Reformen im Gesundheitssystem

Mehr Gesundheit für unser Geld, bitte

Kommentar der anderen | 31. Jänner 2012, 17:42

Unser Gesundheitssystem ist bis zu doppelt so groß ausgelegt wie EU-/OECD-üblich. Nötige Reformen eröffnen viele attraktive Optionen - statt großflächiger Geldvergeudung - Von Bernd Marin und Maria M. Hofmarcher

Mit der nötigen Budgetkonsolidierung ist auch das Wohl unseres Gesundheitssystems zu prüfen. 95 Prozent der Bevölkerung halten die Qualität der Versorgung für gut, der zweitbeste EU-Wert (EU-27: 70%) (1). Doch der - durch Irrtümer des damaligen Statistischen Zentralamts gestützte - langjährige Mythos vom "billigsten und besten" System ist seit der IWI-Studie 2002 überholt: schon für 1999 wies sie zusätzliche 2,7% des BIP und 5,5 Milliarden Euro unterschlagener Kosten nach (2).

Seither wissen wir, dass unser Gesundheitswesen zu den teuersten weltweit gehört - wenngleich seine Wertschätzung höchste Ausgaben rechtfertigen könnte. Es ist dies ein wohltuender Kontrast zum zweitteuersten aber allenfalls mittelmässigen Pensionssystem - und erst recht zum sündteuren aber gering wertigem Bildungswesen.

Uns Österreichern ist also das Gesundheitssystem viel "wert", gleichzeitig sehen 82 Prozent da auch den größten Reformbedarf - noch vor Schule, Pensionen und öffentlicher Verwaltung (3). Vor allem werden Koordinationsmängel (78%), Doppeluntersuchungen (86%), fehlende Qualitätskontrollen der Ärzte (93%) und einer Datenbank über Ärzte (69%) trotz allgemeinen Vertrauens zum Hausarzt beanstandet.

In der Diagnostik sind wir gut und wissen, was falsch läuft, andererseits schätzen wir häufig gerade, was die Malaise verursacht: lose bis keinerlei Budgetrestriktionen, undurchsichtig komplexe Parallelinstitutionen, Markteintritts- und Wettbewerbsbeschränkungen, geringe Kosteneffizienz und Vernachlässigung "lästiger" Vorsorge, wie eine jüngste OECD-Studie zeigte (4).

So sind die eindrucksvollen Verbessserungen von Gesundheit und Lebenserwartung seit 1960 - wie überall - wesentlich nichtmedizinischen Umständen verdankt - von Bildung über Unfallverhütung bis Ernährung. Wir aber lieben an unserem zu teurem Gesundheitssystem gerade, was es teuer, inflationär und ineffizient macht: freie Arztwahl, also fehlende Gatekeeper, löchrige Budgetauflagen bei starkem Kostenauftrieb, wenig Preissignale, reiche Angebotspalette ohne klare Prioritätensetzung, mangelnde Abstimmung der Verantwortlichkeiten zwischen Bund, Ländern, Gemeinden und SV-Trägern, zersplitterte Förderstrukturen, Ärztedichte wie in Griechenland, d.h. doppelt so viele Ärzte und halb so viele Krankenschwestern wie in der OECD, aber zu wenig Hausärzte, sehr hoher Pharmakonsum - und viel zu viele Spitalsbetten, Spitalsaufenthalte, Magnetresonanztomographen und andere Apparate, die alle nach EU/OECD-Standards für rund 17 Millionen Einwohner reichen würden.

Der Zusammenhang zwischen Gesundheitsausgaben und Gesundheit ist sehr schwach: wie anders wäre die hohe Frühsterblichkeit der Amerikaner bei höchsten Ausgaben weltweit und die weit bessere Gesundheit der Japaner bei einem Drittel der US-Gesundheitsausgaben, oder der Schweden, Schweizer, Holländer, Italiener, Spanier erklärbar? Und Österreich? Wir geben sehr viel aus und versenken dabei zu viel knappes Geld in versteinerten Strukturen: Not enough health value for money.

Kurz gesagt: wir könnten mit unseren Krankenanstalten und ihrer Ausstattung zum Europa-Spital werden, für zusätzlich mehr ausländische wie heimische Patienten. Ein beeindruckendes Beispiel wäre die Thoraxchirurgie am Lungentransplantationszentrum von AKH/Med Uni Wien, das Österreich zur weltweit führenden Nation vor den USA und Wien zu einem länderübergreifenden Medizinzentrum macht. Oder für dasselbe Geld die weltbeste Prävention und viel mehr gesunde Jahre an höherer Lebenserwartung erzielen. Oder Milliarden jährlich einsparen - bei mehr Gesundheit. Für die Politik höchste Zeit zu handeln. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.2.2012)

Autoren:

Bernd Marin, Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik

Maria M. Hofmarcher, Ökonomin und Director Health and Care am ECV (Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, Wien)

Quellen:

(1) Special Eurobarometer 72.2.
(2) E. Pichler, E. Walter, W. Clement: Finanzierung des österreichischen Gesundheitswesens. IWI-Bericht 2002.
(3) HV/Gfk, Bevölkerungsstudie 2011.
(4) R. Gönenç, M. M. Hofmarcher, A. Wörgötter (2011): Reforming Austria's Highly Regarded but Costly Health System. OECD Economics Department Working Papers, No. 895, Paris: OECD.

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19 Postings
higgs - wozu?
30

ein gesundheitssystem, welches der allgemeinheit, dem gemeinwohl dienen sollte kann nicht als gewinnbringendes profitcenter geführt werden - das ist ein widerspruch in sich.
genausowenig kann es in der abhängigkeit der pharmalobby seiner eigentlichen aufgabe nachkommen - wenn ich drogen brauch geh ich zum dealer, nicht zum arzt - der einzige unterschied zwischen den beiden ist inzwischen der rezeptblock und die legalität.
des weiteren sollte ein gesundheitswesen der HEILUNG dienen, unseres dient nur der BEHANDLUNG an der sich die pharmalobby dummunddeppert verdient, die aber der heilung entgegengesetzt ist - wär ja so als würd ich einen stammkunden vertreiben, sobald jemand geheilt ist

higgs - wozu?
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na, hier sind wohl ein paar docs unterwegs, die nicht aufs golfen auf den sechellen und die alljährlichen, pharmagesponserten lustreisen die man lustigerweise "fortbildungskongresse" getauft hat verzichten wollen - auch die gratis medikamentenproben sind eine anfütterung, und sonst nix.

habt ihr nicht mal so einen komischen eid geschwohren?

Warpsignatur
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Sie sind als kind wohl öfters mit dem kopf gegen den türstock gelaufen, Sie armer...

oweja
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Man soll nicht immer so tun

Als ob man sparen könnte, ohne dass es die Patienten merken. Viele MRT heißen kurze Wartezeit, wenig MRT heißt lange Wartezeit.
Mann kann sparen, vielleicht ohne dass Menschen kürzer leben, aber der gewünschte und geschätzte Service und Komfort wird leiden.

Bernd Marin
10
MRT-Wartezeiten signalisieren Mismanagement, nicht Knappheiten

MRT-Wartezeiten signalisieren reines Mismanagement, nicht Knappheiten, bei uns jedenfalls. Siehe den "Sparansatz" von "BarbaBianco".

Bernd Marin

Warpsignatur
10

was wissen Sie denn über das management von mr-tomographen? da haben Sie ja offenbar eine expertise, oder?

Bernd Marin
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Wartezeiten signalisieren Missmanagement, nicht Knappheiten

Wartezeiten signalisieren reines Missmanagement, nicht Knappheiten, bei uns jedenfalls. Siehe den "Sparansatz" von "BarbaBianco".

Bernd Marin

Bernd Marin
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Komfortzonen

Überspitzt formuliert: Nur eine Straßenbahnstation bis zum nächsten Gamma-Knife wäre sicherlich eine sehr "gewünschte und geschätzte Service und Komfort"-Zone. Sie wäre halt nicht nur unleistbar, sondern auch wenig sinnvoll. Wie viel gesunde Lebenserwartung für alle geht bei welchem "Service und Komfort" für sehr wenige verloren, das ist die entscheidende Frage.

Bernd Marin

BarbaBianco
 
04
Sparansatz

Man liegt 8 Tage im Spital - praktisch ohne gezielte Behandlung. Begründung --> kein MR-Termin frei.

Bei Nachfragen ergibt sich --> MR-Untersuchungen nur zwischen 8:00 und 15:00 möglich. D.h. sündteures Gerät wird praktisch nicht genutzt bzw. die Kosten je Untersuchung erhöhen sich dadurch zwangsläufig.

15 Minuten nach MR-Untersuchung geht der Patient nach Hause --> das Ergebnis gibt es 2 Tage später via Telefon.

Angenommen, die Untersuchung wäre 3 Tage füher gemacht worden. Dann wäre der Patient entsprechend früher nach Hause gegangen. Kostensatz je Tag -> ca. € 500. Was könnte man da mit einfachen Mitteln einsparen?

Von den Behandlungsauswirkungen für den Patienten ist dabei noch keine Rede...

Walles
23
Wir könnten mit unseren Krankenanstalten und ihrer Ausstattung zum Europa-Spital werden?

Unzählige Geschichten im Standard zeigen, dass wir das bereits in hohem Ausmass sind.
Die Tschetschenen reisen aus Polen an, um sich hier gründlich auf etwaige Traumatisierungen durchchecken zu lassen.
Georgische Asylwerberfamilien kommen mit schwerbehinderten Kindern, die nur in umgebauten Flugzeugen transportiert werden können, aus Litauen, um sich hier behandeln zu lassen.
Bis in die Mongolei geniesst das österreichische Gesundheitssystem einen hervorragenden Ruf. Mongolische Asylwerberinnen kommen wegen ihren Lebertransplantationen nach Österreich.

Was will man mehr?

franz der freie
 
25
die bauern erhalten 4,5 milliarden an förderung.

3% der bauern bezahlen 100 millionen an einkommenssteuer, 97 % bezahlen dank der pauschalierung gar keine steuer. der einzige, dem das aufgefallen ist, ist der doralt, der das ab und zu schüchtern sagt. ach ja: die pensionen der bauern werden zu 75% vom staat bezahlt. die eigendeckung ist gerade 25%. zum unterschied die pensionen der asvg sind zu zirka 75% selbst gedeckt, obwohl sehr viel systemfremde leistungen auf die asvg überwälzt wurden. any questions, wo man sparen könnte, wenn man wollte ?

Helicopterman
01
Und der Großteil dieser Förderungen

kommt nicht einmal Klein- und Nebenerwerbslandwirten zugute, sondern Großgrundbesitzern wie Mensdorff sowie diversen Agrarkonzernen, und das ist eine noch viel größere Ubngeheuerlichkeit.

styx12
20

Gute Idee - wir zahlen den Bauern keine Subventionen mehr, besteuern sie voll, zahlen ihnen auch keine Pensionen mehr und sämtliche Sozialleistungen werden ihnen mangels Eigendeckung auch gestrichen.

Nur - dann wird es halt keine Bauern mehr geben, bestensfalls ein paar internationale Agrarkonzerne, die dann für unsere Nahrung sorgen.

Warpsignatur
01

warum ist es zuviel verlangt, von einem bauern dieselbe steuer- und sozialversicherungsleistung zu erwarten, die jeder selbstständige zu erbringen hat? das hat doch nichts damit zu tun, den bauern pension oder sozialleistung zu streichen....

verinus
11

ganz so einfach ist die frage nicht.

die frage sollte lauten: wollen wir unsere nahrungsversorgung aus strategischen gründen zumindest ein einem mindestmaß aufrechterhalten können?

wenn ja, dann müssen wir bauern fördern und zwar in höher des unterschieds der marktpreise zu denproduzentenpreisen. das bauernsterben spricht doch hier auch bände.

natürlich gibs auch hier noch viel zu reformieren, aber prinzipiell läuft alles auf diese frage hinaus.

einkremser Winzer
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Liebe Autoren, was glauben Sie wie viel Geld man mit Prävention versenken wird können?

Dann haben wir eben nicht die "Gesundheitsindustrie" sondern eine "Präventionsindustrie"

Warpsignatur
10

sehr gut erkannt...

Rächer der Enterbten1
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...dann reformieren sie mal die Schikanen,...

...bei den vom Chefarzt zu bewilligenden Rezepten. (Cholesterin, Bluthochdruck)
Langzeitpräparate, wie schon der Name sagt, Arzneien, die vom Patienten ständig genommen werden müssen, sind monatlich abzuholen und bewilligen zu lassen. Früher hats wenigstens Pickerln für 6 Monate gegeben.
Und wennst 3 Tage früher kommst, kriegst nix...
(GKK NÖ)
Das sind die erfolgreichen Sparmaßnahmen in Ö ?
Hab immerhin über 40 Jahre in das System einbezahlt....

naja2010
01
wo wird mehr Geld verloren?

a) Bei verordneten, ausgefolgten, aber nicht eingenommenen Medikamenten? oder
b) Bei Arbeitszeitverkust wegen Arztbesuch zur Verordnung von Langzeitmedikationen, zusätzlich erforderlichen Chefarztaufsuchungen und Medikationsabbruch wegen Frustration über die Schwierigkeiten etc.
Bei a bitte rot, bei b) bitte grün

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