Äthiopische Israelis: Rassismus und Ungleichheit

Blog5. Februar 2012, 16:45
92 Postings

Für die äthiopischen Juden in Israel hat sich der zionistische Traum noch nicht erfüllt

Isolierte Fälle von Rassismus war die äthiopische Gemeinschaft in der israelischen Stadt Kriyat Malakhi gewohnt. Doch 120 Wohnungseigentümer, die sich offensichtlich per Schriftstück darauf einigten, nicht mehr an äthiopische Israelis zu vermieten, brachten das Fass dann doch zum Überlaufen. Es folgten Proteste. In der Woche darauf gingen Tausende in Jerusalem auf die Straße.

"Jetzt sitzen wir Aktivisten zusammen und suchen Wege, wie wir die Situation bekämpfen können", sagt Avi Yalou, ein Bewohner von Kiryat Malakhi und Organisator der ersten Demo. "Wir hoffen, dass wir etwas ändern können."

Zu ändern gibt es genug. Die äthiopischen Israelis haben es nicht nur mit Alltagsrassismus und Stereotypen zu tun. Oft hängt die Diskriminierung auch mit den vielen sozialen und ökonomischen Problemen zusammen, die Teil des Alltags vieler der 125.000 äthiopischen Israelis sind. 

"Kein Einzelfall"

Der rassistische Vorfall in Kiryat Malakhi ist scheinbar nur die Spitze eines viel größeren Eisbergs. "Das ist kein Einzelfall", sagt Yasmin Keshet, eine Anwältin der israelischen Nichtregierungsorganisation Tebeka, die Äthiopiern juristisch zur Hand geht.

In einem ihrer jüngsten Fälle hat sie eine äthiopisch-israelische Studentin Namens Idano vertreten, die von einem Busfahrer in der Stadt Rishon LeZion verbal angegriffen wurde. "Sie hat an die Autobustür geklopft, doch der Fahrer machte nicht auf. Dann hat er die Tür aber für einen anderen Fahrgast geöffnet, und Idano ging mit hinein, woraufhin der Fahrer gesagt hat: "Siehst du nicht, dass ich keine Schwarzen mitnehme? Oder habt ihr in Äthiopien etwa Busse gehabt, geschweige denn Schuhe?", gibt sie die den Vorfall gewmäß den Erzählungen des Opfers wieder. Durch die Anstrengungen von Tebeka wurde der Fahrer vor einem Bezirksgericht verurteilt und zu einer Geldstrafe von rund 12.000 Euro verpflichtet.

Solche Vorfälle sind nur ein Teil von Vorurteilen und Rassismus gegenüber äthiopischen Israelis. Im September 2011 hat Tebeka 281 Kinder vertreten, denen aufgrund ihrer äthiopischen Herkunft der Zugang zu einer Schule in Petah Tikwa bei Tel Aviv verweigert wurde. "Ein klarer Rechtsbruch", meint Julie Wyler, die Direktorin der Personalentwicklung bei Tebeka.

"Äthiopier sind eine nachgiebige Gemeinschaft. Viele wissen nicht, was legal und was illegal ist. Auch, weil neue Einwanderer oft nicht perfekt Hebräisch sprechen", erklärt Wyler. Auch am Arbeitsplatz werden Äthiopier oft ausgenützt. Personalvermittlungsagenturen würden Äthiopier oft innerhalb des gesetzlichen Rahmens elf Monate ohne Sozialversicherung anstellen und ihnen dann kurz vor Ablauf des Jahres kündigen, nur um sie sofort wieder für ein weiteres Jahr "billig" anzustellen.

"Viele Formen der Diskriminierung nützen die sozio-ökonomischen Probleme der Gemeinschaft aus", meint Julie Wyler. Und von diesen Problemen gibt es ebenfalls genug.

Ein langer Weg zur Gleichberechtigung

Die rund 125.000 äthiopischen Israelis genießen durch das "Rückkehrrecht", das allen Juden und Personen mit jüdischen Eltern oder Großeltern sowie deren Ehepartnern das Recht auf israelische Staatsbürgerschaft gibt, gleiche Rechte wie alle anderen Israelis. Doch die Ungleichheit überwiegt.

Mehr als 30.000 Äthiopier wurden in den 80er und 90er Jahren durch koordinierte Rettungsaktionen nach Israel geflogen, nachdem der Bürgerkrieg und eine Hungersnot hunderttausende Äthiopier in Flüchtlingslager im Sudan und in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba getrieben hatten. Die letzte Einwanderungswelle wurde 2010 durch die israelische Regierung abgesegnet. Diese rund 8.000 neuen Einwanderer sind Äthiopier, die im 19. und 20. Jahrhundert zum Christentum konvertiert sind. Sie werden auch Falashmura genannt. Um die israelische Staatsbürgerschaft zu erlangen, müssen sie zurück zum Judentum konvertieren.

Mehr als 20 Jahre nach der großen Einwanderung müssen die äthiopischen Israels weiterhin hart für ihre Gleichberechtigung kämpfen. Sie sind mit vielen sozio-ökonomischen Problemen konfrontiert (siehe Kasten weiter unten). Die Ursachen der Probleme liegen einerseits in großen Anpassungsschwierigkeiten, andererseits aber auch in der schlechten Umsetzung von Plänen zur Verbesserung der Situation durch die Ministerien.

Der Kampf gegen das Monster

"Meine Organisation kämpft gegen ein riesiges Monster", sagt Efrat Yerdai, Sprecherin der Israel Association of Ethiopian Jews (IAEJ). Mit dem Monster meint sie die Ministerien, die sich untereinander nicht koordinieren würden. Das sehe man am "Fünfjahresplan", der 2008 mit umgerechnet 176 Millionen Euro dotiert wurde. Teil des Plans war, junge äthiopische Paare mit Finanzspritzen und Hypotheken aus den armen Wohnvierteln herauszuhelfen. Außerdem sollten die neuen Einwanderer aus den Aufnahmezentren der Jewish Agency, wo sie in der Anfangszeit Unterstützung bekommen und zum Judentum konvertieren, einen guten Start in ein selbstständiges Leben bekommen. "Aber das Geld war nicht genug. Viele haben überhaupt keine Hypothek bekommen und das Geld noch in den Aufnahmezentren verbraucht", meint Yerdai. Überhaupt seien 20 Millionen Euro aus dem Plan nie ausbezahlt worden.

Ein neuer Plan des Einwanderungsministeriums sollte häusliche Gewalt bekämpfen, die unter äthiopischen Israelis mehr als doppelt so hoch ist wie im Durchschnitt. Doch obwohl eine vom Ministerium beauftragte Studie gezeigt hatte, dass 81 Prozent der Fälle von Gewalt gegen Frauen bei neuen Einwanderern passieren, wird der Plan des Ministeriums in Städten umgesetzt, in denen kaum neue Einwanderer leben. Die israelische Regierung hat große Summen in guter Absicht bereitgestellt, die Pläne wurden jedoch oft aufgrund von Koordinierungsproblemen und bürokratischen Durststrecken schlecht umgesetzt. Doch mit den ineffektiven Regierungsplänen ist die Wurzel der vielen Probleme nicht erklärt.

"Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Welt. Viele Einwanderer kamen aus extrem abgeschiedenen Dörfern ohne Strom, wo oft nicht einmal Geld verwendet wurde", meint Shalva Weil, eine Anthropologin und führende Forscherin über Äthiopier in Israel. "In Anbetracht dieses schwierigen Hintergrundes ist es fantastisch, was viele erreicht haben." Ein Grundproblem seien die Aufnahmezentren, in denen äthiopische Einwanderer oft viel zu lange bleiben. "Diese Aufnahmezentren sind eine geschlossene Gesellschaft", erklärt Weil. "Wenn sie dann nach zwei, drei Jahren in das unabhängige Leben geschickt werden, beginnen die Probleme."

Efrat Yerdai von der IAEJ sieht viele strukturelle Probleme. Die äthiopische Gemeinschaft konzentriere sich in armen Vierteln mit wenigen Möglichkeiten für Bildung und Beruf. "Man wirft sie in die Peripherie", sagt sie. "Doch man muss ihnen bessere Chancen geben. Anstatt alles im Aufnahmezentrum auf die Re-Konvertierung zum Judentum auszurichten, sollte man das Geld dafür aufwenden, ihnen die Fähigkeiten beizubringen, die für ein unabhängiges Leben nötig sind." (Andreas Hackl, derStandard.at, 1.2.2012)

Infobox:

52 Prozent aller äthiopisch-israelischen Familien leben unter der Armutsgrenze, im Gegensatz zu 16 Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung. Die Arbeitslosenraten sind mehr als doppelt so hoch wie im jüdischen Durchschnitt. Doch die Beschäftigungsrate konnte über die letzten Jahre etwas verbessert werden.
Rund 60 Prozent der äthiopisch-israelischen Familien empfangen Sozialhilfe. Oft aufgrund von Jugendkriminalität, die unter Äthiopiern viermal so hoch ist, und wegen häuslicher Gewalt, die den Durchschnitt ums Zweieinhalbfache übersteigt.

  • Eine äthiopische Frau bei einer Demonstration in Tel Aviv.
    foto: andreas hackl

    Eine äthiopische Frau bei einer Demonstration in Tel Aviv.

Share if you care.