"Wir wollen nicht mehr verlassen werden"

30. Jänner 2012, 18:42

Zunehmende Normalisierung der Minderheitenlage trotz schrägen Geschichtsbildes mancher Türken

Izmir - An der "Universität des 9. September" , so benannt nach dem Tag der Eroberung Smyrnas, des heutigen Izmir, durch die türkischen Truppen am 9. September 1922, ist bisweilen wenig Platz für historische Nuancen. Denn Izmir ist eine Hochburg des kemalistischen Patriotismus, auch wenn die in Ankara regierende AKP selbst hier nun Boden gewinnt.

"Die Türkei ist die Erbin des Osmanischen Reichs" , erklärt eine Studentin bei einer Diskussionsrunde mit Journalisten aus der EU und fährt dann ungerührt fort: "Die Griechen, die Christen haben uns alle verlassen. Wir wollen nicht mehr verlassen werden. Deshalb ist der Zentralismus so wichtig für die Türkei."

Es sollte ein Argument sein gegen die Autonomiebestrebungen der Kurden im Südosten der Türkei. Smyrna aber, so muss man wissen, war einmal eine multikulturelle Stadt, in der Türken, Armenier und Levantiner lebten, und die zeitweise mehr griechische Bewohner hatte als Athen - bis zum "großen Feuer" , wie die Zerstörung der Stadt und die Massaker an Griechen und Armeniern wenige Tage nach der Einnahme Smyrnas heute noch euphemistisch genannt werden.

Türkische Zeitungen und Fernsehsender erinnern in diesen Tagen an die Unterzeichnung der Konvention von Lausanne am 30. Jänner 1923, eines Teilstücks des späteren gleichnamigen Vertrags, das den Bevölkerungstausch von 2,5 Millionen Türken und Griechen festlegte, darunter auch der überlebenden griechischen Bewohner von Smyrna.

Zurückkehrende christliche Minderheiten gibt es aber sehr wohl in der Türkei: Es sind die Familien der assyrischen Christen, die nun das Interesse mancher türkischen Journalisten finden. Die Assyrer waren in den 1980er-Jahren während der Kämpfe der Armee gegen die PKK aus ihren Dörfern im Südosten der Türkei zumeist nach Europa geflohen. Auf 80.000 wird ihre Zahl allein in Schweden geschätzt. Eine "gute Nachricht" nannte Taha Akyol, ein in Minderheitenfragen und der EU-Islamdebatte engagierter Publizist, nun die Rückkehr von mittlerweile 91 von zuvor vielleicht 3000 Familien in den Südosten. Die Assyrer, deren Patriarch bald nach der Gründung der Republik Türkei nach Damaskus umzog, sprechen einen aramäischen Dialekt. Die Wahl eines christlichen Parlamentsabgeordneten der Assyrer 2011 gilt als Zeichen der Normalisierung im Umgang mit den Minderheiten. (mab/DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2012)

jesus mohammed
00
12.2.2012, 14:29
Laut gewissen Literaturpreisträgern wurden in Smyrna zwischen 100.000 und 200.000 Griechen abgeschlachtet.

Zudem wurden insgesamt zwischen 1915 und 1922 eine Million Griechen ermordet, bevor man den Rest vertreiben konnte, der dann gut 25% der Bevölkerung Griechenlands ausmachte. Dementsprechend war das weder für die türkische Bevölkerung Griechenlands, noch für die griechische Bevölkerung Kleinasiens ein "Bevölkerungsaustausch".
Auch fehlt, daß die Westküste Kleinasiens zur Zeit der Eroberung Smyrnas (85% griechisch) durch internationalen Vertrag unter griechischer Verwaltung stand und daß für 1925 dort ein Referendum geplant war, das türkische Partisanen verhindern wollten und deshalb griechische Truppen angriffen. Folglich handelt es sich auch nicht um reguläre türkische Truppen, die die Stadt überfielen; also keine "türkische Eroberung".

fibiundchillie
00
31.1.2012, 15:52

die Abwanderung der assyr Christen hat weit vor den 1980er-jahren begonnen.

die abwanderung auf die pkk-gschicht zu schieben (2 zeilen drunter steht dann eh, "Patriarch nach Gründung der REp. nach Damaskus umgezogen) ist schon wieder eine Unwahrheit.

temporär autonom
 
12
31.1.2012, 12:33
von einem journalisten erwarte ich mir schon mehr lieber markus b.

"Die Wahl eines christlichen Parlamentsabgeordneten der Assyrer 2011 gilt als Zeichen der Normalisierung im Umgang mit den Minderheiten"????

wenn man sich anschaut, von welcher Partei dieser abgeordneter ist, wird klar, dass gewiss nicht von einer normalisierung die rede sein kann. BDP!

was mir hier fehlt, sind geschichtliche informationen.

1) wenn sie in der türkei leben (oder gelebt haben) ist der begriff Aramäer richtig lieber Markus B.

2) auch sie mussten leiden. siehe dazu völkermord an den aramäern

dass eine normalisierung noch lange nicht der fall ist, zeigt z.b. der eintrag über den aramäern in den diesjährigen geschichtsbüchern, wo sie als verrätervolk abgestempelt wurden.

kurd_beobachter
 
22
30.1.2012, 20:43
dieser abgeordnete ist mitglied der BDP ...

normalisierung ? 91 von 3000 familien !

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