ist ja offenbar ein Unterschied und die Industriehersteller versprechen ja nicht ökologisch sondern biologisch.

A: Rechtlich-formal gibt es keinen Unterschied zwischen "ökologischer" und "biologischer" Landwirtschaft. Angesichts der Situation sollte man aber ernsthaft darüber nachdenken, eine solche Trennung festzulegen.

NobbyNobbs: gibt es vielleicht eine homepage, wo österreichweit einträge vorhanden sind, direkt von einem betrieb zu kaufen, wo es ECHTE freilandhaltung-huhn, schwein,rind, gemüse, obst und/oder bio gibt? danke

Arvay, Pabst: Arvay: Ich für meinen Teil werde eine solche Liste online stellen, sobald ich die Richtigkeit des Wortlautes der Links überprüft habe, die mir vorschweben. Ein erster Tipp: Via Campesina, die österreichische Berg- und KleinbäuerInnenvereinigung. Pabst: Eine Übersicht über DirektvermarkterInnen findet sich auf der Bio-Austria-Seite www.biomaps.at. Schließen Sie sich mit anderen Interessierten zusammen und machen Sie Kooperationsangebote, statt die BiobäuerInnen mit Einzelanfragen zu überfordern.

c_a_85: haben sie bedenken bzgl. klagen von konzernen, oder sind alle aussagen wasserdicht in ihrem buch?

Arvay, Pabst: Arvey: Das Buch ist anwaltlich geprüft, alle Inhalte logisch untermauert dargestellt. Ich habe keinerlei Bedenken.

ModeratorIn: Liebe UserInnen, die Zeit ist vorbei. Viele Fragen bleiben wieder einmal unbeantwortet. Lieber Herr Arvay, lieber Herr Papst, danke fürs Kommen. Allen noch einen schönen Tag.

Arvay, Pabst: Arvay: Ich danke allen TeilnehmerInnen und LeserInnen des Chats und empfehle allen Bio-KonsumentInnen, für die Ökolandwirtschaft "mehr" ist, sich weiterhin mit der Thematik zu befassen. Ein herzliches Dankeschön auch an die Redaktion von derStandard.at für die Möglichkeit dieses Live-Chats. Pabst: Auch vielen Dank dafür und für die vielen aufrichtig interessierten Fragen. Das macht Mut. Wenn wir ALLE uns zusammenschließen, können wir uns gut organisieren, davon bin ich überzeugt. Arvay: Dankeschön und einen schönen Tag an die UserInnen.

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