Bei einem Workshop in Wien wird die "methodisch saubere" Arbeit über alle Disziplinen hinweg erörtert
Wien - Mit einem fächerübergreifenden Ansatz wollen sich Historiker,
Genetiker, Evolutionsbiologen, Anthropologen und Archäologen an die Erforschung
ausgewählter Gräberfelder aus dem sechsten Jahrhundert machen. Damit wollen die
Forscher erstmals überprüfen, inwieweit sich die genetischen Befunde mit Daten
aus historischen Quellen und der archäologischen Einordnung von Fundstücken in
den Gräbern decken. Geplant wird die groß angelegte "archäo-genetische"
Pilotstudie im Rahmen des internationalen zweitägigen Workshops "Genetic
History", der derzeit in Wien stattfindet.
"Das ist wirklich etwas Neues", so Walter Pohl vom Institut für
Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im
Gespräch. Bisher hätten Historiker und Genetiker erst sehr selten
zusammengearbeitet. Das liege auch daran, dass solche Kooperationen erst seit
wenigen Jahren interessant seien, da sich die Methoden der Genetik "rasant
weiterentwickelt" hätten. Es sei mittlerweile möglich, genetische Codes aus
Knochen aus alten Gräbern zu extrahieren und diese "alte DNA" dann zu
analysieren.
"Etwas unbekümmert"
Die Archäo-Genetik selbst ist zwar nicht neu, allerdings hätten sich solche
Zusammenarbeiten bisher eher auf prähistorische Wanderungen und in diesem
Zusammenhang auf die Frage, "wer sind unsere Vorfahren", konzentriert. Pohl
beunruhigt, dass dabei oft "etwas unbekümmert vorgegangen" worden sei. Man habe
bei diesen Untersuchungen sehr schnell Verbindungen hergestellt, die aus der
Sicht des Historikers "so kurzschlüssig nicht hergestellt werden sollten". Man
habe nun den Workshop organisiert, um sich darüber auszutauschen, wie man über
alle Disziplinen hinweg "methodisch sauber" arbeiten kann, so der
Wissenschafter.
Das neue Forschungsprojekt
Im Rahmen der Veranstaltung soll auch ein ambitioniertes Forschungsprojekt
auf den Weg gebracht werden, bei dem sich die Forscher vor allem auf das Frühmittelalter,
also die Zeit von 400 bis 1000 unserer Zeitrechnung konzentrieren werden. Im Zentrum stehen die Einsatzmöglichkeiten modernster DNA-Analysen für die historische Forschung und damit die Frage: Wie kann die Genforschung erklären helfen, wie sich Gemeinschaften bilden und Identitäten entwickeln? Das bis 2016 laufende Projekt "Scire" ("Social Cohesion, Identity and Religion in Europe (400-1200)"), für das Pohl einen "Advanced Grant" des Europäischen Forschungsrats ERC erhalten hat, ist an der Universität Wien und an der ÖAW angesiedelt.
Die Wissenschafter wollen mit molekularbiologischen Methoden jeweils 40 DNA-Proben aus
vier ungarischen und italienischen Gräberfeldern aus dem sechsten Jahrhundert
gewinnen. Die Proben sollen aus zwei den Langobarden zugeordneten
Feldern und zwei Grabanlagen, die vermutlich von anderen Gruppen angelegt
wurden, gewonnen werden. So könnte man einerseits ergründen, ob die Proben aus den "langobardischen"
Gräbern tatsächlich genetisch stärker miteinander übereinstimmen und
andererseits analysieren, wie genetisch einheitlich die Gräberfelder "in sich"
sind. Gleichzeitig biete sich die Möglichkeit, Informationen aus historischen
Schriftquellen, die besagen, dass die Langobarden in den Jahren 568/569 vom
heutigen Ungarn nach Italien gezogen sind, zu überprüfen. "Wir lassen uns von
den Ergebnissen auch gerne überraschen", so der Historiker.
Verändertes Bild der der "Völkerwanderungszeit"
Das Bild der "Völkerwanderungszeit" habe sich in den vergangenen dreißig
Jahren stark verändert. Die Sichtweise, dass sich "geschlossene Völker" damals
auf den Weg nach Europa gemacht haben und dabei immer "das selbe Volk" geblieben
sind, habe sich gewandelt. "Wir sehen, wie Gruppen, die als Völker bezeichnet
werden, ihre Zusammensetzung immer wieder ändern." Anhand dieser Periode der
Migration könnte man viel darüber lernen, wie solche Prozesse dabei ablaufen.
Pohl betonte, dass Völker oder ethnische Gruppen vermutlich mehr "kulturell, als
biologisch definiert" seien. Die Zusammenarbeit mit den Genetikern biete eine
gute Möglichkeit dieses Bild zu konkretisieren. (APA/red)