"Unsere Grenze ist das Leben unserer Bürger"

Reportage31. Jänner 2012, 14:06
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Ein Lokalaugenschein am Grenzzaun zum Gazastreifen macht deutlich: Israels Militär traut den positiven Signalen der Hamas nicht

Vom israelischen Wachturm aus betrachtet wirkt der Grenzzaun zum Gazastreifen fragil und klein. Nur einige hundert Meter dahinter ist das Siedlungsgebiet von Beit Hanoun und Gaza-Stadt zu sehen. Zwischen dem von der israelischen Armee bewachten Zaun und den 1,7 Millionen Palästinensern liegt nur ein Stück vom Regen durchnässter Wiese, auch Pufferzone genannt.

"Heute ist der Feind sehr clever", erklärt ein Hauptmann des israelischen Militärs, der seit fünf Monaten entlang dem nördlichen Gazastreifen im Einsatz ist. Er spricht von palästinensischen "Austestern", die sich in dieser Pufferzone bewegen würden, um die Reaktionen der Armeeeinheiten auf solche Annäherungen zu studieren. Eine gefährliche Angelegenheit. Denn wer diesem Zaun zu nahe kommt, wird verhaftet oder gar erschossen. Der Hauptmann, der wie alle Armeeangehörigen in diesem Bericht anonym bleiben möchte, erzählt von einer Operation, bei der am 18. Jänner zwei Palästinenser getötet wurden. Nähere sich jemand dem Zaun, gebe seine Einheit normalerweise Warnschüsse ab oder schieße der Person in die Beine. Doch bei 100 bis 200 Meter Entfernung beginne die kritische Zone.

"Die zwei sind nahe an die Straße gekommen. Wir wussten vom Geheimdienst, dass sie Sprengstoff legen wollten", erklärt er. Als sie nur mehr rund 30 Meter vom Zaun entfernt waren, eröffneten Panzer das Feuer. Beide starben. "Wir mussten sie neutralisieren", sagt der junge Hauptmann in grüner Uniform, den Blick Richtung Grenzzaun gerichtet. Vor dem Zaun sind Betonbarrikaden zu sehen, zu denen die breite Fahrspur eines Panzers führt. Im Hintergrund sind laufend Gewehrschüsse zu hören. Doch darüber müsse man sich keine Sorgen machen. "Das ist nur ein Schießplatz für Zivilisten", sagt er.

"Die schlechte Situation bewahren"

Vom Aussichtsturm geht es im Geländewagen zurück zum "Schwarzen Pfeil" - einem Denkmal, das an eine Militäroperation im Jahr 1955 erinnert, bei der 150 israelische Fallschirmspringer eine ägyptische Militärbasis im Gazastreifen angriffen. Die Operation war eine Vergeltung für die ägyptische Unterstützung der Angriffe palästinensischer Kämpfer. Sie gilt heute als großer militärischer Erfolg.

Doch 56 Jahre später sind die militärischen Erfolge Israels im Gazastreifen schwer auszumachen. Immer noch werden Raketen auf israelisches Territorium geschossen. Der Waffenschmuggel blüht, und der militärische Flügel der Hamas ist wohlauf. Durch Abschreckung und laufende Vergeltungsschläge will Israel die eigene Zivilbevölkerung vor Raketenangriffen schützen. Doch obwohl die politische Führung der Hamas scheinbar vom alten Weg abkehrt und mehr internationale Integration sucht, scheint für den israelischen Militärapparat vorerst alles beim Alten zu bleiben.

Israel habe in Bezug auf den Umgang mit Gaza drei Möglichkeiten, erklärt ein hochrangiger Offizier, der für Südisrael zuständig ist: "Die schlechte Situation beibehalten, mit gutem Vorsatz nach vorne gehen oder eine Militäroperation." Eine große Militäroperation sei jedoch in naher Zukunft nicht wahrscheinlich. Immerhin wolle man nicht bloß "als Übung die alte Munition aufbrauchen".

Zurzeit scheint alles auf die Erhaltung der momentanen Situation hinzudeuten. Obwohl der Offizier einräumt, dass die Hamas durch den Bau vieler Bunker und Tunnels immer schwieriger zu bekämpfen sei und zusätzlich ein wachsendes Waffenarsenal besitze, würde die Zeit nicht unbedingt gegen Israel arbeiten. "Während sie sich vorbereiten, können wir dasselbe tun", sagt er. Der "gute Weg nach vorne" ist durch die Skepsis gegenüber einem positiven Wandel innerhalb der Hamas blockiert. Aus Sicht des israelischen Militärs ist der angekündigte Wandel der Hamas weg von der Gewalt eher zweifelhaft. Grund dafür sind auch die internen Spaltungen der islamistischen Bewegung.

"Ihre DNA ist immer noch der Kampf"

"Die Hamas ist heute in einem Viereck eingeschlossen. Und jetzt suchen sie nach einem Ausgang", meint der Offizier. Und dieser Ausweg habe mehrere Ebenen. Einerseits versuche die Hamas mehr Legitimität zu erlangen. Teil dessen seien die von der politischen Hamas-Führung angekündigte Abkehr von der Gewalt und die häufigen Auslandsbesuche. Andererseits verfolge der militärische Flügel weiterhin ganz andere Ziele.

"Der militärische Flügel folgt nicht unbedingt den Anweisungen der Führung. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen", meint er. Die Hamas habe zwar einen gemeinsamen Körper, aber mehrere Köpfe und Schwänze. "Und ihre DNA ist immer noch der Kampf", sagt er, auch wenn die Hamas-Führung erkannt habe, dass mehr Legitimität durchaus gut für sie sei.

Obwohl die Hamas selbst seit längerer Zeit kaum mehr Raketen auf Israel schießt, wird sie von Israel oft für die Angriffe anderer Gruppen, etwa des Islamischen Jihad, verantwortlich gemacht. Das vor allem deswegen, weil die Hamas das Regime im Gazastreifen kontrolliert.

Im Endeffekt scheint jedoch vor allem ein Gedanke die Sicherheitspolitik Israels zu dominieren. "Unsere Grenze ist das Leben unserer Bürger", sagt der israelische Offizier. Selbst wenn viele der Raketen aus dem Gazastreifen im offenen Feld landen und dort keinen Schaden anrichten, bestehe immer die Gefahr, "dass eine Rakete doch in einem Kindergarten einschlägt". (Andreas Hackl, derStandard.at, 31.1.2012)

  • Von israelische Wachtürmen aus wird der Grenzzaun nicht aus den Augen gelassen.
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    Von israelische Wachtürmen aus wird der Grenzzaun nicht aus den Augen gelassen.

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  • Hinter dem Grenzzaun. Palästinenser laden Schotter auf. Sind es "Austester"?
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    Hinter dem Grenzzaun. Palästinenser laden Schotter auf. Sind es "Austester"?

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